„Caveman“: Ein weiterer Tiefpunkt für das deutsche Komödien-Kino

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Moritz Bleibtreu, Jürgen Vogel und Wotan Wilke Möhring mit nacktem Oberkörper
Foto: Constantin Film
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Laura Lackmanns Theaterverfilmung „Caveman“ mit Moritz Bleibtreu in der Hauptrolle ist ein alberner Geschlechterkampf mit steinzeitlichem Weltbild.

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Es ist gewiss nichts Neues, dass das deutsche Mainstreamkino oft vergeblich dem Zeitgeist hinterherhechelt. Komödien, Dramen, die sich ein paar aktuelle Diskursfelder einverleiben und doch nur in ihren Blasen des bequemsten Konsens verharren. Witze, die nichts Kluges oder Subversives mehr bergen, sondern nur noch wiederholen und herrschende Verhältnisse bestärken. „Caveman“ reiht sich in diese Muster ein.

Laura Lackmanns Komödie ist ein Film über unmündige, kindische Menschen, gedreht für ein Publikum, das die letzten Jahrzehnte wahrscheinlich noch nie etwas von Emanzipation gehört haben muss, um diese abgedroschene filmische Paartherapie über kampelnde Männer und genervte Frauen noch irgendwie erhellend finden zu können.

„Caveman“ basiert auf einem großen Theatererfolg

Gewiss, es mag sie auch heute noch zuhauf geben: dysfunktionale, toxische, egozentrische Beziehungen, wie sie die Figuren von Laura Tonke und Moritz Bleibtreu in „Caveman“ führen. Umso erschreckender, wie einfallslos der Film um die eigene Achse rotiert, wie wenig sein Witz eine intellektuelle Distanz zu sich selbst einnehmen kann!

„Caveman“ basiert auf einem echten Theatererfolg. Uraufgeführt 1991, langjährig am Broadway, ab Anfang der 2000er folgte dann der Siegeszug auch an deutschen Theatern. Die Autorin und Regisseurin Laura Lackmann („Mängelexemplar“) hat den Stoff nun für das Kino adaptiert. Sie verortet ihn auf einer Bühne, bleibt den Wurzeln also treu, um das Szenario dann mit den Mitteln der filmischen Illusion aufzubrechen.

Moritz Bleibtreu und Laura Tonke in "Caveman"
Foto: Constantin Film

Moritz Bleibtreu grübelt über Männlichkeit

Aus dem ursprünglichen Einpersonenstück ist ein Ensemblefilm geworden, wenngleich alles um ihn kreist: Moritz Bleibtreu als Autoverkäufer Bobby. Zum ersten Mal steht er als Stand-up-Comedian vor Publikum. Ein paar Flachwitze trägt er vor und wird dessen auch im weiteren Filmverlauf nicht überdrüssig. Die Zuschauer buhen und pfeifen, der Showmaster (na klar: Thomas Hermanns) guckt misstrauisch.

Und ein Stuhl bleibt leer: seine Frau Claudia (Laura Tonke) hat sich kurz vor dem Auftritt getrennt. Wie es dazu kam, erzählt „Caveman“ anhand zahlreicher Momentaufnahmen, die vom chaotischen Alltag von Mann und Frau berichten wollen, wenn sich die Routine erst einmal in die Beziehung eingeschlichen hat. Wie ist das denn nun mit den Geschlechtern? Hängen wir gedanklich noch immer bei den Jägern und Sammlern fest? Das fragt sich Moritz Bleibtreu in der Konfrontation mit seinem Alter Ego, dem titelgebenden Höhlenmenschen. Ein Mann sucht nach den Wurzeln seiner Peinlichkeit.

Wotan Wilke Möhring und Martina Hill in "Caveman"
Foto: Constantin Film

Keinerlei Wagnis

Štěpán Altrichter sprach kürzlich in der „Berliner Zeitung“ über die katastrophale Förderpolitik der deutschen Filmlandschaft: „Hauptsache keine Experimente. Nur noch große Namen oder politischer Film, aber nur so einer, bei dem sich wirklich auch noch der letzte Abgeordnete von CDU und SPD darauf einigen könnte, dass das jetzt wichtig und richtig ist.“ Was soll man erwidern? „Caveman“ ist die Probe aufs Exempel.

