Die Geschichte des Fernsehens: Der Weg ins Wohnzimmer (Teil 5)

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1997
© Auerbach Verlag/Thomas Riegler

Während der 1960er-Jahre wurde das Fernsehen erwachsen. Die Sendernetze wurden weiter ausgebaut, und somit wurde der Empfang auch abseits der Ballungsräume möglich. Das Fernsehen war auf dem besten Weg, das Radio als Hauptmedium abzulösen.

Bis Mitte der 1960er-Jahre waren die meisten Fernsehgeräte in Gaststuben oder sonstigen öffentlichen Räumlichkeiten aufgestellt. In Privathaushalten waren sie noch eine seltene Ausnahme. Wer aber schon eine Glotze besaß, durfte sich über viele Freunde erfreuen. Die kamen dann nämlich gerne und häufig zu Besuch, um das Gebotene quasi im privaten Rahmen sehen zu können. Aus Schilderungen aus der eigenen Familie ist etwa bekannt, dass sich bei attraktiven Programmen nicht selten zehn Personen oder mehr zum Fernsehen angesagt hatten. Womit es im Wohnzimmer schon recht eng wurde.

Das änderte sich erst, nachdem der Fernseher in immer mehr Haushalten Einzug gehalten hatte. Zu Beginn der 1960er-Jahre war Fernsehen noch etwas für eine kleine Minderheit. Nur zehn Jahre später war es längst zu einem Massenmedium geworden. Zwar hatten noch nicht alle ein eigenes TV-Gerät, aber schon die meisten. Die Kinobesitzer hatten jedenfalls keine Freude mit der Glotze. Immer weniger fanden den Weg in die Lichtspieltheater. Womit diese nach und nach, zuerst die kleinen Dorfkinos, dicht machten.

Kommunikationssatelliten

Im August 1960 brachten die USA ihren ersten Kommunikationssatelliten in eine Umlaufbahn. Ein Satellit im heutigen Sinne war er noch nicht. Im Wesentlichen war Echo 1, so sein Name, nicht mehr, als ein etwa 30 Meter großer Ballon, dessen Haut mit einer reflektierenden Aluminiumschicht überzogen war. Die zu ihm gesendeten Funksignale wurden an seiner Hülle reflektiert und so wieder zur Erde abgelenkt. Womit sich Distanzen von 4 000 bis 9 000 Kilometer überbrücken ließen. Für TV-Übertragungen war Echo 1 jedoch kaum geeignet. Die über ihn empfangene Bildqualität ließ stark zu wünschen übrig. Dennoch wurde Echo 1 bis 1968 für transatlantischen Funkverkehr genutzt. Da er keine Elektronik besaß, arbeitete er nämlich zuverlässiger als die ersten echten Kommunikationssatelliten.

Telstar 1 wurde in Europa von zwei Erdfunkstellen empfangen. Im französischen Pleumeur Bodou wurde dafür eine Parabolantenne eingesetzt. © Auerbach Verlag/Thomas Riegler/ZDFinfo

Mit Telstar 1 startete am 10. Juli 1962 der erste elektronische TV-Satellit. Er umkreiste die Erde in einer ellip­tischen Umlaufbahn von rund 960 bis 5 600 Kilometer Höhe, womit keine ständigen TV-Übertragungen möglich waren. Sowohl die Sende- und Empfangsantenne, damals Ungetüme von rund 30 Meter Durchmesser, mussten laufend nachgeführt werden. Zwischen Amerika und Europa ergab sich so ein Zeitfenster von maximal 20 Minuten je Erdumkreisung. Die erste Liveübertragung aus den USA nach Europa erfolgte am 23. Juli 1962.

Drei Bodenstationen wurden für den Transatlantikverkehr über Telstar 1 eingerichtet. In Andover, Maine, USA, sowie in Goonhilly Downs in Großbritannien wurde je eine große Hornantenne installiert. Im französischen Pleurmeur Bodou war eine große Parabolantenne vorhanden. 15 Stunden nach dem Start von Telstar1 wurde das erste Bild über den Atlantik gesendet. Zu sehen war eine wehende US-Fahne mit der Bodenstation im Hintergrund.

