„Die Passion“: Der RTL-Witz ist auserzählt! – Zwischen Herkules und Helene Fischer

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Jenny Elvers und die Jünger bei
Foto: RTL/ Stefan Gregorowius

RTL hat sein viel diskutiertes Bibel-Musical „Die Passion“ zurück in das deutsche Fernsehen gebracht. Die zweite Ausgabe erreichte den Wahnwitz der Premiere von 2022 nur selten.

Am 27. März 2024, ungefähr halb neun am Abend nach mitteleuropäischer Zeit, sang die Muttergottes Helene Fischer. „Du bist ein Phänomen“ – und phänomenal war er tatsächlich, der erste große Akt von RTL’s zweiter „Passion“. Auf seine eigenwillige Weise. Nirgendwo sonst im deutschen Fernsehen kann man jedenfalls erleben, wie die Geschichte aller Geschichten ihre Charaktere in bester Daily-Soap-Ästhetik vorstellt, Stefanie Hertel als Jüngerin Jesu zu dem Toten-Hosen-Rock-Schlager „Tage wie diese“ auf einem E-Roller in Kassel einfährt und Jenny Elvers als Obdachlose von ihrer Blindheit geheilt wird.

Das unterhaltsam Parodistische, das schon der ersten Ausgabe von „Die Passion“ 2022 innewohnte, bestand nie darin, den biblischen Stoff, die Passionsgeschichte über Verrat, Vergebung, Kreuzigung und Wiederauferstehung, einfach zu verlachen. Parodistisch waren die Kontextverschiebungen und Zusammensetzungen, die das Format vornimmt, indem es deutsche (Trash-)Promis ihrer gewohnten Umgebung entreißt und in skurrilen Situationen mitten in den heiligen Mythos verpflanzt, also gewissermaßen das vermeintlich Niederste mit dem vermeintlich Höchsten verschmelzen lässt. Aufbereitet in absonderlichen Musical-Nummern, die spielerisch näher am örtlichen Kinder-Krippenspiel als an der großen Showbühne operieren.

Nadja Benaissa als Maria in "Die Passion"
Nadja Benaissa als Maria Foto: RTL/ Stefan Gregorowius

„Die Passion“ fährt erneut eine beachtliche Schar an Trash-Prominenz auf

Der beschriebene Humor, auf den RTL auch 2024 vorsichtig setzt, funktioniert neben dem offensiv und bewusst ausgestellten Scheitern einer künstlerischen Illusion zuvorderst über Referenzbezüge und ein Vorwissen des Publikums, das sich durch bloße Personenkenntnis und Wiedererkennungswerte daran erfreuen kann (oder auch nicht), wenn Wolfgang „Jo Gerner“ Bahro und Katy Karrenbauer plötzlich als Schächer auftreten oder Reiner Calmund beim Brotkauf für das letzte Abendmahl am Currywurst-Büdchen wartet. Kurz zusammengefasst: „Die Passion“ war ein riesiger Insider-Witz für alle, die zumindest entfernt Interesse an Boulevard und Trash-Fernsehen hegen. Und die Vorzeichen waren nicht schlecht, um an diesen heiteren Quatsch anzuknüpfen! Bei der Besetzung seines illustren Sternchen-Ensembles hat sich RTL nicht lumpen lassen: Ben Blümel als Jesus, Jimi Blue Ochsenknecht als Judas, Nadja Benaissa als Maria, in weiteren Rollen Reality-Prominenz wie Joey Heindle und Larissa Marolt, die Volksmusikantin Stefanie Hertel!

Was mit der irren ersten Viertelstunde noch nahtlos an die erste „Passion“ anknüpfte, fiel wenig später allerdings recht zäh und behäbig in sich zusammen. RTL stand vor dieser zweiten Ausgabe der Live-Show in Kassel, dem „neuen Jerusalem“, wahrscheinlich vor zwei Wegen, die auch schon bei der Premiere mit Alexander Klaws und Thomas Gottschalk parallel verliefen, aber an entscheidenden Punkten eben doch auf ihre Trennung aufmerksam machten. Entweder, man füttert zuvorderst die Meme-Kultur des Internets und schraubt das Maß an Nonsens ungehemmt weiter in die Höhe, um den teils auch verstörenden Witz dieser Adaption eines holländischen TV-Erfolgs zu toppen. Oder man fokussiert sich auf die ernsteren Töne und nimmt den Quatsch des gesamten Showkonzepts tatsächlich beim Wort. RTL hat sich leider für den letzteren Weg entschieden.

