Knüwer: „Telekomkonzerne haben nichts von Netzneutralität“

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Bild: © Phongphan Supphakank - Fotolia.com
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Insbesondere durch die Forderungen nach diskriminierungsfreier Durchleitung von Daten durch das Internet bei Inhalten von Video-on-Demand-Anbietern sind Telekommunikationsunternehmen, die auch selbst Inhalte-Plattform sind, mit dem Begriff der Netzneutralität erneut konfrontiert worden. Worum geht es dabei überhaupt? DF sprach mit Thomas Knüwer, Gründer der digitalen Strategieberatung Kpunktnull aus Düsseldorf.

Herr Knüwer, mal einfach für alle Leser erklärt: Was soll die Netzneutralität überhaupt garantieren?
 
Thomas Knüwer: Netzneutralität garantiert Chancengleichheit und funktionierenden Wettbewerb. Wäre sie festgeschrieben, hätten neu auf einen Markt kommende Unternehmen keine Nachteile gegenüber Mitbewerbern. Ohne Netzneutralität können sich existierende Unternehmen eine Markteintrittsbarriere erkaufen. Zum anderen verhindert Netzneutralität eine marktwirtschaftliche Absurdität: Auf keinem Markt müssen zwei Seiten für eine Leistung bezahlen. Doch was mit dem Wegfall der Netzneutralität droht, ist genau das: Einerseits würden die Leitungskunden an die Telekomkonzerne zahlen, andererseits die Aussender der Daten.

Was hat der Kunde von dieser Gleichbehandlung der Daten? Nicht jede Email ist doch wichtig. Oder anders gefragt: Ist eine Priorisierung von bestimmten Daten nicht sogar sinnvoll?
 
Knüwer: Eine Email kann total unwichtig sein – oder aber total wichtig. Wer soll das entscheiden? Das kann nur der, der sie einerseits liest und andererseits die Prioritäten des Empfängers kennt. Bedeutend wird Netzneutralität bei hohen Datenmengen, zum Beispiel beim Streaming. Ohne Netzneutralität werden die Telekomkonzerne sowohl bei Unternehmen und Bürgern abkassieren, als auch bei jenen, die diese Daten aussenden. Somit wird die Verbindungsqualität für Geschäfts- wie Privatkunden schlechter – es sei denn, sie zahlen. Während die ganze Welt also daran arbeitet, dass Unternehmen wie Bürger schneller und günstiger ins Internet kommen, weil das die Voraussetzung für einen wettbewerbsfähigen Wirtschaftsstandort ist, arbeitet die Lobby der deutschen Telekomkonzerne am Gegenteil: Sie will den Wirtschaftsstandort Deutschland aus dem 21. Jahrhundert heraushalten. Und die Große Koalition ist ihr willfähriger Dienstleister bei diesem Deutschland-feindlichen Projekt.
 
Inwiefern profitieren Video-on-Demand-Anbieter von der Netzneutralität?
 
Knüwer: Video on Demand bedeutet hohe Datenmengen. Somit schafft Netzneutralität ein faires Spielfeld für alle Anbieter. Ohne Netzneutralität aber könnten die Telekomkonzerne ihre VoD-Dienste weiter auf höchster Stufe laufen lassen, während die anderen Anbieter zahlen müssten. Das wird die Kartellbehörden sicher interessieren.
 
Was haben Telekommunikationskonzerne von der Netzneutralität? Verdienen diese am Ende sogar daran?
 
Knüwer: Telekomkonzerne haben nichts von der Netzneutralität, außer der Ruhe vor einer logischen Diskussion: Wenn Video-on-Demand-Dienstleister nämlich für eine bevorrechtigte Durchleitung zahlen müssen, T-Home Entertain aber beispielsweise nicht, kann es nur eine Lösung geben: die Zerschlagung der Deutschen Telekom. Ansonsten ersparten sie sich auch den Ruf, Feinde des Technologiestandortes Deutschland zu sein. Wäre ja auch etwas.
 
Die Telekommunikationskonzerne bauen doch aber ihr Netz stetig aus. Von Vectoring, Glasfaser bis ins Haus und demnächst sogar Super-Vectoring ist die Rede. Geschwindigkeiten von „bis zu“ 100 MBit/s sollen jedem deutschen Haushalt ab 2018 zur Verfügung stehen. Ist das also eher eine Sache des europäischen Auslands und in Deutschland gar kein Problem?
 
