goEast-Festival: 5 Streamingtipps für das Wochenende

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"The Painted Bird" von Vaclav Marhoul
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Immerhin ein klein wenig Kinofeeling für zu Hause: Noch bis zum 11. Mai bietet das Festival für mittel- und osteuropäisches Kino ausgewählte Filme aus seinem Programm online zum Streamen an.

Es ist die 20. Ausgabe des goEast-Festivals. In diesem Jahr kann die Jubiläumsausgabe des Wiesbadener Filmfestivals aufgrund der Corona-Pandemie allerdings nur in einer abgewandelten Form stattfinden. Einige Veranstaltungen wurden auf spätere Termine im Jahr verschoben, andere finden online statt (DIGITAL FERNSEHEN berichtete).

Ausgewählte Werke hat das goEast darüber hinaus in einer VoD-Mediathek zum Ausleihen veröffentlicht. Jeder Titel kostet 6,50€. Anschließend sollen die Filme einen Tag lang zum Anschauen verfügbar sein, wie der Website des Festivals zu entnehmen ist. Darunter findet sich eine abwechslungsreiche Mischung aus düsteren Sozialdramen, theatralen Experimenten, kontroversen Festival-Titeln und schrägen Trash-Streifen, auch wenn mit den 13 VoD-Filmen nicht die gesamte, über 100 Werke umfassende Programmvielfalt erfasst werden kann.

DF hat das VoD-Programm des 20. goEast unter die Lupe genommen. Folgende fünf Filme sollte man sich nicht entgehen lassen:

„Western“ (2017)

Mit Laiendarstellern gelingt es Valeska Grisebach, das Genre des Western neu zu befragen und zugleich einen hoch politischen Film abzuliefern. In ihrem dritten Spielfilm schickt Grisebach eine Gruppe deutscher Bauarbeiter zu einem Auslandseinsatz in die bulgarische Provinz. Vorurteile und Konkurrenzkämpfe brodeln in der Gruppe, die Annäherung an die örtlichen Dorfbewohner wird zur Herausforderung.

Mit teils quälender, aber konsequenter Ruhe taucht „Western“ in den Arbeitsalltag dieser neuen Generation von Cowboys ein, die in sengender Hitze schuften und sich mit ihrer eigenen Vorstellung von Männlichkeit konfrontiert sehen. Ein Westernfilm im europäischen Grenzgebiet und eine authentische, subtile Beobachtung über die Begegnung mit dem Fremden. Für Grisebachs Kritikerliebling von 2017 gab es unter anderem einen Deutschen Filmpreis sowie den Preis der deutschen Filmkritik.

„Oleg“ (2019)

Welches System ist schlimmer? Das Innere, das sich seine eigenen sadistischen Machtstrukturen schafft, in dem Gescheiterte missbraucht werden? Oder das Äußere, das diese Ausbeutung erst ermöglicht und sogar bewusst in Kauf nimmt, sofern etwa der günstige Preis des Fleisches stimmt, aus dem zuvor noch ein abgetrennter Finger entfernt wurde, der die Odyssee des titelgebenden Oleg in Gang setzt.

Der lettische Gastarbeiter versucht sich als Metzger in Brüssel und gerät schließlich in die Fänge eines Mafiabosses. Regisseur Juris Kursietis fängt die Abwärtsspirale seines orientierungslosen Protagonisten nicht frei von einigen Längen und Klischees, aber mit großer immersiver Kraft ein. Die hyperaktive Kamera taumelt rastlos durch das Geschehen, alles dreht sich um sich selbst, Entkommen unmöglich. Ein Film der Stunde!

„Andrey Tarkovsky: A Cinema Prayer“ (2019)

Andrei Tarkovsky gilt mit Meisterwerken wie „Solaris“ und „Stalker“ als einer der größten Regisseure des 20. Jahrhunderts. Über 30 Jahre nach dessen Tod lässt Tarkovskys Sohn in „Andrey Tarkovsky: A Cinema Prayer“ die Gedankenwelt des Kinopoeten noch einmal mit seltenen Archiv- und Tonaufnahmen lebendig werden. Ein Einstieg in sein Werk und ein Requiem zugleich.

Herausgekommen ist ein meditativer, ästhetisch anspruchsvoller Filmessay, der sich etwas zu sehr in Tarkovskys Spiritualität flüchtet und dabei doch zur universellen Bedeutung der Kunst vordringt, die gerade heute wichtiger denn je scheint. Tarkovsky Junior versucht zum Glück keine Entmystifizierung, keine vollständige Erklärung für die komplexen Filme der Regielegende. Vielmehr ist sein Dokumentarfilm ein kleines, aber bedeutsames Puzzleteil.

„Jesus Shows You The Way To Highway“ (2019)

CIA-Agent Gagano will eigentlich mit seiner Freundin eine Kickbox-Schule eröffnen, doch ein letzter Einsatz ist für ihn zunächst fällig. Gagano begibt sich in eine virtuelle Realität, wo er nicht nur auf einen Batman-Verschnitt, sondern auch auf Stalin höchstpersönlich trifft. Verrückter kann man die Vergangenheit wohl kaum aufarbeiten, denn „Jesus Shows You The Way To Highway“ verwandelt sich zu einem Fest für Freunde des Trashkinos.

Die Komödie zitiert sich irgendwo zwischen „The Greasy Strangler“ und „Kuso“ durch die Geschichte der B-Movies. Von Anleihen an die zahlreichen James-Bond-Trittbrettfahrer über das asiatische Kung Fu-Kino bis zum 70er- und 80er-Science-Fiction-Trash ist alles dabei. Viel Substanz gibt das Ganze nicht her, ein liebevoller Exzess ist es dennoch geworden. Der mit Abstand schrägste Film im VoD-Programm des goEast!

„The Painted Bird“ (2019)

Das Must See des Festival-Programms! Václav Marhouls kontrovers diskutierte Literaturverfilmung beginnt damit, wie ein kleiner Junge mit einem Frettchen im Arm durch den Wald flieht. Schließlich wird er verprügelt, das Tier wird angezündet und damit ist der Ton gesetzt für den folgenden, knapp dreistündigen Höllentrip mit Anleihen an Andrei Tarkovsky und Bela Tarr. Der jüdische Junge wurde zum Schutz zu einer Pflegemutter aufs Land geschickt. Nach deren plötzlichen Tod begibt sich der Junge auf eine Reise, bei der er nicht nur mit den Grausamkeiten der Landbevölkerung konfrontiert wird, sondern schließlich auch in die Wirren des Zweiten Weltkriegs gerät.

Marhouls diskussionswürdiger, ebenso albtraumhafter wie bildgewaltiger Schwarz-Weiß-Film ist in seiner Härte kaum zu ertragen. Der Regisseur wagt sich über das Genre des Kriegsfilms hinaus, inszeniert vielmehr eine fast mythische Weltuntergangsparabel. So altbekannt das Narrativ von der geraubten Kindheit sein mag, so kunstvoll und fesselnd setzt es Marhoul um. „The Painted Bird“ ist eine verstörende Gewaltstudie, voller eindringlicher Metaphern über Aberglaube, Barbarei und blinden Hass, der in der größten Katastrophe der Menschheit gipfelte.

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