„Sat-1-Umzug ist eine Tragödie! – Waren Sie schon mal in Unterföhring?“

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Bild: © Phongphan Supphakank - Fotolia.com
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Leipzig – Gestern wurden die schlimmsten Befürchtungen nun offiziell bestätigt. 350 Mitarbeiter der Pro Sieben Sat 1 Media AG müssen ihre Koffer packen und den Standort Berlin für einen Umzug nach München bzw. Unterföhring verlassen.

Eine groß ausgerichtete Protestaktion mit 500 Mitarbeitern half nicht. Wie DIGITAL FERNSEHEN gestern berichtete, wird der Standort Berlin, bis auf die Nachrichten-Zentralredaktionen, geschlossen. Zudem werden 225 Stellen abgebaut. DF sprach mit dem Berliner Betriebsratsvorsitzenden, Uwe Theuerkauff, über die Neuausrichtung der Pro Sieben Sat 1 Media AG.

DIGITAL FERNSEHEN: Herr Theuerkauff, Sie haben bis zuletzt den Umzug versucht zu verhindern, was sagen Sie zu der nun gefallenen Entscheidung?
 
Uwe Theuerkauff: Die Entscheidung ist eine Tragödie für alle Mitarbeiter die davon betroffen sind und eine Katastrophe für die Marke Sat 1. Und die angekündigte Vernichtung von 225 Arbeitsplätzen zeigt die wahre Fratze dieser Maßnahme: Der Umzug ist eine getarnte Massenentlassung. Die Heuschrecken lassen grüßen…
 
DIGITAL FERNSEHEN: Guillaume de Posch, Vorstandsvorsitzender der Pro Sieben Sat 1 Media AG, hat die Verlagerungspläne nicht etwa als Sparmaßnahme benannt, sondern als eine „bessere Aufstellung der Unternehmensbereiche“. Können Sie diese Ansicht teilen?
 
Uwe Theuerkauff: Da kann ich ja nur lachen, wenn es nicht so traurig wäre! Aufsichtsrat und Vorstand stellen unsere Sendefamilie besser auf, in dem sie das Know-how und die Erfahrungen hunderter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
vernichten? Gleichzeitig soll alles in München zentralisiert werden, die Sender verlieren ihr Gesicht, ihre für die Werbekunden so interessante Einzigartigkeit. Stattdessen soll eine Fernsehfabrik entstehen, wo möglichst wenig Kollegen, möglichst viel Programm in möglichst kurzer Zeit zusammenhämmern sollen. Das soll uns weiter bringen?
 
Im übrigen hat der Finanzvorstand, Herr Axel Salzmann, in Berlin im Gegensatz zu Herrn de Posch in München zeitgleich erklärt, dass die Maßnahmen ausschließlich einen wirtschaftlichen Hintergrund haben. Schuld sind natürlich wieder alle anderen: die böse Wirtschaftskrise zum Beispiel. Oder das neue, erfolglose Werbezeiten-Verkaufsmodell, das dem Unternehmen Millionenverluste bescherte. Kein Wort davon, dass Vorstand oder Aufsichtsrat selbst diesen Unsinn angeordnet haben.
 
Oder der erzwungene Kauf der Senderkette SBS für völlig überzogene zig Milliarden, der den Konzern tief in die roten Zahlen führte. Und als Krönung die Ausschüttung von 260 Millionen Euro Dividende an die Aktionäre diesen Sommer. Was ich damit sagen will: Die schwierige Situation, in der sich die Sendegruppe – insbesondere Sat 1 – befindet, ist zum größten Teil von den Managern selbst verzapft worden.
 
DIGITAL FERNSEHEN: Vom Umzugsplan von Berlin nach München sind 350 Mitarbeiter betroffen, gruppenweit sollen allerdings 225 Stellen abgebaut werden. Was heißt das genau? Kann es sein, dass nun in München Plätze frei geräumt werden für Mitarbeiter, die aus Berlin kommen?
 
Uwe Theuerkauff: Das sieht fast so aus.
 
DIGITAL FERNSEHEN: Wird den Mitarbeitern, die nun nach München gehen müssen, in irgend einer Weise die Eingliederung am neuen Standort erleichtert, wird ihnen z.B. bei der Wohnungssuche geholfen? Lässt sich für viele auf Grund des familiären Umfeldes überhaupt ein Umzug verwirklichen (Kinder etc.)?
 
Uwe Theuerkauff: Inwieweit der Sender wenigstens für die am schlimmsten Betroffenen ein Herz zeigt, wird sich erst noch zeigen. Das bisherige Vorgehen spricht allerdings eine eindeutige Sprache.
 
