„Back to Black“: Amy Winehouse hat einen besseren Film verdient

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Marisa Abela als Amy Winehouse
Foto: Dean Rogers/ Studiocanal SAS

„Back To Black“ ist die erste Spielfilm über das Leben von Amy Winehouse. Trotz beachtlicher Hauptdarstellerin erschöpft sich das Biopic in Klischees und Konventionen.

Die Illusion des flatternden Vogels besteht darin, dass er nur in ein größeres Gefängnis gelangt, hat man ihn aus seinem alten Käfig erst einmal in die Freiheit entlassen. Überall Wände ringsherum, wohin in der Welt? Fliegen, fliegen, unbedarft und frei und doch genügend Möglichkeiten, verheerend anzuecken in all den auferlegten Grenzen. Dass „Back to Black“ ein solches tierisches, recht abgenutztes Sinnbild für den Werdegang seiner ikonischen Protagonistin als erzählerische Rahmung wählt, mag von einem gewissen poetischen Gespür oder aber von schlichter Einfallslosigkeit zeugen.

Bis sich der Kreis mit besagtem Bild schließt, atmet „Back to Black“ bereits den Hauch des Todes, wandelt Amy Winehouse zwischen abgedeckten Möbelstücken und eiskalten, kargen Räumen umher, ist diese filmische Wiedergeburt der Sängern in einer trauernden Zwischenwelt angelangt. „Back to Black“ scheut jedoch den Moment, vor dem viele sich im Vorfeld offenbar gefürchtet hatten: einer bildhaften Rekonstruktion der letzten Atemzüge von Winehouse. Zu früh der Zeitpunkt dieses Films, zu groß die Gefahr einer weiteren sensationslüsternen Ausschlachtung dieser realen Tragödie, das waren die medial ausgebreiteten Sorgen, die seit der Ankündigung von „Back to Black“ kursierten. Einer solchen Aufregung und Skandalisierung wird das Resultat, das nun in den deutschen Kinos zu sehen ist, nicht gerecht. Vielmehr bleibt ein müdes Gähnen über allerlei Erwartbares.

Amy Winehouse auf der Bühne in "Back to Black"
Foto: Dean Rogers/ Studiocanal SAS

„Back to Black“ zeigt die Hochs und Tiefs von Amy Winehouse im Schnelldurchlauf

Die Regiearbeit von Sam Taylor Johnson („Fifty Shades of Grey„) und das Drehbuch von Matt Greenhalgh bleiben bei den psychischen und physischen, den Drogenabstürzen der Soul-Musikerin vergleichsweise diskret und zurückhaltend. Auf ein Nachstellen des Todes verzichtet ihr Biopic, wie bereits erwähnt, das bis dahin einen naheliegenden Baustein auf den anderen setzt, wie es zahlreiche Künstler-Filmbiographien zuvor getan haben. Vom Aufstieg über ausgewählte persönliche Hochs und Tiefs bis zum Absturz reproduziert „Back to Black“ den allgemein gängigen Mythos des Stars, der im goldenen Käfig mit seinen Krisen vereinsamt und unter dem Druck der dauerhaften Öffentlichkeit und des medialen Rummels zusammenbricht.

Vor einigen Jahren hatte sich bereits die Doku „Amy“ von Asif Kapadia anhand von montiertem Archivmaterial dieser Erfahrungswelt genähert. Warum nun auf Kosten der 2011 verstorbenen Amy Winehouse ein fiktionaler Spielfilm über ihre Karriere folgen muss, will sich in dieser jetzigen Form kaum erschließen, weil „Back to Black“ keinen nennenswerten Wege findet, sein Medium zu nutzen, um über seine historische Bilderschlacht und seine grundlegenden Fragen nach einem Schutz von Personen des öffentlichen Lebens genauer nachzudenken. Was Sam Taylor-Johnsons Film auf der Leinwand aufführt, ist nur der Verkauf weiterer Märchen, des trügerischen Blicks durch das Schlüsselloch, eine weitere Anmaßung, ein Leben in zwei Stunden pressen zu können und dabei mit konventionellen inszenatorischen Mitteln ein wenig Drama und Gefühl aus dem Stoff zu pressen.

Blake Fielder-Civil (Jack O’Connell) und Amy Winehouse (Marisa Abela) in "Back to Black"
Foto: Dean Rogers/ Focus Features

Nichts Neues im bösen Showgeschäft

Amys krisenhafte Beziehung mit Blake Fielder-Civil (Jack O’Connell) erhält viel Raum im Film, ebenso die Beziehung zu ihrer geliebten Großmutter (Lesley Manville). Ihr Vater (Eddie Marsan) kommt derweil glimpflich davon, er taucht nur am Rande hier und da auf. Stattdessen hetzt „Back to Black“ durch ein paar berufliche Erfolgsmomente, durch Suchtprobleme und private Rückschläge, deren Schmerz in Form von Tattoos unter die Haut der Sängerin gehackt wird.