Knüwer: Faktisch baut Deutschland nicht aus. Die Telekom-Lobby hat erwirkt, dass zunächst einmal das Kupfer-Netz ausgelastet werden soll. Deshalb wird in Deutschland als Breitband bezeichnet, was in anderen Ländern als technische Störung gilt. Es ist auch keineswegs so, dass einer der Lobbyisten sich mit der Idee hervortut, ab einem bestimmten Ausbaupunkt Netzneutralität zu akzeptieren. Somit können wir davon ausgehen, dass die drohende Ausnehmerei anhalten soll. Die Telekomkonzerne haben ihr Geschäft nicht im Griff und die Allgemeinheit soll dafür zahlen – dauerhaft.
 
EU-Kommissar Oettinger sieht Gefahren bei der Netzneutralität. Kritiker befürchten schon seit längerer Zeit Fernoperationen, die mit Netzneutralität schief gehen können oder selbstfahrenden Autos, die dann verunglücken oder Fehlübertragungen in Rettungswagen. Kann die Netzneutralität wirklich eine Gefahr werden, die solche Auswirkungen nach sich zieht?
 
Knüwer: Wer auch nur 30 Sekunden über diese Argumente nachdenkt, wird erkennen, dass Oettinger entweder sehr inkompetent ist – oder uns für dumm verkauft. Die Autos sind das beste Beispiel: Selbstfahrende Autos verunglücken ohne Datenverbindung? Also dürfen sie nicht in Tunneln fahren? Oder auf dem platten Land? Klingt schon mal unwahrscheinlich, oder? Wer würde so etwas bauen? Ganz einfach: niemand. Selbstfahrende Autos benötigen keine Datenverbindung und niemand wäre geistesgestört genug, an solch einer Steuerung zu arbeiten – außer Günther Oettinger. Und was die Operationen betrifft: Die laufen heute schon mit abgesicherten Leitungen. Gäbe es übrigens tatsächlich Leitungsprobleme, dann hätten wir doch sicher schon von Todesfällen gehört, oder? Haben wir aber nicht. Solche Operationen sind und bleiben aber kein Massenphänomen. Denn würden sie ein solches, hätten wir plötzlich Fern-OP-Zentren, in denen reine Fern-Chirurgen arbeiten. Doch warum sollten die günstiger und besser sein, als sie im jetzt üblichen Krankenhaussystem zu installieren? Auch hier gilt: ein wenig menschliche Logik hilft, um hinter die fadenscheinigen Argumente der Telekom-Lobby zu blicken.
 
Vielen Dank für das Gespräch.
 
Das Interview gibt die Meinung des Interviewpartners wieder. Diese muss nicht der Meinung des Verlages entsprechen. Für die Aussagen des Interviewpartners wird keine Haftung übernommen.[red]

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  • Medien_Maerkte_Artikelbild: © Phongphan Supphakank - Fotolia.com

10 Kommentare im Forum

  1. Telekom wird alles dran setzen, dass es zu dieser Diskussion nicht kommt. Dass ein großer Infrastrukturanbieter auch Anbieter von Inhalten ist, sollte sowieso die Kartellbehörden interessieren. Nicht nur bei der EU, auch in Deutschland. Das kann den Wettbewerb behindern und tut es bereits. Ich kann Maxdome, Netflix & Co nicht ruckelfrei gucken. Der Telekom sei Dank! Das ist großer Mist.
  2. AW: Knüwer: "Telekomkonzerne haben nichts von Netzneutralität" John Oliver: Net Neutrality https://www.youtube.com/watch?v=fpbOEoRrHyU
  3. AW: Knüwer: "Telekomkonzerne haben nichts von Netzneutralität" Dann muss der Fehler bei dir im Heimnetzwerk liegen oder lass mal deine Leitung prüfen. Kann ohne Probleme Amazon, Netflix und Maxdome schauen. Besonders Netflix und Maxdome haben Verträge mir der Telekom und können über den Media Receiver auch genutzt werden.
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