„Halloween Ends“ wird unterschätzt: Ein raffiniertes Horror-Finale

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Michael Myers im Dunkeln
Foto: Universal Studios. All Rights Reserved.
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David Gordon Green erntet aktuell harsche Kritik für sein Finale der „Halloween“-Reihe, dabei beweist „Halloween Ends“ einen Mut zum Eigensinn, den die Reihe lange verloren hatte.

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Schon der Titel ist ein interessantes Wortspiel. „Halloween Ends“, Halloween endet, steht für einen Schlussstrich und Abgesang. Tatsächlich liegt eine melancholische Stimmung über diesem Film. Es handelt sich um ein Abschiedswerk, welches erkannt hat, dass das eigene Franchise längst in Sackgassen gelandet ist und sich nunmehr (wie seine Mördergestalt Michael Myers) untot durch die Welt schleppt. Also bleibt nur dieses Wundenlecken, diese Selbstbespiegelung, die der inzwischen 13. Teil der Reihe unternimmt. Der Titel verweist als Substantiv aber auch auf eine Pluralform – im Sinne mehrerer Enden.

David Gordon Greens Horrorfilm ist ein riskantes Gewirr an umherschlingernden Erzählfäden, ein Präsentieren mehrerer möglicher Enden für ein Franchise, das wahrscheinlich ohnehin niemals sterben wird. Natürlich, ihm gelingt nicht jede thematische Überlagerung gleichermaßen überzeugend. Er versucht, Liebes- und Familiengeschichte, Slasher, Sozialstudie und Meta-Horror zugleich zu sein, und wird dort überdeutlich, wo eigentlich spannende Ambivalenzen angelegt sind.

Empörte Fans haben in den vergangenen Tagen unzählige vermeintliche Logiklöcher und Brüche im Kanon herausgearbeitet. Was dabei fehlt, ist jedoch die Bereitschaft, dieses Werk losgelöst betrachten zu können, sich nicht nur an innere Psychologie oder Plot-Kohärenz zu klammern. Andere Stimmen, die etwa fehlenden Schrecken bemängeln, scheinen sich ebenso wenig auf das fragmentarische Gedankenspiel dieses Films einlassen zu wollen. Und das, obwohl es die Gier nach Horror explizit verhandelt und unterwandert!

Ein letztes Killer-Duell

„Halloween Ends“ legt einen spielerischen Charakter und eine Brisanz in der eigenen Verunsicherung an den Tag, die diesen Film zum vielleicht interessantesten Eintrag der Reihe seit John Carpenters Original von 1978 werden lassen, wenngleich er dessen Brillanz keineswegs erreicht. Er hadert ein wenig mit seinem Erbe, den Vorgängerfilmen, die in schnell geschnittenen Montagen als Gedächtnis der Protagonistin Laurie (Jamie Lee Curtis) Erinnerungen hervorschwemmen. Ihrer Weltsicht ist längst nicht mehr zu trauen, schließlich ist sie es selbst, die die Bedrohung als Mythos am Leben hält. Ihr Lebewohl soll nun zelebriert werden: „Halloween Ends“ erzählt das finale Duell zwischen Laurie und Michael Myers.

Der war eigentlich längst als Phantasma und unsterbliches Sinnbild der Angst, Schuld und Hysterie ausgemacht. Und doch tritt er noch einmal in eine fleischliche, verletzliche Form ein – ausgerechnet im Moment seiner Austauschbarkeit und Ablösung. Es ist nur noch ein identitätsloses, altersschwaches Wesen mit deformiertem Antlitz. Als Es – und die Stephen-King-Parallele ist wörtlich zu nehmen – lauert es im Abwasserkanal: ein furchteinflößendes Unterbewusstsein der städtischen Gemeinschaft. Nun wagt es sich nach oben, um in einen letzten grausamen Akt ausgleichender Gewalt verwickelt zu werden.

Gegen den True-Crime-Hype

Die Angst vor dem Buhmann Myers hat die Gesellschaft vergiftet, davon handelten bereits die Vorgänger. Angst erzeugt Gewalt. „Halloween Ends“ erzählt jedoch nicht erneut so unreflektiert von staatsfeindlicher und politikverdrossener Bürgerwehr. Stattdessen kontrastiert David Gordon Green die Fantasie individueller Selbstjustiz mit einer drastischen Zuspitzung und einer konsequenten offenen Hintertür.

Gewalt und Verbrechen als gesellschaftliches Anderes zeigt „Halloween Ends“ als verdrängte Kehrseite, aber auch als identitätsfestigendes Moment. Als verheerende Geburtsstätte für Stellvertreter, die es zu bestrafen und auszugrenzen gilt, als Gründungsmythos, aber auch als Entertainment und Kitt der brüchigen Ordnung. True-Crime-Voyeure, die sich im Radio den Mund fusselig plappern und reale Verbrechen ausschlachten, verlieren ihre Zunge.

Ein geschlachtetes Opfer

David Gordon Green treibt dabei das versuchte Entledigen von dieser Gewalt bis in die kulturelle Archaik. In seinem Finale wird ein Küchentisch zum Altar, werden die Bilder eines aufgeschnittenen und ausblutenden Körpers zum exzessiven Opferritual. Fleischliche Überreste werden auf offener Bühne vorgeführt, um letztlich weiter zerteilt zu werden. Es ist eine Hinrichtung als öffentliche Schau und Spektakel, das bezeugt werden soll, um die Massen zu besänftigen.