Der erste Übertragungstest über den ersten TV-Satelliten. Über Andover im US-Bundesstaat Maine wurde die US-Flagge nach Europa gesendet. © Auerbach Verlag/Thomas Riegler/ZDFinfo

Der weltweit erste TV-Satellit wurde sehr bald ein Opfer des Kalten Krieges. Bei einem oberirdischen Atombombenversuch der USA in der Atmosphäre hatte der gerade in geringer Höhe darüber fliegende TV-Vogel zu viel an Strahlung abbekommen, die seine Transistoren zerstört haben. Seit November 1962 kreist Telstar 1 somit funktionslos in 158 Minuten um die Erde.

Das zweite Programm kommt

Obwohl das Fernsehen noch recht jung war, begeisterten sich Monat für Monat mehr Bürger für das neue Medium. Es hatte nur einen Haken. In der BDR gab es, genauso wie in der DDR und den meisten anderen Ländern, jeweils nur ein Programm. Die Bevölkerung sowie Bundeskanzler Adenauer und sein Kabinett wünschten sich ein zweites Fernsehprogramm. Es sollte dem Bund unterstellt sein und bundesweit ausgestrahlt werden. Zu diesem Zweck wurde am 25. Juli 1960 die Deutschland-Fernsehen GmbH gegründet. Sie sollte den Sendebetrieb mit 1. Januar 1961 aufnehmen.

Am 1. August wurde bei der Deutschen Bundespost die Zuteilung eines Fernseh-Sendernetzes beantragt. Allerdings bewegte man sich mit dem Vorhaben in einer rechtlichen Grauzone. Denn die Kulturhoheit lag bei den Ländern, die somit auch für die Bereitstellung der TV-Inhalte zuständig gewesen wären. Der Bund war ausschließlich für den Sendernetzbetrieb verantwortlich. Die SPD-geführten Bundesländer fühlten sich betrogen und brachten eine Klage beim Bundesverfassungsgericht ein. Währenddessen liefen die Vorbereitungen für den Sendestart weiter. Mit einer am 17. Dezember 1960 ausgesprochenen einstweiligen Unterlassungsanordnung war das Ende der Deutschland-Fernsehen GmbH besiegelt.

Zimmerantenne aus den frühen 1960ern für das erste und zweite Programm. Damals meinte man, dass für ein teures TV eine billige, kleine Antenne reiche. © Auerbach Verlag/Thomas Riegler

Da aber auch die Länder einen zweiten TV-Kanal herbeisehnten, einigten sie sich wenige Monate später über die Einführung des später als ZDF bekannt gewordenen Senders. Dieses ging mit 1. April 1963 auf Sendung. Doch so lange mussten die Bundesbürger nicht auf ihr zweites Programm warten. Denn quasi als Übergangslösung startete am 1. Mai 1961 das zweite Programm der ARD, das rückwirkend als ARD 2 bezeichnet wurde.

In Österreich startet das zweite Programm am 11. September 1961. Es läuft vorerst aber nur als technischer Versuchskanal und wird an nur drei Wochentagen im Großraum Wien ausgestrahlt. Das Sendernetz für das zweite Programm wurde erst ab Ende der 1960er-Jahre großflächig ausgebaut. Seit September 1970 sendete FS2, das heutige ORF2, an allen Wochentagen.

Neuer Frequenzbereich

Kaum jemand, der 1961 bereits ein TV-Gerät besaß, konnte das zweite Programm empfangen. Denn die Geräte aus den 1950ern konnten nur den VHF-Bereich empfangen, in dem die ersten Programme übertragen wurden. Für die zweiten Programme kam ein neuer Frequenzbereich, das so genannte UHF-Band, zum Einsatz. Schnell kamen Nachrüstgeräte, besser als UHF-Konverter bekannt, auf den Markt. Sie konnten das Zweite empfangen und gaben es per Antennenkabel an den Fernseher weiter. Bis zum Start der regionalen 3. Programme in der BRD zwischen 1964 und 1969 gehörte das UHF-Empfangsteil längst zur Standardausstattung aller neuen Fernseher.

