„Nutzung von EPGs ist bislang weitgehend unerforscht“

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Bild: © Phongphan Supphakank - Fotolia.com
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Leipzig – Laut einer Studie, die von der ZAK (Kommission für Zulassung und Aufsicht der Landesmedienanstalten)in Auftrag gegeben wurde, spielen EPGs, also Elektronische Programmführer in Set-Top-Boxen, in Deutschland bislang kaum eine Rolle in der Wertschöpfungskette des digitalen Fernsehens.

Im Interview mit Andreas Hamann, Geschäftsführer der Gemeinsamen Stelle Digitaler Zugang (GSDZ), erfuhr DIGITAL FERNSEHEN, wieso bislang EPGs eher wenig genutzt werden und welche Maßnahmen ergriffen werden müssten, umdem Markt und auch der Diskussion über die EPGs einen Impuls geben zu können.

DIGITAL FERNSEHEN: Herr Hamann, laut einer von der Kommission für Zulassung und Aufsicht der Landesmedienanstalten (ZAK) in Auftrag gegebenen aktuellen Studie spielen bislang Elektronische Programmführer in Set-Top-Boxen (EPGs) in Deutschland kaum eine Rolle. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
 
Andreas Hamann: EPGs sind zunächst einmal ein Thema für die Nutzer des digitalen Fernsehens. Laut dem Digitalisierungsbericht der Landesmedienanstalten sind das bislang erst 46,7 Prozent der TV-Haushalte. Die Studie, die Sie ansprechen, zeigt zudem, dass viele Nutzer selbst dann, wenn sie digital fernsehen, noch stark in analogen Gewohnheiten verhaftet sind. Das kann man auch daran erkennen, dass trotz des Angebots von mehreren Hundert Programmen der sogenannte „relevant set“, also die Zahl der Programme, die regelmäßig genutzt werden, nur wenig größer wird.
 
DF: Die Mehrheit der Zuschauer begnügt sich mit Basisnavigatoren, daher gibt es bislang nur eine eher begrenzte Zahlungsbereitschaft für leistungsfähigere Systeme. Wie kann dieser Entwicklung entgegen gewirkt werden?
 
Andreas Hamann: Die Studie zeigt, dass die Zahlungsbereitschaft steigt, wenn der EPG mehr Service bietet. Die Befragten nennen hier etwa Vorschau-Bilder und Trailer, redaktionelle Tipps und Bewertungen sowie Komfortfunktionen für die Aufnahme einzelner Sendungen oder Serien. In unserem Workshop zu EPGs am 22. Oktober in Berlin hat sich gezeigt, dass die Vorteile moderner EPGs vor allem bei der Nutzung der neueren Endgeräte mit Festplatte relevant werden. Dort ist der EPG das Herzstück, ohne das der Nutzer die gewünschten Inhalte kaum findet bzw. die zentrale Steuerung für die Nutzung der Festplatte.
 
DF: Bisher spielen EPGs bei Anschaffungsentscheidungen für Set-Top-Boxen nur eine geringe Rolle. Dies hat zur Folge, dass auch Anbieter wenig Impulse verspüren, ihre EPGs zu verbessern. Durch welche Maßnahmen kann das verhindert werden?
 
Andreas Hamann: Die Präsentationen aktueller EPGs im Rahmen unseres Workshops haben gezeigt: Es gibt bereits eine Reihe sehr weit entwickelter EPGs. Diese sind aber zum Teil noch nicht im Markt präsent bzw. werden in der Vermarktung noch zu wenig in den Vordergrund gestellt.
 
Das hat auch mit der Nachfrage zu tun. Erstwenn die Zuschauer Erfahrungen mit EPGs, möglichst mit verschiedenen, gemacht haben, werden sie feststellen können, dass es Unterschiede gibt und diese dann auch zum Auswahlkriterium machen. Das heißt, erst mit der Anschaffung der zweiten Digitalgerätegeneration wird die Ausgestaltung derEPGs für die Kaufentscheidung relevant.
 
DF: Hersteller von Empfangsgeräten haben das Interesse, die Produktionskosten so gering wie möglich zu halten. Daher haben sie auch wenig Anreize, ihre Geräte so auszustatten, dass damit verschiedene elektronische Programmführer genutzt werden können. Welche Anreize müssen für Hersteller geschaffen werden, damit sich das künftig ändert?
 
Andreas Hamann: Aus unserer Sicht wäre ein Wettbewerb der EPGs, vergleichbar dem heutigen Wettbewerb der Programmzeitschriften ideal. So könnte der chancengleiche Zugang der Sender und die freie Auswahl am Besten gewährleistet werden. Diese freie Austauschbarkeit von EPGs, also von Applikationen in der Set-Top-Box stößt heute hardwarebedingt an seine Grenzen. Mit leistungsfähigeren Empfangsgeräten wird das einfacher werden. Allerdings setzt es offene, möglichst standardisierte, Schnittstellen voraus. Die Landesmedienanstalten setzen sich für eine solche Entwicklung ein.
 