„Halloween Ends“ führt in Blut und Gedärm angelegte Wirkmechanismen des Splatterkinos als Ersatzsystem kollektiver Opferriten noch einmal zu einem Nullstand des menschlichen Miteinanders. Die erlebte Souveränität im Zusehen steht auf dem Prüfstand. Ein Genre traut sich selbst nicht mehr. Green reizt, indem er seine Reize zur Diskussion stellt. Seine Trilogie führt vom effektheischenden Massaker zum Selbstzweifel.

Vielleicht muss man diesen letzten Akt tatsächlich als konfuse Parallele zu Aischylos` „Agamemnon“ aus der „Orestie“ lesen. Aus dem Hin und Her des Opferns und Rächens, das auch „Halloween“ viele Jahre zelebriert hat, kann nach einer barbarischen Entladung womöglich ein Fortschritt entstehen. Oder ist er nur ein Trugschluss? Eine literarische Fantasie im Kopf der Protagonistin? Die Filmbilder sprechen eine andere Sprache und verweisen auf das ewig Zyklische des Horrorkinos per se. In diesem Deutungsrahmen liegt die größte und streitbarste Provokation von „Halloween Ends“.

Das Gesicht von Michael Myers bleibt

„Halloween Ends“ gibt sich nicht einfach mit dem Rückfall in den Blutrausch als Lösung zufrieden. Seine finalen Szenen einer wiederhergestellten Ordnung und Idylle treiben sich das Unbehagen nicht aus. Im Sonnenlicht liegen die eingerosteten Erzählmuster der Reihe zugunsten einer Metareflexion in Trümmern, aber ihre DNA darf weiterleben. Eine Trophäe geschlagener Schlachten bleibt: das leere Gesicht von Michael Myers, diese grässliche Maske, die alles überdauert und auch künftig aufgesetzt werden kann. Auch das ist ein offenes Ende, das „Halloween Ends“ schon früh anbietet: die fortwährende, verschiebbare Herstellbarkeit von Angstgestalten und Schreckgespenstern.

Das ständige Vorstellen und Herbeireden ihrer Existenz birgt nicht nur die Möglichkeit, sich seiner selbst zu vergewissern. Sich zu erzählen, dass man eben nicht so unmenschlich ist wie dieses ominöse Andere. Aber es birgt auch das Potential der Katastrophe, das zeigt „Halloween Ends“ gleich in seiner brutalen Auftaktsequenz. Es ist die Geschichte von jemandem, der zum Opfer solcher Mechanismen wird und ins Abseits gedrängt wird. Eine blutige Gruselgeschichte über einen, der sich diskriminierende Fremdzuschreibungen aneignet und zurückwirft. Eine Romanze nähert sich der Verführungskraft des Bösen und wir, die Zuschauer, sind durch dessen Perspektive Teil der Beziehung.

„Halloween Ends“ ist der radikalste Teil der neuen Trilogie

Ist das überhaupt ein Bruch mit dem „Halloween“-Kanon, wie er in einigen Kritiken abgestraft wird? Ging es nicht schon immer um genau diese Offenheit der Michael-Myers-Figur? Sie war von Beginn an eine Projektionsfläche, ein rätselhafter Trickster, der unter seiner ikonischen Erscheinungsgestalt immer neue Sinnbilder und Formen annehmen kann. Radikal ist David Gordon Green, weil er diese Figur nun mit ungeahnter Ersetzbarkeit inszeniert, weil sich ihre Bedeutung längst als Abziehbild verselbständigt und aufgespalten hat. Ihr wird in einer Szene die Maske vom Haupt gerissen und weitergegeben. Die Ikone ist klonbar, ihre Bildhaftigkeit Teil des Problems. Immer wieder werden Menschen in diese Rolle des Heimsuchenden gedrängt oder sie stülpen sich deren Maskerade freiwillig über – und sei es nur als überhebendes Rollenspiel auf Halloween-Partys in der Realität.

„Halloween Ends“ verlagert die Sensationslust am Splatter mit solchen Kniffen permanent hin zu einem holprig, unbeholfen erzählten, aber denkwürdigen Lehrstück über die Vielgestalt und Verwandlung von Gewalt und Fremdheitserfahrungen. Vielleicht sorgt genau dieser didaktische Charakterzug für solchen Unmut. Michael Myers, das große bedrohliche Unbewusste, ist in seinem vorerst letzten Leinwandauftritt noch einmal als Konstrukt entlarvt, der Horror strapaziert in der Übertreibung seine eigene schaudernde Illusion. Das lahme Nostalgie-Geplänkel der vorherigen Filme schwingt sich in der offenen, disparaten Erzählstruktur doch noch zur produktiven Irritation auf. Ihr Erbe wirft dort umso bedrohlichere Schatten, wo man sich der eigenen Position zu sicher ist. Das trügerische, passend widersprüchliche Schlussbild zeugt davon auf prägnante Weise.

„Halloween Ends“ läuft seit dem 13. Oktober 2022 im Verleih von Universal Pictures in den deutschen Kinos und erscheint am 29. Dezember für das Heimkino.

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4 Kommentare im Forum

  1. Ansehen werde ich ihn mir ,habe alle Teile gesehen. Dachte damals beim H20 schon wäre der letzte Teil. Persönlich finde ich die Reihe viel zu sehr aufgebläht und die letzten Filme überflüssig. Naja,bringt halt Geld.
  2. Ich fand die anderen beiden Teile tatsächlich nicht so schlecht. Die Kritik wundert mich jetzt tatsächlich. Filme die gelobt werden, zerreißt digitalfernsehen.de regelrecht. Filme die bei der allgemeinheit eher schlecht wegkommen werden gelobt. Sehr seltsam.
  3. Ich habe den Film ja schon gesehen letzte Woche in 4K der Film ist ja auf 18 Jahre eingestuft. Also in den ersten 40 Minuten passiert nicht so viel in dem Film finde ich das Ende ist okay.
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