„Belle“ im Kino: Neue Bilder braucht der Cyberspace  

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Mit „Belle“ adaptiert und modernisiert der gefeierte Regisseur Mamoru Hosoda „Die Schöne und das Biest“ als bildgewaltiges Internet-Musical. 

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Letztendlich ist der digitale Raum nach wie vor ein Rätsel. Freilich, im Kino hat man sich seit Jahrzehnten mit dem Internet, mit virtuellen Welten und Digitalität auseinandergesetzt. Im Zuge von Pandemie und Lockdown haben solche künstlerischen Verarbeitungen noch einmal eine neue Dringlichkeit erfahren, von der Experimente wie das selbstbespiegelnde Netflix-Musical „Bo Burnham: Inside“ oder der zu voreilig auf die Beine gestellte Zoom-Grusel „Host“ zeugen. Doch wenn man ehrlich ist: Wenige filmische Werke haben bislang eine wirklich überzeugend abstrakte Form für all die lichtgenerierten und entgrenzten Gleichzeitigen des Cyberspace gefunden. „Belle“, der nach seiner Premiere in Cannes 2021 international bereits jede Menge Lob erntete, kann fortan zumindest als ambitionierter und in Teilen geglückter Versuch gewertet werden.

Mamoru Hosodas („Mirai – Das Mädchen aus der Zukunft„) neues Werk beschwört noch einmal die Möglichkeiten des gezeichneten und animierten Films. Und es sind Möglichkeiten, wie man sie gegenwärtig vielleicht allein im Anime-Kino wiederentdecken kann. Ein gewisser exotisierender Blick mag diesen Eindruck vernebeln, doch ein Film wie „Belle“ gemahnt zweifellos daran, wie deutlich populäres westliches Animationskino, gerade aus Hollywood, ein Stück weit verlernt hat, das Psychedelische, das Formenspiel, vielleicht auch das Undefinierbare und visuell Überfordernde auf die Leinwand zu bringen.

Das Internet als surreales Wimmelbild

Am Beginn von „Belle“ steht eine weiße Linie auf schwarzem Grund, anwachsend, leinwandfüllend – bis sie sich dreht und wendet und ihre Dimensionen auf überwältigende Weise aufsprengt. Der Zoom lässt eine fremde Welt sichtbar werden, Hintergründe aus verschachtelten Flächen und Körpern, ins Nichts führende Wege, schwebende Plattformen, eine surreale, kaum überschaubare Phantasmagorie aus Poptönen, Spiegelformen, Pixeln und wuselnden Avataren, über die eine singende junge Frau auf einem Riesenwal hinwegschwebt. „U“, so heißt das Universum, das Mamoru Hosoda als Schauplatz wählt, eine soziale Plattform, die unbegrenzte Möglichkeiten, Gestaltwandel und Weltflucht für ihre Nutzerinnen und Nutzer verspricht.

Ein 17-jähriges Mädchen namens Suzu begibt sich in diese Parallelwelt. Nach dem Unfalltod ihrer Mutter bietet ihr die Onlinewelt eine Möglichkeit, Anerkennung zu finden und das eigene Trauma zu verarbeiten. Als singende Belle mischt sie nun den digitalen Raum auf und wird als Star gefeiert, dessen Verwandlung das Publikum auf und vor der Leinwand gleichermaßen zu hypnotisieren vermag. Hosoda zeigt allein das Eindringen in diesen Cyberspace als Transzendenzerfahrung und seelenwandernden Übergangsritus durch eine Tür im Nichts, hinein in jenen schillernden, fantasievoll bebilderten Un-Ort, in den Belle ihre Sehnsüchte und Sinnsprüche hineinsingt.

Und sie antwortet, diese überirdisch erscheinende Sphäre. Sie sendet Botschaften zurück: als Labyrinth aufploppender Nachrichten und Bildkacheln, die die Leinwand füllen. Die Digitalwelt als quasi-religiöses Ersatzsystem; man ist sich nach „Belle“ immer noch nicht sicher, ob man sich dieser Faszination oder ihrem Schrecken hingeben will.

Die schöne Belle und das digitale Biest

Wie Hosoda die triste Alltagswelt und das Gewusel des Internet-Universums kontrastiert und musikalisch zum Leben erweckt, ist jedenfalls spektakulär gelungen. Jetzt fehlen nur noch neue Erzählstoffe für diese absonderlichen Bildwelten! In den Weiten des Internets findet „Belle“ einen altbewährten, konzentrierenden Ankerpunkt: Als Adaption von „Die Schöne und das Biest“ taucht da irgendwann ein störendes Monsterwesen in der Virtualität auf, das von allen geächtet wird, bis Belle beginnt, hinter die Fassade des Unruhestifters zu blicken.

Was der Film dort findet, überrascht durchaus in seiner fortschreitenden Überlappung von Themen, die er in den Märchenstoff webt, die sowohl das Sinnsuchende einer klassischen Coming-of-Age-Geschichte mit übersinnlichen Abenteuern und äußerster Grausamkeit der profanen Welt, mit dem Thema des Missbrauchs und der häuslichen Gewalt vereint.

Hosodas Märchen irrt allein in seiner versuchten Demaskierung, nicht nur des Biestes, dessen wahre Identität der Internet-Mob gewaltsam aufzudecken versucht. „Belle“ träumt den naiven Traum von der menschlichen Netzkultur, während er zwischen virtuellen, unbehaglichen Gestalten umherstreift. Sein verquerer Authentizitätsfetisch wächst derweil ins Unermessliche, wo die abstrakten Gebilde auf der Leinwand, dem erfahrbaren Internetduplikat, das menschliche Fassungsvermögen zu überschreiten scheinen.

Suche nach echten Gefühlen

Ihre Lösung erfahren die Konflikte von Belle und dem stigmatisierten Bösewicht wieder nur in der gemeinschaftsstiftenden inneren Offenbarung, dem Präsentieren des wahren Ichs, was auch immer das sein soll – die alte Leier der Popkultur. „Belle“ findet darin eine Utopie, eine Alternative zu den Übergriffigkeiten des anonymen Virtuellen – und befeuert damit womöglich zuvorderst dessen Horrorvorstellung gänzlicher Transparenz.

Das Sich-Zeigen-Müssen und Hervorkehren des Privaten folgt blindlings den Dynamiken und Phrasen gegenwärtiger Social-Media-Kultur, die damit jede wirklich ernstzunehmende Auseinandersetzung mit öffentlicher Inszenierung verweigern und schlimmer noch: die Grenze zwischen Öffentlichem und Privatem vollends einzureißen versuchen. „Belle“ hat sich in diesen Denkweisen eingerichtet, die Grauzonen etwas leichtsinnig übertünchend. Der Film gebraucht dafür ein enormes Maß an Pathos: In allerlei Tränen, empathischem Choral und funkelndem Lichtermeer sucht er nach dem vermeintlich wahren, unverfälschten Affekt, wo sonst alles künstliche Personality im Digitalnirvana ist. Vielleicht ist diese finale Gefühlsentfesselung trost- und hilfloser, als es „Belle“ selbst gern wahrhaben möchte.

„Belle“ läuft ab dem 9. Juni 2022 im Verleih von Koch Films in den deutschen Kinos.

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Bildquelle:

  • belle-film-df: Koch Films
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