Für viele stellt sich der Umzug nach München als unüberwindbare Barriere dar. Und das nicht nur, weil der eine oder andere Mitarbeiter seine Freunde, sein zu Hause und natürlich seine Familie nicht verlassen will. In München sind die Lebenserhaltungskosten viel höher als hier, z.B. Mieten, Einkauf, Kitas. Und Sie müssen nicht glauben, dass es beim Fernsehen nur Großverdiener gibt.
 
Kolleginnen und Kollegen in niedrigeren Positionen können sich München schlicht und ergreifend nicht leisten. Aber darauf hoffen die hohen Herren wohl, denn so könnten zusätzlich zu den 225 fest angekündigten Stellenstreichungen gleich noch zahlreiche weitere Mitarbeiter entsorgt werden. Übrigens, ganz wichtig: Wir sprechen von 225 Stellen. Mitarbeiter sind das weit mehr! Und nicht zu vergessen, die 350 Mitarbeiter, die Berlin in Richtung München verlassen sollen.
 
DIGITAL FERNSEHEN: Sicher spielt auch die Mentalität beider Städte eine wichtige Rolle. Kennen Sie Mitarbeiter, die schon aus Sympathie zur Stadt Berlin nicht nach München gehen würden?
 
Uwe Theuerkauff: München klingt immer so sympathisch. Wir reden aber gar nicht von München, sondern von Unterföhring. Dort nämlich sollen die Umgezogenen arbeiten. Waren Sie schon mal in Unterföhring ? Bei allem Respekt vor diesem Vorort, aber Berlin ist halt Berlin. Sie verzeihen mir das, ich bin geborener Berliner.
 
DIGITAL FERNSEHEN: Wie geht es nun weiter? Planen die Mitarbeiter, da ja die Protestaktionen anscheinend nicht geholfen haben, weitere Aktionen?
 
Uwe Theuerkauff: Die Umzugs- und Entlassungsentscheidungen konnten wir leider nicht abwenden, obwohl die Kolleginnen und Kollegen sich wirklich fantastisch engagiert haben. Ein großes Lob dafür an dieser Stelle. Mit der Entscheidungsverkündung ist bei weitem die Sache noch nicht zu Ende. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind tief verletzt und enttäuscht und betrachten die geplanten Maßnahmen der Heuschrecken als Kriegserklärung.
Und da kennen Sie die Berliner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schlecht, wenn Sie glauben, die ließen sich das so kommentarlos gefallen. Aber haben Sie Verständnis, dass ich aus taktischen Gründen konkret nichts Näheres verraten kann.
 
DIGITAL FERNSEHEN: Herr Theuerkauff, vielen Dank für das Gespräch. [mw]

Das Interview gibt die Meinung des Interviewpartners wieder. Diese muss nicht der Meinung des Verlages entsprechen. Für die Aussagen des Interviewpartners wird keine Haftung übernommen.

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72 Kommentare im Forum

  1. AW: "Sat-1-Umzug ist eine Tragödie! - Waren Sie schon mal in Unterföhring?" ...mein Mitleid hält sich in engen Grenzen. Tausende von Arbeitern pendeln jede Woche aus den neuen BL nach Bayern hinein um dort zu arbeiten ( hier in der Gegend etwas unkorrekt "A9 Ossirennen" bezeichnet) Diese Flexibilität wird heute in der Position von vielen verlangt. Und hat Sat1 ein "Berliner Gesicht" ? Ich kann keines erkennen, die Sendungen kommen größtenteils aus Köln... Sat1 hat seine Identität schon lange verloren. Ob man da aus München oder Berlin sendet macht keinen Unterschied mehr. Und der Berliner Politik hat es eben von anfang an versäumt, eine Medienstandort Politik zu betreiben. Das hat man in Köln und München weitaus besser drauf. Und das sind nunmal jetzt die "Mediencluster" in Deutschland.
  2. AW: "Sat-1-Umzug ist eine Tragödie! - Waren Sie schon mal in Unterföhring?" Na na, bitte mal genau lesen, was im Interview steht. Es ist was anderes, 100 km zu pendeln täglich, als sein Leben von Berlin weg nach München zu verlagern. Ausserdem ist das im Zusammenhang zu sehen mit diversen anderen Entscheidungen im Management, die nur noch nach BWL-Kriterien getroffen werden, ohne langfristige Konsequenzen zu bedenken. Hauptsache die nächste Vierteljahresbilanz stimmt. Raus mit den sog. Betriebswirten und endlich an den Unis wieder vernünftig ausbilden.
  3. AW: "Sat-1-Umzug ist eine Tragödie! - Waren Sie schon mal in Unterföhring?" In 10 Jahren ist in UF eh tote Hose, da alles pleite ist (bis auf den BR).
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