Die Britin Marisa Abela verwandelt sich dabei mit großem Bemühen in die Doppelgängerin der Winehouse. Wenn sie im aufgetragenen Make-up und mit der markanten Beehive-Frise zu singen beginnt, bekannte Winehouse-Songs wie „Rehab“ oder eben „Back to Black“ über Montagen gelegt werden und durch den Kinosaal schallen, dann sind das wenige mitreißende, dynamisch eingefangene Szenen in einem Film, der ansonsten von ernüchternder stilistischer Einfallslosigkeit und Gleichförmigkeit geprägt ist. Ob „Back to Black“, „I Wanna Dance With Somebody“, „Rocketman“, „Aline“, „Bob Marley: One Love“ oder „Bohemian Rhapsody“: Würde man eine Montage aus all diesen Filmen anfertigen, man könnte ihre Bilder wahrscheinlich kaum noch auseinanderhalten.

„Back to Black“ und die Medienpersona

Schönes und Hässliches verschmelzen in diesem Werk. Seine sterile, aufpolierte Bilderwelt gleicht einmal mehr einem grell beleuchteten Fotostudio, das seine Kulissen mit dem Leben dort draußen verwechselt und Gespür vermissen lässt, mit seiner Illusionsbildung gekonnt zu verfahren. Nicht jeder Film muss mit seiner Illusion brechen. Überhaupt, das heißt in der Regel ohnehin nur, die Illusion ein Stück weit zu verschieben und auf eine andere Ebene zu heben.

Im Falle eines Films wie „Back to Black“ enttäuscht besagte Einfallslosigkeit jedoch, weil er nun einmal explizit die Gewalt der Bilder und eines Lebens in medialen Konstellationen zum Thema hat. Es gibt durchaus einen interessanten Moment recht früh im Film, wenn Amy ihren TV-Auftritt mit der Großmutter im Wohnzimmer verfolgt: Eine Selbstentfremdung muss dort unweigerlich eintreten. Die Medienpersona hat sich abgelöst, auch wenn sie zu diesem Zeitpunkt noch nichts davon wissen will, die katastrophale Tragweite dessen noch nicht erkannt hat.

Amy Winehouse Hochzeitsfoto
Foto: Dean Rogers/ Studiocanal SAS

Amy Winehouse wird zur Spielfigur altbackener Film-Narrative

An diesem Punkt hätte „Back to Black“ ansetzen, die Bilderentstehung produktiv werden lassen, nach anregenden Ambivalenzen in einem Leben im Rampenlicht suchen können, nach dem Menschen gieren und sich, wenn sie selbst nicht im Rampenlicht stehen, leicht von dessen Schrecken fernhalten können. Doch dieses Winehouse-Biopic verkommt recht schnell zur blassen Illustration einer großen Boulevard-Geschichte, die nur beflissentlich darstellt, was ohnehin alle wissen. Der wahrhaftige Ausdruck, das Eintauchen in ein Lebensgefühl lässt sich mit einer solchen stationenhaften erzählerischen Herangehensweise kaum bewerkstelligen.

Um einen Horror daraus zu filtern, reicht es ebenso kaum, die Hauptdarstellerin zwischendurch einmal mit verschmiertem Make-up und wackelnder Kamera durch eine Horde Paparazzi zu jagen. Ein ganz normales Leben als Ehefrau wollte sie haben, dieses Mädchen von nebenan, das in die weite Welt geschickt wird. Einfach sie selbst wollte sie sein, solche Bekenntnisse legt der Film Amy Winehouse sinngemäß in den Mund.

Egal, ob solche Bekenntnisse nun frei erfunden sind oder nicht: Als Spielfilm entsteht damit ein furchtbar biederes, konservatives und eindimensionales Werk, das auf brisante Konflikte mit und in der Öffentlichkeit künstlerisch nur noch mit dem Rückzug ins fabulierte Heimelige, Vertraute reagieren kann. Sicherlich wiegt ein solches Banalisieren und Einhegen einer überragenden, rebellisch kokettierenden Künstlerin in handzahme Hollywood-Narrative und inszenatorische Beliebigkeit nicht weniger schwer als die pure Lust an der Sensation.

„Back to Black“ läuft seit dem 11. April 2024 im Verleih von StudioCanal in den deutschen Kinos.

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