Neu im Kino: Drogenhölle, Weihnachtszauber und der Bau des Eiffelturms

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Im Kino geht es in dieser Woche unter anderem um den Bau des Eiffelturms, die Anfänge des Weihnachtsmannes und die Drogenhölle von Zürich.

Ein Junge namens Weihnacht

Während mancherorts bereits ein vorweihnachtlicher Lockdown geplant wird, versucht man zugleich ab dieser Woche, wenigstens im Kinoprogramm die besinnliche Zeit des Jahres einzuläuten. Dabei will eigentlich auch in „Ein Junge namens Weihnacht“ zunächst keine Feststimmung aufkommen. Die Mutter der Familie ist gestorben, jetzt steht die ruppige Tante Ruth (Maggie Smith) vor der Tür, um den trauernden Kindern von den jungen Jahren des Weihnachtsmannes zu berichten: Nikolas (Henry Lawful), so sein Name, bricht in Finnland auf, um seinen Vater zu finden und gerät dabei in ein wundersames Weihnachtsdorf, wo eine böse Zauberin (Sally Hawkins) allerdings strikte Abschottungspolitik betreibt.

Das ist zweifellos nett anzusehen mit all den handgemachten Details, mit seiner aufwändigen Ausstattung, aber auch mit seinem finsteren Humor. So ganz kann Regisseur Gil Kenan („Monster House“, „Poltergeist“) seine Horrorfilm-Wurzeln nicht verleugnen. Zugleich gibt das Kino-Märchen allen Weihnachtsmuffeln genügend Grund, um muffelig zu sein. Die soziale Frage wird da anfangs eröffnet. Dem König klagt man sein Leid: Ein Gesundheitswesen muss her, genügend Nahrung für alle. Doch das Oberhaupt winkt beschwichtigend ab, man brauche bloß ein Wunder, das wieder neue Lebensfreude entfacht.

Was als bissiger und allzu aktueller Gag verkauft wird, bedient sich später genau dieses perfiden, entpolitisierenden Narrativs. Etwas Zwischenmenschlichkeit und Verständnis füreinander, etwas gebastelter Ramsch, mit Liebe erfülltes Material, das man sich gegenseitig unter den Christbaum legen kann und schon sind alle fundamentalen Probleme vergessen. Zumindest für ein paar Tage im Jahr. Wem das als Glücksmoment reicht…

Platzspitzbaby

Dieser Film beginnt wahrhaft apokalyptisch. Ein junges Mädchen irrt durch die Drogenhölle des Züricher Platzspitz, um ihre Mutter zu finden. 1992 wird der Drogen-Hotspot geräumt. Das Mädchen, Mia, und ihre heroinsüchtige Mutter Sandrine ziehen in die Provinz, doch Sucht- und Finanzprobleme bleiben. Sandrine bringt sich und ihr Kind immer wieder in Gefahr, macht ihre Tochter zur Komplizin. Man stellt sich indes durchaus die Frage, ob die filmische Form, die „Platzspitzbaby“ wählt, tatsächlich ein gelungenes Mittel der Begegnung mit diesem Stoff darstellt. Regisseur Pierre Monnard hat hier den vielfach verkauften und diskutierten literarischen Erfahrungsbericht von Michelle Halbheer verfilmt. Für das Kino verpackt er ihn in durch und durch naturalistische, ungeschönte Schreckensbilder.

Das mag als ein Beispiel von vielen Fällen seine Dringlichkeit besitzen. Da stecken spannende Zwickmühlen drin, gerade dann, wenn es um die Hilflosigkeit der Behörden geht. Davon abgesehen, dass dieser nicht enden wollende Albtraum von den beiden Hauptdarstellerinnen Luna Mwezi und Sarah Spale in ihrer toxischen Mutter-Tochter-Beziehung eindrucksvoll, intensiv gespielt ist. Nichtsdestotrotz gelingt es „Platzspitzbaby“ kaum, sich vom Eindruck einer bloßen Elendsreportage abzuheben.

Die spannende Mutterfigur wird zur undurchschaubaren Schreckensgesalt, mit ihrer Perspektive hadert dieser Schweizer Kinoerfolg bis zum Schluss. Das Leid des Kindes, dessen Annäherungen an eine Form von Noramlität dauernd zum Scheitern verurteilt sind, ist schnell begriffen. Der Rest ist ein zweifellos anrührender, erschütternder, aber auch wenig ergiebiger Teufels- und Suchtkreislauf, der lediglich noch schlimmere Ereignisse und Wendungen zu Tage fördert.

Eiffel in Love

Was für ein Wortspiel! Lachen und schämen möchte man sich gleichermaßen über den Titel, doch man muss das Zugeständnis machen: Er bleibt stärker im Gedächtnis als das, was es in „Eiffel in Love“ dann tatsächlich auf der Leinwand zu sehen gibt. In das 19. Jahrhundert führt Martin Bourboulons Historienschinken. Gustave Eiffel (Romain Duris) will für die Pariser Weltausstellung den nach ihm benannten Turm entwerfen und bauen lassen, während er amouröse Konflikte mit seiner Jugendliebe Adrienne (Emma Mackey) auszutragen hat. Der Rest ist Geschichte.

Da ringt nun einer in seinem Narzissmus und Größenwahn darum, jenes ikonische, phallische Ungetüm in die Landschaft zu verpflanzen. Zweifellos: Bourboulon inszeniert einige packende Momente vom Bau des Eiffelturms, von den mühsamen wie beinahe unbegreiflichen Erfindungen und Konstruktionen, die dafür nötig waren, während das Material bedrohlich ächzt und dröhnt. „Eiffel in Love“ ist Ausstattungskino, dessen Welt atmen darf. Die Kamera durchwandert diesen Historienkosmos, der nicht nur als künstliche Kulisse herhalten muss, sondern wahrlich zum Leben erweckt wird. Authentizität ist da wohl das fragwürdige Stichwort.

Zugleich ersticken Fragen nach Ausbeutung von Arbeitern, Sinn und Unsinn dieses kolossalen Unterfangens in bloßem Staunen und Rechtfertigen. Der imposante Ausblick über die Stadt entschädigt für alle Grautöne. Was kümmert uns das Geschwätz von damals? Zu solchen schwierigen Gedanken verleitet diese eher langatmige Geschichtsstunde. Was geht uns in „Eiffel in Love“ heute an? Leider zu wenig. An der Ikonographie seines Bauwerks, am Nationalmythos vermag dieses Werk nicht sonderlich zu kratzen.

Außerdem seit dem 18. November im Kino:

  • Große Freiheit (hier geht’s zur ausführlichen Kritik von DIGITAL FERNSEHEN)
  • Ghostbusters: Legacy
  • Mein Sohn
  • The Power of the Dog
  • Die Addams Family 2
  • JFK Revisited
  • Pitbull
  • Das Land meines Vaters
  • Mitra
  • First Cow
  • W. – Was von der Lüge bleibt
  • Krieg und Frieden
  • Tagundnachtgleiche
  • Hilfe, die Kinder sind zurück!
  • Kabul, City in the Wind

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