„Berlin 1933“ im TV: Origineller Blick auf das Ende der Weimarer Republik

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Gegner der SA stehen an einer Wand
Foto: Scherl/ Süddeutsche Zeitung Photo/ Arte
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Es ist wahrlich nicht die erste TV-Dokumentation zur Machtübernahme Hitlers und der Nationalsozialisten vor 90 Jahren. Doch Regisseur Volker Heise gelingt in „Berlin 1933“ ein besonderer Blick.

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Alles beginnt einigermaßen harmlos. Anfang Januar 1933 hat der Berliner Arzt Willi Lindenborn in der Klinik wenig zu tun, dafür ein bisschen Stress mit seiner Freundin. Denn die isst, trinkt und raucht aus seiner Sicht zu oft auf seine Kosten. Alltag eben. Aber in der Politik ahnen viele, dass die Weimarer Republik wankt. Zu Neujahr klingt Reichspräsident Paul von Hindenburg düster. „Gott hat Deutschland schon oft aus tiefer Not errettet“, ruft er den Bürgern zu. „Er wird uns auch jetzt nicht verlassen.“

Es sind die ersten Szenen des Films „Berlin 1933 – Tagebuch einer Großstadt“, der am Dienstag (20.15 Uhr) bei Arte und am darauffolgenden Samstag (28. Januar, 20.15 Uhr) beim RBB läuft. Regisseur Volker Heise, der mit „Berlin 1945 – Tagebuch einer Großstadt“ schon ein ähnliches Mammutprojekt stemmte, puzzelt aus Tagebüchern, Briefen, Zeitungen und historischen Bildern ein zeitgeschichtliches Mosaik des Jahres der Machtübernahme Adolf Hitlers und der Nationalsozialisten. Es ist wahrlich nicht die erste Dokumentation des deutschen Traumas vor nunmehr 90 Jahren. Trotzdem gelingt Heise in dem zweiteiligen Film mit insgesamt 180 Minuten eine neue Perspektive.

„Berlin 1933“ montiert Archivmaterial

Sein Werk verzichtet auf nachgestellte Szenen, historische Erläuterungen und Einordnungen. Zuschauer durchleben das Jahr Tag für Tag aus der Sicht von Zeitgenossen, die versuchen, sich einen Reim auf die Ereignisse zu machen, ohne das katastrophale Ende zu kennen. Protagonisten wie der junge Arzt Lindenborn oder die Hausfrau Clara Brause stehen mit ihren Tagebucheinträgen neben Beobachtungen von Diplomaten, Gewerkschaftern und Journalisten. Dazwischen immer wieder Hitler und sein Propagandaminister Joseph Goebbels. Es steht Bedeutsames neben Banalem, wie es so ist im wirklichen Leben.

Neu wirkt die Montage der historischen Bilder. Weil es zu den Tagebucheinträgen von Normalmenschen nicht von vorneherein passendes Filmmaterial gab, ließ Heise sein Team die Archive durchforsten nach Alltagsszenen, die das zumindest symbolisch illustrieren. Daneben die erschlagenden Propagandaszenen der uniformierten Nazis, der die Rechte reckenden Massen, der synchron turnenden Sportler.

Das Tagebuch-Format hinterlässt vor allem einen Eindruck: Es ging alles so wahnsinnig schnell. Am 28. Januar 1933 berichtet die Zeitung „Tempo“ von Plänen, Hitler – der mit seiner NSDAP allein keine Mehrheit hatte – mit Unterstützung des parteilosen Franz von Papen und der deutschnationalen DNVP zum Reichskanzler zu machen. Am 30. Januar ist es soweit.

Kinder mit Hakenkreuz-Flaggen in "Berlin 1933"
Foto: Scherl/ Süddeutsche Zeitung Photo/ Arte

Die ersten Tage der Diktatur

Am 1. Februar löst Hindenburg den Reichstag auf und setzt für den 5. März Neuwahlen an. Am 4. Februar Einschränkung der Pressefreiheit, Ende Februar Ernennung von 50 000 SA- und SS-Leuten zu Hilfspolizisten und Verhaftung wichtiger Oppositioneller und Intellektueller, darunter die Schriftsteller Erich Mühsam und Carl von Ossietzky, die ebenfalls im Film zu Wort kommen. Reichstagsbrand, Einschränkung von Grundrechten, Boykott jüdischer Geschäfte, Gleichschaltung der Gewerkschaften, Bücherverbrennung – alles in den ersten 100 Tagen dieser werdenden Diktatur.

„Die Schnelligkeit ist schon verblüffend“, sagte auch Regisseur Heise vor einigen Tagen bei der Präsentation des Films in Berlin. „Das sieht man richtig, wie die Nationalsozialisten immer einen Schritt schneller sind als die anderen.“ In einer solchen Situation seien die überlegen, „die am gewalttätigsten sind und am radikalsten“.

Text: dpa/ Redaktion: JN

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