Kommentar: Muss das Dschungelcamp trotz Waldbränden wirklich sein?

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© TVNOW / Stephan Pick

Große Teile Australiens stehen seit Wochen in Flammen, RTL startet heute Abend trotzdem die nächste Runde Dschungelcamp. Muss das sein? Jain. Geht RTL mit den Waldbränden richtig um? Nein.

Seit Wochen gibt es in Australien nur ein Thema: Die verheerenden Waldbrände, die bereits große Teile des Landes in Asche verwandelt haben. Millionen Tiere starben in den Flammen, zahlreiche Menschen verloren ihr Heim, einige sogar ihr Leben. Waldbrände gibt es zwar jedes Jahr in Australien, doch so schlimm wie derzeit war die Lage noch nie. Dank einer neuen Hitzewelle mit Temperaturen um die 40 Grad Celsius ist derzeit auch noch kein Ende in Sicht.

Während der eine Teil des Landes ums Überleben kämpft, laufen in einem anderen Teil die letzten Vorbereitungen für das Programmhighlight des RTL-Jahres: das Dschungelcamp. Heute Abend schickt der Kölner Privatsender wieder zwölf Kandidaten für zwei Wochen in den Urwald, damit sich das heimische Publikum darüber amüsieren kann. Während sich die Frage, wie man die Teilnehmer ernsthaft als „Promis“ bezeichnen kann, jedes Jahr stellt, kam 2020 noch eine ganz andere auf: Muss dieses Spektakel angesichts der Waldbrände wirklich sein?

Die Antwort lautet Jein. Natürlich wäre es von RTL nobel gewesen zu sagen, man verzichtet angesichts dieser Katastrophe auf die Ausstrahlung. Doch sind wir mal ganz ehrlich: Nur weil bei einem Lawinenunglück in den Alpen mehrere Orte von Schnee verschüttet werden oder nach einer Überschwemmung ganze Landstriche unter Wasser stehen, wird der „Fernsehgarten“ auf Rügen auch nicht abgesagt. Und der „Fernsehgarten“ sei hier nur ein beliebiges Beispiel. Wer nicht unmittelbar von der Katastrophe betroffen ist, macht weiter wie geplant. The show must go on – das kann man RTL im Grunde nicht vorwerfen, denn dann müsste man den gleichen Vorwurf auch gegenüber jedem anderen Sender erheben, der während dieses Unglücks in Australien TV-Inhalte produziert, die nicht für aktuelle Nachrichten gedacht sind.

Während man RTLs Haltung also im Grunde verstehen kann, löst die von Teilnehmer Raul Richter nur Kopfschütteln aus: Es sei doch paradox extra in ein Land zu fliegen, um eine Unterhaltungssendung zu drehen, während ein paar Kilometer weiter Tiere, Wälder und Häuser von Flammen verschlungen werden und Menschen in Not geraten, so die Kritik des „GZSZ“-Darstellers. Konsequent wäre es nun, dieses Spiel nicht mitzuspielen und die Teilnahme an der Show abzusagen. Doch so viel Rückgrat hat Richter dann doch nicht. Er macht mit und ruft seine Fans sogar noch auf einzuschalten, weil er vor Ort den Klimawandel anprangern will. Da haben Geld und zwei Wochen Ruhm am Ende doch mehr gelockt als der Umweltschutz. Denn die Absage der Show wäre das bessere Statement gewesen.

Doch geht RTL auch richtig mit den Waldbränden um? Davon kann nur bedingt die Rede sein. Natürlich hat der Kölner Sender auch hinsichtlich des Camp-Lebens auf die Brände reagiert: Geraucht wird nur noch an einem fixen Platz im Camp, nur noch der Gruppenführer hat ein Sicherheitsfeuerzeug, umfangreiche Belehrungen für die Teilnehmer und kein Lagerfeuer mehr, um das Risiko eines Brandes zu vermeiden. Vor allem letzteres dürfte RTL wehgetan haben, immerhin waren es in den letzten Jahren meist die nächtlichen Gespräche am Feuer, die die pikanten Details enthüllten, auf die die Zuschauer dieser Sendung so scharf sind. Und damit auch der Sender.

Der heftigen Kritik, die seit Tagen auf RTL niederprasselt, hat das allerdings wenig entgegen zu setzen. Es sei geschmacklos, angesichts der Umstände in Australien ein solches Entertainment-Format auszustrahlen, in dem der australische Dschungel als Kulisse für Ekelprüfungen und Promi-Trash genutzt wird. Mit Raul Richter bläst ja sogar ein Kandidat in dieses Horn.

RTL hat sich daher vorgenommen, die Brände in Australien, die sich nach Angaben des Senders mehrere hundert Kilometer entfernt vom Drehort befinden, während der Show immer wieder zu thematisieren. Und damit scheitert RTL schon vorm Start grenzenlos. Ob Sonja Zietlow und Daniel Hartwich, die während ihrer Moderationen so ziemlich gar nichts Ernst nehmen, dafür die richtigen sind, ist mehr als fraglich.

Fast schon unverschämt ist die Ankündigung für den heutigen Freitag: In einem Spezial will RTL über die Lage vor Ort aufklären – allerdings erst im Anschluss an die Sendung im „Nachtjournal“, was ab 0.10 Uhr ausgestrahlt wird. Liebes RTL, das kannst du dir in die Haare schmieren! Ins Nachtprogramm schiebt man schlechte Formate ab und nicht Themen, die einem angeblich wichtig sind. Wäre dem wirklich so, hätte man auch den Slot um 20.15 Uhr nehmen können, statt mal wieder eine Stunde „Wer wird Millionär?“ zu senden.

Am Sonntag setzt RTL dann noch einen drauf: Zur besten Sendezeit zeigt RTL „Dr. Bob’s Australien“, wo der Dschungelcamp-Arzt – der mittlerweile selbst sein Haus verlassen musste – der amtierenden Dschungelkönigin Evelyn Burdecki und Ex-Fußballer Thorsten Legat seine Heimat zeigt. Im Rahmen eines 5000 Kilometer langen Roadtrips quer durchs Land zeigt Dr. Bob ihnen australische Traditionen, die Schönheit der Natur, interessanten Hintergründen und kuriosen Details aus Down Under. Den „Abenteuer-Trip ihres Lebens“ sollen Burdecki und Legat in der Show erleben. Und das, während große Teile des Landes aktuell in Flammen stehen. Kuschlige Koalas streicheln und Babykängurus füttern, während in Echtzeit weiter hunderte Tiere sterben und ganze Landstriche verwüstet werden. Klasse, RTL, ganz Klasse. Aber es wäre natürlich Verschwendung, wenn die zweistündige Show umsonst produziert worden wäre.

Bildquelle:

  • IBES-2019_Zietlow-Hartwich: © TVNOW / Stephan Pick

15 Kommentare im Forum

  1. Und heute startet in den Niederlanden auch wieder WIE IS DE MOL, diesmal aus China, einem Land wo Menschenrechte (Achtung Ironie) immer strickt eingehalten werden. RTL muss senden, die Werbeverträge sind ja schon Monate lang eingetütet.
  2. Steht doch alles schon hier kommentiert Dschungelcamp-Start trotz Kritik: RTL sendet „Nachtjournal“-Special im Anschluss
  3. Müssen Pendler weiter Auto fahren, obwohl die Welt in Deutschland kurz vor dem Klimakollaps steht? Die Frage ist nicht besser.
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