ZDF-Fernsehrat: „Stars um jeden Preis sind Sache der Privaten“

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Bild: © Phongphan Supphakank - Fotolia.com
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Der Chef der sächsischen Staatskanzlei, Johannes Beermann (CDU), hat zuletzt die Parallelübertragungen von königlichen Hochzeiten und Silvesterkonzerten bei ARD und ZDF als „Schildbürgerstreich“ kritisiert. Mit DIGITALFERNSEHEN.de spricht das Mitglied des ZDF-Fernsehrats über drohenden Niveauverfall und potenzielle Gebührenverschwendung.

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Herr Beermann, wer Rundfunkgebühren von allen verlangt, muss auch Rundfunk für alle machen. Wie weit dürfen Talkshows und Boulevardmagazine gehen, damit diese noch „Allgemeingut“ sind?
 
Johannes Beermann: Das Programm des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sollte in seiner Gesamtheit so vielfältig sein, dass für jeden etwas dabei ist. Dabei steht natürlich der Programmauftrag im Vordergrund, nämlich Information, Bildung, Beratung, Kultur und Unterhaltung. Qualität geht dabei vor Quote oder Kommerz. Selbstverständlich spielen bei der Gestaltung des Programms die jeweiligen Interessen und Wünsche der Zuschauer, die dafür ihre Gebühren zahlen, eine mindestens ebenso große Rolle.

Rundfunk für alle heißt heute deshalb auch Magazine, Talkshows und Sport. Aber der Anteil der Unterhaltung muss in einem gesunden Verhältnis zu den anderen genannten Auftragselementen stehen. Es geht nicht darum, private Formate zu kopieren oder zu überbieten, sondern das richtige Maß und die passende Qualität in öffentlich-rechtlichen Sendungen zu finden.
 
Früher galten die Maßstäbe von ARD und ZDF als Orientierung für die privaten TV-Sender. Hat sich dies heute umgedreht?
 
Beermann: Früher ja. Die Hör- und vor allem die Sehgewohnheiten haben sich in den vergangenen Jahren allerdings grundlegend  verändert. Seit das Satellitenfernsehen und später das Internet für jedermann verfügbar wurden, wissen wir sogar, was in anderen Ländern läuft. Erfolgreiche Sendeformate, Shows oder TV-Serien gerade aus den USA, werden kopiert. Aber auch deutsche Sendungen, wenn ich an „Wetten, dass..?“ denke, finden ihren Weg in die ganze Welt.

Fernsehen ist global geworden. Das stellt natürlich auch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk vor neue Herausforderungen. Doch nicht Nachmachen, sondern Innovation ist gefragt. Dafür können wir unsere eigenen kreativen Ressourcen nutzen: Warum japanische Trickfilme fertig einkaufen, wenn die hier produzierten Animationsfilme internationale Preise gewinnen? Hier liegen viele Chancen für die Sender und die Produzenten.

Sie erwarten nicht, dass die Sender selbstständig eine Kurskorrektur vornehmen werden. Welche Schritte sind nötig, um eine Kurskorrektur zu bewirken und wer muss Sie Ihrer Meinung nach einleiten?
 
Beermann: Wir müssen den Auftrag an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk überprüfen und genauer fassen. Dazu gehört, dass wir als Vertreter der Zuschauer die Erwartungen deutlich formulieren und festschreiben. Die Länder als Rundfunkgesetzgeber haben da eine verantwortungsvolle Aufgabe, die sie auch wahrnehmen.
 
Welche Verantwortung müssen aus Ihrer Sicht die Rundfunkräte bzw. der Fernsehrat bezüglich der schleichenden Selbstkommerzialisierung der öffentlich-rechtlichen Sender übernehmen?

Beermann: Die Rundfunkräte sind die Wächter des Programms. Sie beraten und kontrollieren die Fernseh- und Rundfunkmacher. Sie prüfen neuerdings auch, ob und in welchem Umfang die Internetangebote der Anstalten geboten und notwendig sind oder auch nicht. Qualität ist das wichtigste Maß. an dem öffentlich-rechtlicher Rundfunk gemessen wird.
 
Welche Rolle müssten die Räte spielen, damit dieser Prozess gestoppt werden kann?
 
Beermann: Es ist die Verantwortung der Rundfunkräte genau zu prüfen, was im Programm ausgestrahlt wird. Mit Fleiß und Sachverstand gilt es gegenüber den Rundfunksendern den Anspruch auf Qualität immer wieder laut zu formulieren.
 
Erfährt das von Ihnen getragene Zielpapier parteiübergreifende Sympathie?
 
Beermann: Ich habe bisher sehr viel positive Resonanz erfahren, aus allen politischen Lagern, vor allem aber auch aus der Bevölkerung. Denn unabhängig von der politischen Grundeinstellung kann es kaum ein Abgeordneter seinem Wähler erklären, warum er beispielsweise für die Doppelübertragung von Königshochzeiten mehr Rundfunkgebühren zahlen soll.
 