Ben Blümel in "Die Passion"
Ben Blümel ist in Kassel erstanden. Foto: RTL/ Stefan Gregorowius

Jimi Blue Ochsenknecht rettet die Show

Es gab durchaus Höhepunkte in dieser Live-Sendung zu erleben! Ein spektakulärer Drohnenflug hinauf zum Herkules von Kassel, bevor zu Füßen der Statue Jimi Blue Ochsenknecht wartet, um „Nie genug“ von Christina Stürmer zu trällern. Später: Erneut Jimi Blue Ochsenknecht, dieses Mal im erschreckend mittelmäßigen Falco-Rap-Battle mit Jesus. Überhaupt der Ochsenknecht, er ist der Star dieser Ausgabe, der mit seinem ergriffenen Spiel Szenen hervorbringt, die man mit eigenen Augen sehen muss, um an den Trash-Gott zu glauben. Im Vorfeld hatte der Schauspieler und Sänger verlauten lassen, er wolle seinen Judas als Menschen zeigen. Und er war tatsächlich…nun…ein Mensch! Abseits der beschriebenen Szenen sieht es jedoch mau aus bezüglich erinnerungswürdiger Highlights. „Die Passion 2024“ ist nicht das erhoffte Lagerfeuer-Event geworden, sondern weitgehend humorbefreites Schnarchfernsehen, ein müder Aufguss der ersten Ausgabe, ohne dessen Überraschungseffekt noch einmal zu erreichen oder gar zu übertreffen.

Moderator Hannes Jaenicke erzählte die Bibelgeschichte im strömenden Regen mit einem verbissenen, lächerlichen Ernst, dass einem jede Freude vergehen kann. Der urkomische Dilettantismus in der Inszenierung der einzelnen Musical-Nummern hat dieses Mal an Qualität zugelegt, versendet sich also im langweiligen Mittelmaß. Indem „Die Passion“ so wenig Selbstironie walten lässt, tritt nur deutlicher ihr verqueres Konzept zu Tage, das irgendwo zwischen bekehrendem Erbauungsfernsehen, „DSDS“-Casting und Schlagershow changiert. Wieder werden dort Menschen unter einem großen leuchtenden Kreuz durch die Manege getrieben, um vor laufenden Kameras Seitensprünge zu beichten oder von Gotteserscheinungen auf dem Krankenbett zu berichten. Reporterin Angela Finger-Erben läuft neben der Prozession und spielt das Spiel der Rührung.

Reiner Calmund bei "Die Passion"
Reiner Calmund ist erneut dabei. Foto: RTL/ Sander Mulkens

Einfallsloses Bekehrungsfernsehen

Die Botschaften der Passionsgeschichte werden mit noch mehr Sentimentalität in völlig austauschbaren Song-Teppichen aus Udo Jürgens, Marius Müller Westernhagen und Rosenstolz zum Brei vermengt und mittendrin glotzt ein mal bewegtes, mal entnervt und frierend dreinblickendes, durchnässtes Live-Publikum auf eine halbleere Bühne oder den Bildschirm zwischen Kulturdenkmälern und Autolärm. Die Heilsbotschaft will man vermitteln, modern aufbereiten, aktualisieren, vergegenwärtigen und ertränkt sie allein im oberflächlichen Affekt. Überhaupt, wie fadenscheinig kann ein enges Verständnis von Religion sein, wenn man es mit Nena und Johannes Oerding verkaufen muss, um noch irgendwen zu erreichen?

„Die Passion“ ist schlussendlich ein gefühlsbetrunkenes, perfekt durchkalkuliertes Marken-Produkt einer postsäkularen Kulturindustrie, die sich völlig unkritisch an gegenwärtige spirituelle Booms, fortbestehenden Wunderglaube und Lifestyle-religiöse Bewegungen heftet. Zugleich will man die Einschaltquoten in die Höhe treiben, indem man dem Trash-affinen Publikum und dem Internet gewisse Fremdscham-Brocken hinwirft, um sich im Gespräch zu halten. Das war schon bei der ersten Ausgabe so, tritt jetzt aber umso ärgerlicher zu Tage, weil dieser zweiten Ausgabe an originellen Ideen fehlt, um als Unterhaltungssendung (sofern sie das sein will?) noch zu erstaunen und mitzureißen. Wo die erste Ausgabe mit ihrem einfältigen, unerwarteten und teils schier unglaublichen Aberwitz noch fragwürdigere Seiten dieses Projekts übertünchen konnte, regiert jetzt der pure Blödsinn.

…und Calli ist Pizza

Wenn Reiner Calmund schon wieder an der Theke steht, dieses Mal mit Pizza statt mit Currywurst, dann ist das zunickender Fanservice, der nur daran erinnert, wie freudlos, wie einfallslos dieser Nachklapp nun geraten ist, wenn er sich schon selbst zitieren muss. Wie träge routiniert und ideenbefreit kann eine solche TV-Wundertüte nach nur zwei Ausgaben sein? Der große Bibel-Gag hat beim ersten Mal gezündet, beim zweiten Mal verpufft er. Auf der Plattform X kursierte immerhin ein amüsantes Video, wahrscheinlich aufgenommen in einer Werbepause, in dem die ebenfalls anwesende Frauke Ludowig das Publikum fragt: „Bleibt ihr denn gleich alle noch da zu unserem ‚Exclusiv Spezial‘?“. Rings um die Kamera tönt es: Nein, Nein. Es ist die richtige Antwort.

Die zweite Ausgabe von „Die Passion“ wurde am 27. März um 20.15 Uhr bei RTL ausgestrahlt. Bei RTL+ kann man die Sendung streamen.

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