NDS soll kanadischen Pirateriering versorgt haben

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Bild: © Phongphan Supphakank - Fotolia.com
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London -Der Verschlüsselungsanbieter NDS muss sich schwerer Vorwürfe erwehren: Der US-Pay-TV-Anbieter Echostar und sein Codierer Nagrastar werfen der Murdoch-Tochter vor, einen Piraterie-Ring aufgebaut und unterstützt zu haben.

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Laut Anklageschreiben, welches DIGITAL FERNSEHEN vorliegt, soll NDS mithilfe von Hackern an die wichtigen ROM- und EEPROM-Codes der Nagrastar-Smartcards gelangt sein, die das Dish-Network von Echostar schützen. Dafür habe man den Hackern eigens ein Hochtechnologielabor in Hajfa (Israel) aufgebaut, wie es weltweit nur sechs Stück geben soll.

Nachdem NDS-Hacker, so das Klageschreiben weiter, den Echostar-Smartcards mithilfe von Säurebädern, Elektronenmikroskop, Laser- und Ionestrahlbehandlung die Geheimnisse entlockt hatten, habe man gezielt den Kontakt zu kanadischen Piraten aufgenommen. Auf offene Ohren sei man schließlich bei Al M. gestoßen, der seit 1998 gezielt Piraten als Verkäufer rekrutiert hat.
 
Bezeugt wird die Zusammenarbeit zwischen M. und NDS von einem zweiten kanadischen Piraten. In einer eidesstattlichen Erklärung, die DF ebenfalls vorliegt, bestätigt Reg S., dass M. ihm mehrfach angeboten habe, als Komplize beim Verkauf der gehackten Echostar-Smartcards mitzumachen. Während eines Telefonats vom April 1999 versuchte M. seinen langjährigen Bekannten S. erneut zum Komplizen zu machen. Dabei soll M. erklärt haben, dass NDS hinter dem Smartcard-Hack stehe und auch den Smartcardhandel schützen und kontrollieren will. In diesem Zusammenhang bestätigte M. den Hacker Chris T. als Verbindungsmann zu NDS.
 
Auf Nachfrage von DF wollte der NDS-Sprecher nicht detailliert auf diese Vorwürfe eingehen. In einem allgemeinen Statement erklärte NDS, dass die Anschuldigungen „keinen Wahrheitsgehalt“ hätten. Die Kläger können derweil ihre Vorwürfe untermauern. Einen Monat nach dem Telefonat zwischen M. und S., im Mai 1999, durchsuchten kanadische Behörden das Haus von S. . Dabei fand sich an seiner Kühlschranktür eine Gesprächsnotiz mit den Details aus besagtem Telefongespräch. Ein DirecTV-Mitarbeiter, der bei der Durchsuchung dabei war, hielt den Zettel auf Videoband fest.
 
Anfang 1999 tauchten die ersten illegal freigeschalteten Echostar-Smartcards auf. M. war es laut Klage zwischenzeitlich gelungen, weitere Piraten für den Verkauf zu gewinnen. Für 300 bis 400 US-Dollar wurden die gepatchten Echostar-Karten auf dem Schwarzmarkt angeboten. Technik und Know-How kamen laut Klage von dem angeblich bei NDS angestellten US-Hacker Chris T. .
 
Folgt man den Ausführungen der Echostar-Anwälte weiter, funktionierte die Umprogrammierung der Smartcards mittels eines eigens von T. entwickelten Schreibgeräts. Um die Zahl der illegalen Karten zu kontrollieren, soll der „Stinger“ getaufte Smartcard-Writer immer nur eine begrenzte Zahl von Schreibvorgängen ermöglicht haben. War das Konto aufgebraucht, wurde der „Stinger“ nutzlos und M. musste T. für eine erneute Freischaltung bezahlen. Dafür habe M. Beträge in Höhe von 20 000 US-Dollar in technische Geräte wie CD- oder DVD-Player versteckt und an T. versandt.