Welchen Beitrag sollten ARD und ZDF zur Beitragsstabilität leisten?
 
Beermann: ARD und ZDF haben kein Füllhorn, das unablässig ihre öffentlichen Haushalte speist. Sie können stärker als bisher Synergien nutzen und sich auf den Kernauftrag konzentrieren. Viele Prozesse zum sparsamen Umgang mit dem Geld des Gebührenzahlers haben die Anstalten eingeleitet. Trotzdem ist da noch Luft.

Sie kritisieren hohe Honorare für Moderatoren. Wo sehen Sie, ggf. im Zusammenhang mit Intendantengehältern eine „ethische Schmerzgrenze“?

Beermann: Grundsätzlich bestimmt der Markt die Gehälter oder Honorare. Nur sollte der öffentlich-rechtliche Rundfunk wissen, wo die Grenzen erreicht sind. Einen „Star“ um jeden Preis zu gewinnen, muss den Privaten überlassen sein. Mit Gebührengeldern so umzugehen, dass Programmangebot und Senderführung hohe Qualität gewährleisten, ist eine Herausforderung, der sich alle Verantwortlichen gemeinsam stellen müssen. „Koste es, was es wolle“ ist hier kein Leitmotiv.
 
Müssen sich aus Ihrer Sicht ARD und ZDF bei möglichst allen Sportereignissen, z. B. Boxen, engagieren oder sollten diese die Rechte den privaten Anstalten überlassen?
 
Beermann: Sportereignisse sind wichtige Programmpunkte von ARD und ZDF. Auch hier sollte die richtige Mischung zwischen Information und Unterhaltung gefunden werden. Dazu gehört für mich auch, nicht das gesamte Budget für eine oder wenige Sportarten auszugeben, sondern einen guten Mix zu haben. Eine ausgewogene Verteilung zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern macht auch hier Sinn.
 
Sind aus Ihrer Sicht alle Einsparmöglichkeiten ausgeschöpft (Stichwort europaweiter Rechteeinkauf für Sport und Filme) statt diese wie z. B. in Österreich landesspezifisch zu begrenzen?
 
Beermann: Bestimmt noch nicht. Die Anstalten kennen diese Möglichkeiten besser als die Politik. Die Politik will Mut machen, diese Möglichkeiten voll auszuschöpfen. Ansonsten kann Politik nur den Auftrag festlegen, Ausführung und Kosten bestimmen nach unserer Rechtsordnung die Anstalten.

Heer Beermann, vielen Dank für das Gespräch.
 
Zur Person: Der CDU-Politiker und Jurist Johannes Beermann ist seit 2008 Chef der Sächsischen Staatskanzlei. In dieser Funktion unterstützt er den Ministerpräsidenten dabei, die Richtlinien der Politik zu bestimmen. Er koordiniert die Arbeit der Staatskanzlei mit dem Landtag und den Ministerien, bereitet Kabinettssitzungen und Ministerpräsidenten-Konferenzen vor. Er prüft, ob beschlossene Gesetze mit der Verfassung übereinstimmen. Er ist außerdem zuständig für die Medienpolitik und das Medienrecht in Sachsen. Von 1996 bis 1999 war Beermann als Vertreter Bremens Mitglied des ZDF-Fernsehrates. Seit 2008 vertritt er in diesem Gremium Sachsen und ist zudem Mitglied des Programmbeirates des Senders Arte.[Interview: Stefan Goedecke]

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  • Medien_Maerkte_Artikelbild: © Phongphan Supphakank - Fotolia.com
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23 Kommentare im Forum

  1. AW: ZDF-Fernsehrat: "Stars um jeden Preis sind Sache der Privaten" RTL nutzt Menschen sogar aus und fügt ihnen schweren mentalen Schaden bei. Der Sender gehört eingestampft und Bohlen hinter Gittern!
  2. AW: ZDF-Fernsehrat: "Stars um jeden Preis sind Sache der Privaten" Ein "Hinterbänkler" also, soso. Einseitige Hetze.... verstehe. Bitte nochmal hinschauen. Herr Beermann ist einer der renommiertesten Medienpolitiker in Deutschland und sitzt in den Fernsehräten von ZDF und Arte. Insofern niemand, der einfach nur den Mund aufmacht, sondern ein echter Kenner der deutschen Medienlandschaft mit jahrelange Insider-Erfahrung, der tief im öffentlich-rechtlichen System verwurzelt ist. Verzeih, dass Dich seine aufschlussreichen Beobachtungen langweilen. Künftig werden wir nur noch Lieschen Müller interviewen, wie toll "Big Brother" doch gestern wieder war. Auch nicht gut? Na, dann können wir's Dir vermutlich gar nicht recht machen...
  3. AW: ZDF-Fernsehrat: "Stars um jeden Preis sind Sache der Privaten" Aber tendenziös war es schon, vorallem die letzte Frage. Allerdings hat er diese Frage dann doch nicht so wie insgeheim gewünscht beantwortet .
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