Neu im Kino: Kampf gegen die Cosa Nostra in „Il Traditore“

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© Fabio Lovino / Pandora Film
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In den 1980er Jahren wurde Tommaso Buscetta alias Don Masino zur Schlüsselfigur in einem Prozess gegen die Mafia. Ab dieser Woche läuft mit „Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra“ eine Filmbiografie über sein Leben in den Kinos.

Das Kino liebt die Mafia. Hollywood wäre um so einige große Epen ärmer, wenn da nicht die Geschichten um Blutsbande, Ehre, Verrat und die ganz großen Geschäfte wären. Von „Der Pate“ über „Casino“, „Suburra“ und zuletzt „The Irishman“ schwankten die Erzählungen über die Mafia zwischen großen Karrien, Kapitalismus-Kritik, biedermeierlichem Familiendrama und finsteren Untergangsvisionen. Man möchte zunächst meinen, in diesem Genre bereits alles gesehen zu haben. Interessant ist jedoch, dass die großen Mafiafilme in den vergangenen ein bis zwei Jahren vermehrt eine bemerkenswerte neue Richtung eingeschlagen haben.

Zu erwähnen sind da unbedingt Werke wie „Gomorrha“ oder jüngst „Paranza – Der Clan der Kinder“, die auf die investigativen Enthüllungen des Journalisten und Buchautoren Roberto Saviano zurückgehen. In denen auf radikale Weise eine Ergründung der Zeitgeschichte stattfindet und die weltweiten Verflechtungen und Auswirkungen mafiöser Arbeiten in ihrer ganzen Komplexität begreifbar werden. Man möchte fast meinen, das Mafia-Kino sei reflektierter geworden. Selbst in Scorseses „Irishman“ war ja zum Schluss so etwas wie Reue erkennbar. Natürlich darf etwa „Der Pate“ weiterhin ein großes Meisterwerk sein, doch das Mafiakino der Gegenwart wendet sich offenbar so langsam von dem großen Pathos ab und hin zur differenzierten Aufarbeitung. „Il Traditore“ schließt genau dort an und zeigt einen der prominentesten Gerichtsfälle rund um die sizilianische Mafia (mit einigen erzählerischen Freiheiten) als verzwickte Historienstunde.

Im Gerichtssaal gegen die Mafia

„Il Traditore“ rückt Tommaso Buscetta ins Rampenlicht, ein hochrangiges Mitglied der Cosa Nostra. In den 1980er Jahren hat sich Buscetta während der brutalen Mafia-Kriege nach Brasilien abgesetzt. Seine Verwandten und Vertrauten werden derweil in gewalttätige Abrechnungen und Fehden zwischen den verschiedenen Clans verwickelt. Die Mafia streckt auch nach dem untergetauchten Buscetta ihre Finger aus. Doch 1982 kommt ihr die brasilianische Polizei zuvor. Buscetta wird verhaftet und soll nach Italien ausgeliefert werden. Doch der Mafiaboss zieht seinen Kopf aus der Schlinge, indem er den Behörden anbietet, vor Gericht sein Schweigen zu brechen. Er wird der titelgebende „Verräter“.

© Pandora Film

Es ist ein kaum zu überblickendes Geflecht, das der Film da ausbreitet. Eines, das selbst die lange Laufzeit von zweieinhalb Stunden fast zu sprengen scheint. Figuren werden vielmehr im Bild beschriftet als vom Drehbuch eingeführt. Gefallene sind quasi nur noch Zahlen auf der Leinwand. Direkt zu Beginn tummeln sich unzählige Charaktere auf einem großen Familienfest. Einige Momente später ist die Hälfte von ihnen auch schon wieder ermordet. Die kürzlich gestartete Sky-Serie „Gangs of London“ hat es sich da leichter gemacht! Dort findet man sich irgendwann damit ab, dass die Verwicklungen der Kriminellen so unübersichtlich geworden sind, dass sie, nunmehr als unsichtbare Gefahr, nur noch in einem kunstblutgetränkten Gewaltinferno über die Protagonisten hinwegfegen.

Zwischen Doku und Spielfilm

„Il Traditore“ ist weder an Gewalteskapaden noch an privatem Charakter-Geplänkel, sondern in erster Linie am Rekonstruieren der politischen Dimension interessiert. Fast etwas zu sehr! Die Krux dieses Mafia-Dramas liegt darin, dass ihm das Filmische etwas abhandenkommt. Der raue Look, die dichte Atmosphäre, der Schleier der alten Hollywood-Erzählungen liegt zwar noch über diesem Film, doch er verschließt sich in gewisser Weise einer Zugänglichkeit. Gerade weil ihm die Identifikationsfiguren, die filmischen Zuspitzungen, letztlich ein echter Spannungsbogen fehlen. Selbst zu der kühlen Figur Buscetta will man nie so wirklich durchdringen.

Ergibt ein mitunter durchaus schleppendes, allzu nüchtern erzähltes Unterfangen. Auf der anderen Seite ist gerade dieser Hang zum beinahe journalistischen Durchspielen auch das große Faszinosum von „Il Traditore“. In die fiktionalisierten Dialoge und nachgespielten Ereignisse brechen immer wieder montiertes Archivmaterial und Originalzitate. Ergibt einen fordernden Hybriden aus Spielfilm und Reportage. Gerade der nicht enden wollende bizarre Gerichtsprozess könnte in dieser Form auch als Dokumentartheater auf eine Bühne gebracht werden. Durchwachsenes Erzählkino ist „Il Traditore“, zähe 150 Minuten, aber zugleich ein ungeheuer reichhaltiges Zeitdokument.

Seit dem 13. August läuft „Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra“ in den deutschen Kinos.

Bildquelle:

  • iltraditorefamilie: Pandora Film
  • iltraditore: © Copyright: Fabio Lovino / Pandora Film

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