Am 14. Dezember 2000 entdeckte ein Drogenhund des US-Zolls eine dieser mit Geld vollgestopften Ladungen, worauf T. ins Blickfeld der Ermittler geriet. Zu dieser Zeit sollen laut Echostar auch die Probleme des Piraterierings offensichtlich geworden sein. Als Nagrastar mit zunehmender Regelmäßigkeit Codewechsel durchführte, kamen die Piraten mit ihrer Arbeit kaum noch hinterher. So mussten jedesmal alle bisher versandten Karten neu programmiert werden.
 
Den Echostar-Anwälten zufolge muss diese Methode NDS irgendwann zu ineffektiv geworden sein, woraufhin die Verantwortlichen der Murdoch-Tochter sich wohl dazu entschlossen haben, den letzten und endgültigen Schritt zu wagen. Am 21. und 24. Dezember 2000 erschien die Anleitung, wie man an die ROM- und EEPROM-Codes der Nagravision-Smartcards kommt, auf der Hacker-Seite piratesden.com. Damit wurde die ganze Smartcard-Generation von Nagrastar mit über 7,2 Millionen Stück auf einen Schlag wertlos und musste umgetauscht werden. Auch hierzu wollte sich NDS gegenüber DF nicht äußern und verwies auf das zuvor abgegebene allgemeine Dementi.
 
Laut Echostar war es T., der im Auftrag des NDS-Sicherheitschefs die Anleitung im Forum der Seite veröffentlicht hat. Dabei beruft sich die Klage auf die Aussage eines Canal-Plus-Sicherheitsexperten, der im Rahmen seiner eigenen Ermittlungen gegen NDS zeitweise mit T. in Kontakt gestanden hat. Außerdem belastet S. in seiner eidesstattlichen Erklärung NDS und T. auch in diesem Fall: So wollen seine Nachforschungen als Moderator mehrerer Hacker-Foren ergeben haben, dass T. hinter der Veröffentlichung steht. Auch auf die Anschuldigungen von S. wollte der NDS-Sprecher in einer DF-Nachfrage nicht dezidiert eingehen und verwies auf das allgemeine Statement.
 
Kurz nach dem Post auf piratesdem.com, am 9. Januar 2001 um genau zu sein, stattete der US-Zoll T. einen ersten informellen Besuch ab. Im Gespräch mit T. entdecken die Beamten allerhand High-Tech-Equipment wie Smartcards und Schreibgeräte. Als sie weitere Nachforschungen anstellten, schaltete sich laut Echostar-Klageschrift ein hochrangiger NDS-Mitarbeiter ein. Gegenüber den Beamten gab er zu Protokoll, dass T. für NDS im Kampf gegen Hacker arbeite. Die bei T. gefundenen technischen Gerätschaften bezeichnete er als Eigentum von NDS. Außerdem dürfe T. nur im Beisein von NDS-Anwälten befragt oder durchsucht werden. Echostar führt diese Aussagen als Beweis dafür ins Feld, dass T. tatsächlich von NDS finanziert wurde.
 
Spätestens im Rahmen des Prozesses, der am 8. April in Los Angeles beginnt, wird NDS wohl sein Schweigen brechen müssen. Ansonsten drohen dem Verschlüsselungsanbieter Schadensersatzforderungen in Höhe von einer Milliarde US-Dollar, wie DF herausfand. [lf]

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  • Medien_Maerkte_Artikelbild: © Phongphan Supphakank - Fotolia.com
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62 Kommentare im Forum

  1. AW: NDS soll kanadischen Pirateriering versorgt haben Im Gespräch mit T. entdecken die Beamten allerhand High-Tech-Equipment wie Smartcards und Schreibgeräte. Als sie weitere Nachforschungen anstellten... Warum mussten die Beamten beim Offensichtlichen noch Nachforschungen anstellen?? Wenn man so einen findet stellt man doch nicht noch Fragen
  2. AW: NDS soll kanadischen Pirateriering versorgt haben Wenn das alles so stimmt kann ich nur sagen: PFUI!
  3. AW: NDS soll kanadischen Pirateriering versorgt haben Ist auch meine Meinung!! Haben die von NDS denn sowas nötig?? Das Unternehmen ist doch weltweit gut aufgestellt!?
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