DF: Das Nutzerpotenzial von EPGs gilt bislang als weitgehend unerschlossen. Woran liegt das und welche Optimierungspotenziale gibt es bei EPGs aus Nutzersicht?
 
Andreas Hamann: Die EPG-Studie nennt einige Aspekte, die die Nutzer verbesserungswürdig finden. Unvollständige Programmdaten, lange Ladezeiten, mitunter umständliche Bedienung sowie mangelnde Aktualität der Senderdaten wurden häufiger genannt. Die EPG-Anbieter wissen das auch und arbeiten daran. Wichtig sind am Ende natürlich die Inhalte, die Programmdaten. Redaktionell aufbereitete Informationen sind letztlich auch ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zwischen einfachen Navigatoren und vollwertigen EPGs.
 
DF: In unserem DF-Forum wird kritisch angemerkt, dass viele TV-Kanäle
unbrauchbare EPG-Daten senden. Warum ist das so und wie kann das geändert
werden?
 
Andreas Hamann: Da geht es um die Auswertung der sogenannten SI-Daten aus dem DVB-Datenstrom. Diese Daten sind für die Nutzer sehr wichtig und das wissen auch die Programmveranstalter, die diese Daten zur Verfügung stellen müssen. Aktuelle, vollständige SI-Daten gehören im digitalen Fernsehen zum Ausgangssignal so selbstverständlich dazu wie Bild und Ton. Die Pflege dieser Daten ist natürlich mit einem gewissen Aufwand verbunden. Dieser Aufwand lohnt sich. Es liegt ja auch im Eigeninteresse der Programmveranstalter, den Zuschauern ihre Inhalte komfortabel nutzbar zu machen.
 
DF: Gibt es Daten, auf deren Basis Fernsehveranstalter die Nutzung von EPGs bewerten können?
 
Andreas Hamann: Die Nutzung von EPGs ist bislang – jedenfalls in Deutschland – weitgehend unerforscht, obwohl Einigkeit besteht, dass das ein immer wichtiger werdendes Thema ist. Darum hat der Beauftragte für Plattformregulierung und Digitalen Zugang der ZAK ja auch das Thema aufgegriffen. Zusammen mit der Datenerhebung für unseren jährlich erscheinenden Digitalisierungsbericht wurde diesmal erstmals nach der Nutzung von EPGs gefragt. Die Ergebnisse haben wir in der Studie „Elektronische Programmführung im digitalen Fernsehen – Nutzerstudie und Marktanalyse“ veröffentlicht. Damit wollen wir dem Markt und auch der Diskussion über die EPGs einen Impuls geben. Wir prüfen auch, zu gegebener Zeit die Erhebung zu wiederholen, um die Entwicklung im Blick zu behalten. Denn wie gesagt – über die Bedeutung des Themas in der digitalen Fernsehwelt besteht Einigkeit.
 
DF: Programmzeitschriften-Verlage dürften elektronische Navigationssysteme als starke Konkurrenz betrachten. Gibt es Möglichkeiten der Zusammenarbeit, die beiden Seiten nutzen könnte?
 
Andreas Hamann: Mit der zunehmenden Nutzung von EPGs wird der Bedarf an gedruckten Programmführern mittelfristig sinken. Diese Entwicklung kann man in anderen Ländern bereits sehen. Natürlich haben die Verlage das längst erkannt und gehen damit auch aktiv um. Mehrere Verlage bieten ja selbst schon EPGs an und haben entsprechende Kooperationen vereinbart. Letztlich wird die redaktionelle Kompetenz der Programmzeitschriften ihren Wert behalten – unabhängig davon, ob die Information elektronisch oder gedruckt zum Zuschauer kommt.
 
DF: Herr Hamann, vielen Dank für das Interview. [cg]

Das Interview gibt die Meinung des Interviewpartners wieder. Diese muss nicht der Meinung des Verlages entsprechen. Für die Aussagen des Interviewpartners wird keine Haftung übernommen.

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62 Kommentare im Forum

  1. AW: "Nutzung von EPGs ist bislang weitgehend unerforscht" Das Geld hätten die sich für die Studie sparen können. Denn die Studie ist offenbar falsch erstellt worden.
  2. AW: "Nutzung von EPGs ist bislang weitgehend unerforscht" Warum? Ich glaube die tatsächlich die wenigsten nutzen intensiv den EPG. Tue ich auch nicht, außer um Programmiereungen bequem durchzuführen. Ansonsten ist der Teletext in den meisten Fällen bequemer und redaktionell besser aufgearbeitet.
  3. AW: "Nutzung von EPGs ist bislang weitgehend unerforscht" Es wurden schon verschiedenste EPGs vorgestellt, die aber nie in die Receiver integriert wurden. Hier scheitert es wirklich am Konkurrenzkampf der Hersteller, die sich auf nichts einigen können.
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