Stauffenberg-Biograf: „Operation Walküre“ historisch korrekt

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Bild: © Phongphan Supphakank - Fotolia.com
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New York/Montreal – Der neue US-Film um den Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg mit Tom Cruise in der Hauptrolle wird in Deutschland mit besonderer Spannung erwartet.

In Amerika ist „Operation Walküre“ schon im Dezember angelaufen – mit überraschendem Erfolg. Bei uns kommt der Hollywood-Thriller an diesem Donnerstag in die Kinos, am Dienstag (20. Januar) feiert der Streifen in Berlin Europapremiere. In einem Interview sagt der Historiker Peter Hoffmann, was er von dem Film hält.
 
Der in Kanada lehrende Wissenschaftler gilt als einer der besten Kenner des deutschen Widerstands. Seine Biografie über Stauffenberg ist zu einem Standardwerk geworden. Er hat die Drehbuchautoren bei ihrer Arbeit wissenschaftlich beraten.
 
Frage: Wie beurteilen Sie als Historiker Bryan Singers Film über den Widerstandskämpfer Stauffenberg?
 
Hoffmann: Ich habe den Film dreimal gesehen, und ich bin beeindruckt von der sehr weitgehenden historischen Korrektheit. Mir gefällt auch der Respekt, mit dem die Verschwörer und die Familie Stauffenberg behandelt werden. Das war in früheren Filmen zu dem Thema nicht immer der Fall. Besonders berührend fand ich, dass vor allem am Ende auch von dem Opfer gesprochen wird, das die Verschwörer für ihr Land gebracht haben.
 
Frage: Es ist ja ein Hollywoodfilm – entspricht denn die Darstellung der historischen Wahrheit?
 
Hoffmann: Natürlich haben sich die Filmemacher Freiheiten genommen, das ist bei einem solchen Projekt selbstverständlich – wie etwa, zwei Personen in eine zusammenzuziehen, oder einen Vorgang, der sich über März und April hinstreckte, auf einen oder zwei Tage zu verdichten. Solche kleinen, äußerlichen Dinge entsprechen der historischen Wirklichkeit nicht immer ganz. Aber beim Grundsätzlichen, beim Fundamentalen, bei den großen Linien, da ist alles richtig. Die lange Dauer der Opposition, die ja schon 1938 und nicht erst vor dem Attentat 1944 angefangen hat, ist korrekt eingeordnet. Die Überzeugung und die Motive der Handelnden stimmen, und die Handelnden sind mit Respekt und Anstand dargestellt.
 
Frage: Was waren für Stauffenberg die treibenden Beweggründe?
 
Hoffmann: Das erste Motiv war, dem Massenmord vor allem an den Juden ein Ende zu setzen. Daneben warf er Hitler auch falsche Kriegführung vor, aber das rangiert weiter unten. Gelungen ist in dem Film auch die Einordnung des Ehrenstandpunkts der Offiziere. Sie waren ja zuerst Offiziere, das war ihr Beruf, und sie fühlten sich als Deutsche und Patrioten. Sogar die religiösen Motive werden erwähnt.
 
Frage: Welche Wirkung kann ein Film wie dieser in den USA haben?
 
Hoffmann: Ich glaube, dass „Operation Walküre“ einen Wendepunkt in der Einschätzung des deutschen Widerstands markiert. Bisher war die gängige Meinung in den USA, aber auch in Kanada, dass jeder deutsche Offizier ein Nazi war. Und die Medien, Film und Fernsehen, haben das bis heute so transportiert. Und nun sieht man, dass ein Offizier nicht unbedingt ein Hitler-Gefolgsmann sein muss, sondern vielleicht sogar ein Anti-Nazi sein konnte. Wenn das eindringen würde in das öffentliche Bewusstsein, und fast scheint es so, dann wäre das ein ganz großes Verdienst dieses Films.
 
Frage: Eignet sich Stauffenberg überhaupt als Heldenfigur – wurde der militärische Widerstand nicht spät, zu spät aktiv?
 
Hoffmann: Das ist nicht richtig. Es gibt unumstößliche Beweise, dass Stauffenberg 1942, eben nicht erst nach Stalingrad und nicht erst nach seiner Verwundung 1943, mit seiner aktiven Opposition begonnen hat. Schon im Juli 1941 hat er einen Mitarbeiter im Generalstab angewiesen, Nachrichten über Verbrechen der SS zu sammeln. Seit April 1942 antwortete er auf die Frage, was man mit Hitler machen soll: „Töten“ – und zwar immer mit Hinweis auf die Massenmorde an Kriegsgefangenen und Juden. Und im August 1942 fiel das bekannte Zitat: „Die täglichen Berichte von Stäben über die Behandlung der Bevölkerung durch die deutsche Zivilverwaltung, der Mangel an politischer Zielgebung für die besetzten Länder, die Judenbehandlung beweisen, dass die Behauptungen Hitlers, den Krieg für eine Umordnung Europas zu führen, falsch sind. Damit ist dieser Krieg ungeheuerlich.“
 
Frage: Kaum jemand dürfte Stauffenberg so „kennen“ wie Sie – wie gefällt Ihnen Tom Cruise in dieser Rolle?
 
Hoffmann: Ich finde Tom Cruise wirklich überzeugend. Manche kritisieren ja jetzt, er sei zu kalt oder zu starr und der Mensch Stauffenberg komme nicht richtig zur Geltung. Aber ich finde seine Darstellung überzeugend. Stauffenberg war immer ein zielgerichteter Mann, offen und ehrlich und energisch, und das vermittelt Cruise sehr gut. Ich finde auch die Dramaturgie schön – den Beginn mit der Szene in Tunesien, wo man den noch unverwundeten Stauffenberg seine Gedanken aussprechen und niederschreiben sieht – und nicht den späteren Mann, der eine Hand und ein Auge verloren hat und nun vielleicht verbittert ist. Keine Spur davon – es ist ein Stauffenberg mitten im Leben. [mg]

Das Interview gibt die Meinung des Interviewpartners wieder. Diese muss nicht der Meinung des Verlages entsprechen. Für die Aussagen des Interviewpartners wird keine Haftung übernommen.

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2 Kommentare im Forum

  1. AW: Stauffenberg-Biograf: "Operation Walküre" historisch korrekt Hallo, meiner Ansicht nach ist aber darauf hinzuweisen, dass der Hauptdarsteller einer Organisation angehört, die, meines Wissens nach, nicht gerade für die pers. Freiheit steht. Gruss robert1
  2. AW: Stauffenberg-Biograf: "Operation Walküre" historisch korrekt In dem Zuge war auch der "Baader-Meinhof-Komplex" historisch korrekt.
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