Mit so genannten UHF-Konvertern konnten auch TVs aus den 1950ern fit für den Empfang des auf UHF ausgestrahlten zweiten Programms gemacht werden. © Auerbach Verlag/Thomas Riegler

Der schwarze Kanal

Am 21. März 1960 flimmerte im DDR Fernsehen erstmals jene Sendung über die Mattscheiben, die bei den Bürgern Ostdeutschlands wohl am meisten gehasst war: Der Schwarze Kanal. Jeden Montag, unmittelbar im Anschluss eines populären Spielfilms, präsentierte der Chefkommentator des Fernsehens der DDR, Karl Eduard von Schnitzler, Ausschnitte des westdeutschen Fernsehens. In der Regel waren es Nachrichten, Reportagen und Magazine, zu denen er aggressiv und polemisch seinen Senf dazu gab. Für ihn war klar, der Westen war böse und das meiste, was im Fernsehen der BRD gezeigt wurde, war erstunken und erlogen.

Bis in den Oktober 1989 erklärte von Schnitzler, der von den DDR-Bürgern den wenig liebevoll gemeinten Spitznamen Sudel Ede erhalten hatte, die sozialistische Sicht der Dinge und somit die alleinige Wahrheit. Ihm war es ein Anliegen, seinen Genossen zu zeigen, wie schlimm es im kapitalistischen Westen zugeht und wie alltäglich Ausbeutung, Profitgier, Massenarbeitslosigkeit und Kriegslüsternheit sind. Im Westen lauert das Böse, das die friedliebende DDR nur zu Fall bringen will.

Beliebt war der Schwarze Kanal bestenfalls bei einhundertprozentigen Parteigenossen. Die meisten sahen ihn nur als Anlass, um schnellstmöglich auf das Westfernsehen umzuschalten. Manchmal schauten aber auch sie sich den Sudele Ede an. Einfach nur, um über den Stuss, der da verbreitet wurde, mal wieder herzhaft zu lachen.

Der Schwarze Kanal ist, genau genommen keine Erfindung der DDR. Im Westen war man schneller und analysierte in der von 1958 bis 1964 ausgestrahlten Reihe „Die rote Optik“, Meldungen des DDR-Fernsehens. Während der Schwarze Kanal wöchentlich ausgestrahlt wurde, zeigte die ARD die rote Optik nur alle drei Monate.

Im nächsten Teil unserer Reihe „Die Geschichte des Fernsehens“ schauen wir uns an, wie es in den 60er Jahren mit dem bewegten Bild weiterging.

Ältere Folgen:
Die Geschichte des Fernsehens: Wie alles begann (Teil 1)
Die Geschichte des Fernsehens: Olympia 1936 und der Krieg (Teil 2)
Die Geschichte des Fernsehens: Eine Spielerei setzt sich durch (Teil 3)
Die Geschichte des Fernsehens: Ende der 60er gelingt der große Durchbruch (Teil 4)

Bildquelle:

  • Geschichte-des-Fernsehens-Teil-3-4: © Auerbach Verlag/Thomas Riegler/ZDFinfo
  • Geschichte-des-Fernsehens-Teil-3-5: © Auerbach Verlag/Thomas Riegler/ZDFinfo
  • Geschichte-des-Fernsehens-Teil-3-2: © Auerbach Verlag/Thomas Riegler
  • Geschichte-des-Fernsehens-Teil-3-3: © Auerbach Verlag/Thomas Riegler
  • Geschichte-des-Fernsehens-Teil-3-1: © Auerbach Verlag/Thomas Riegler

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