Werner Herzogs „Königin der Wüste“ im Hollywood-Style

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Bild: © Romolo Tavani - Fotolia.com
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In seinem neusten Werk bringt Werner Herzog mit „Königin der Wüste“ die Lebensgeschichte der Britin Gertrude Bell, gespielt von Nicole Kidman, auf die Leinwand. Doch statt das Exzentrische in den Mittelpunkt zu rücken, präsentiert Werner Herzog in seinem jüngsten Werk eher Hollywood-Zuckerguss.

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Werner Herzog liebt die Exzentriker, Egomanen, Einzelkämpfer. In seinen Filmen, wie in seinem Leben. Wer sonst hätte mit Klaus Kinski gleich mehrere Filme drehen können? Herzog porträtiert in seinen Werken Menschen, Situationen, Landschaften der Extreme. Und er will das Fiktive nicht vom Dokumentarischen trennen.
 
Kein Wunder also, dass er sich in seinem jüngsten Werk „Königin der Wüste“ der realen Person Gertrude Bell (1868-1926) widmet. Jener Britin, die Anfang des vergangenen Jahrhunderts in zahlreichen Expeditionen die entlegensten Wüstenregionen des Nahen Ostens erkundete, die Menschen ebenso wie die Natur verstand und maßgeblich an den Grenzziehungen nach dem Ersten Weltkrieg in der Region beteiligt gewesen sein soll. Zuvor hatte sie als eine der wenigen Frauen in Oxford studiert. Ein Stoff ganz nach Herzogs Geschmack.
 
Nicole Kidman spielt diese außergewöhnliche Frau, die gern auch weibliche „Lawrence von Arabien“ genannt wurde, diese unerschrockene, intelligente Britin aus gutem Hause, der das Leben in der Heimat zu häuslich wird. Ihren Vater bittet sie, sie in Ausland zu schicken. So landet sie schließlich in Teheran, wo sie sich ausgerechnet in den windigen, spielsüchtigen Botschaftsangestellten Henry Cadogan (James Franco) verliebt. Er bringt ihr Farsi bei, küsst sie unter den Augen eines gierigen Geiers (ein skurriles Herzog-Bild), rezitiert Gedichte und hält schließlich um ihre Hand an. Arrogant-windig legt Frauenheld Franco diese Figur an.

Bells Eltern jedenfalls lehnen ihn als zukünftigen Mann ihrer Tochter ab. Als Bell in die Heimat reist, um diese umzustimmen, kommt Cadogan unter mysteriösen Umständen ums Leben. Bell beschließt, fortan ihre Liebe der Wüste, dem intellektuellen und kulturellen Leben der Beduinen, Stammesführern und sonstigen Herrschern der Wüste zu widmen. Es fallen so Sätze wie „Mein Herz gehört nur noch der Wüste“. Das ist aus dem Munde der ewig sauberen, nach Lichtschutzfaktor 50 glänzenden Kidman nur kaum zu ertragen – glaubwürdig ist sie schon gar nicht.
 
Glücklicherweise tritt da schon der nächsten Verehrer in ihr Leben: der verheiratete Generalkonsul Charles Doughty-Wylie („Homeland“-Star Damian Lewis). Von ihm lässt sie sich bewegen, für den britischen Geheimdienst zu arbeiten – und öffnet ihm dann auch gleich noch ihr Herz. Doch das Schicksal meint es auch mit dieser Liebe nicht gut.
 
Zwischendurch vermittelt sie zwischen verfeindeten Stämmen oder diesen und den Briten, trifft auf ihr männliches Pendant T.E. Lawrence (kauzig und zugleich spitzbübisch gespielt von „Twilight“-Star Robert Pattinson), der später selbst als Lawrence von Arabien in die Geschichte eingehen soll, lehnt freundlich ab, als ein Stammesführer sie in ihr Harem aufnehmen will und nimmt vom Mond erhellt im durchschimmernden weißen Unterkleid ein Bad in einer Oase. Manchmal ballern ein paar Beduinen auch herum, Kamele büxen aus oder verrecken, alles keine Situationen, die man nicht mit einem diplomatischen Gespräch bei einem Tässchen Tee lösen könnte.

Tatsächlich bietet Bells Lebensgeschichten einen fantastischen Filmstoff, ihre Erkenntnisse und Erfahrungen als Wüstenforscherin, Ethnologin, Abenteurerin und Friedenstifterin, ihre Entbehrungen, Strapazen, Auseinandersetzungen in der Wüste. Doch Herzog konzentriert sich auf die amourösen Beziehungen, schwelgt in Bildern und scheut weder Pathos noch Kitsch. Das ist mitunter hübsch anzusehen, wird auf Dauer aber langweilig.
 
Regisseur Herzog banalisiert Geschichte, zeigt eben nicht die Frau, die die Fremde und letztendlich sich selbst entdecken will in der Einsamkeit und wider jeder Vernunft. Da ist nicht mehr das Exzentrische, Egomane, sondern vor allem viel, viel Hollywood-Zuckerguss. Ob’s an Herzogs langjähriger Wahlheimat Kalifornien liegt, ein Zeichen von Altersmilde ist oder der einstige Anarcho-Filmer mit dem Werk doch noch ganz anderes im Sinn hat, wird wohl die Zukunft zeigen.Kinokritiken im Überblick
[Britta Schmeis/kw]

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  • Inhalte_Kino_Artikelbild: © Romolo Tavani - Fotolia.com
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