Im Jahr 2023 will sich tatsächlich noch einmal ein Film darüber wundern, ob Frauen wirklich nur Putzen, Beauty und Shopping im Sinn haben und Männer faul vor der Glotze hängen oder sich mit ihren „Star Wars“-Spielfiguren begnügen. Er tarnt es als progressiven Diskurs. Moritz Bleibtreu verkörpert dabei den Archetypus des Machos, dem die Frauenwelt ein Rätsel bleibt. Gefühle soll er endlich zeigen, sich in die Lage anderer versetzen. Ja, hier geht es noch simpel zu: Der Gefühlsmensch Frau, der pragmatische, schlicht gestrickte Mann. Ob man ihn zum Hausputz bewegen wird?

Der arme Macho

Bleibtreus Figur durchlebt dabei eine Identitätskrise, die an das Gejammere mancher Männer im Netz erinnert, die sich in einer „woken“ Welt als weiße Heterosexuelle fortgeschrittenen Alters plötzlich einer bedrohten Minderheit angehörig fühlen. Man könnte genau dieses verquere Weltbild ergründen, man könnte es sogar noch überzeichneter als Provokation stehen lassen. Doch „Caveman“ scheitert an seiner eigenen Doppelmoral.

Perfide an diesem Film ist nämlich, dass er vorgibt, die Sicht seines Protagonisten verkehren und entlarven, ihn und das Publikum belehren zu wollen. Dabei reproduziert und übernimmt er jene Sicht eigentlich über die gesamten 100 Minuten, um sie für einen abgedroschenen Mann-und-Frau-Jux nach dem anderen auszuschlachten. Darüber lachen, Ja, bitte, aber hinterher auch ein wenig schlecht fühlen!

Moritz Bleibtreu und Laura Tonke
Foto: Constantin Film

„Caveman“ reiht Geschlechterklischees aneinander

Männer verlieren sich da im Chaos weiblicher Handtaschen, die Frau erscheint als Ungetüm, wenn sie ihre Tage hat. Zwischendrin wird noch eine transphobe Schelle gegen die Jugend von heute mit ihrer vermeintlich freien Geschlechterwahl und ihren Hipster-Frisuren verteilt. Die Tumbheit dieser krepierenden Pointen ist lähmend, sie ist kaum auszuhalten. Vor allem, da sie sich in ihren inszenatorischen Meta-Spielereien so verlogen selbstironisch präsentieren.

Die vierte Wand ist hier durchlässig gehalten. Das Publikum wird angesprochen und zur Komplizenschaft missbraucht. Man verweist in den Sprüngen zwischen Bühne, Wohnzimmer, Fernseher, Traumwelten fortwährend auf die subjektive Sicht des Protagonisten, aber wird damit wirklich etwas dekonstruiert? Mitnichten. Ob er wirklich ein Idiot sei, fragt Moritz Bleibtreus Figur die Zuschauer. Ja, zweifellos. Weil auch sein Film – Pardon – ein idiotischer ist.

Wenn hier etwa Strukturen thematisiert werden, die die Frau als das Andere markieren, inklusive des Abjekthaften, also des Abstoßenden, Ekelerregenden, dann wird eine Menstruationstasse mit einem Schnapsglas verwechselt – Hihi. „Caveman“ hat überhaupt kein Gespür, dass er mit genau solchen Mottenkisten-Witzchen seine offengelegte Misslichkeit einer Paarbeziehung nur weiter befeuert. Er schrammt prüde und weltfremd an zeitgemäßen Versuchen vorbei, die ernsthaft daran interessiert sind, soziale Ungerechtigkeiten und sexistische Denkweisen zu unterwandern.

Laura Tonke beim Friseur
Foto: Constantin Film

Mann und Frau – Alles nicht zu ändern?

„Caveman“ dringt nicht ein einziges Mal hinter die Fassade spießbürgerlicher Beziehungsideologie vor. Deren Getriebe bleibt ein vorzeitliches Rätsel. Im Kern sind Mann und Frau eben doch so, wie sie nun mal sind – diesen rückständigen Geist kann sich Lackmanns Nummernrevue nie vollends austreiben. Elterliche Erziehung und Tradierung hin oder her.

Zwar wird ein wenig über das eigene Fehlverhalten nachgedacht, doch sind die Aufgaben im Haushalt erst einmal neu verteilt, wiederholt sich nur Bekanntes in neuen Konstellationen. Es ist ein einziges Unvermögen, jenseits der reproduzierten patriarchalen Normen und Rollenbilder denken zu wollen. Da nützt auch die Cavewoman hinterm Kühlschrank als Gegenpol nichts. Sie droht mit einer Fortsetzung.

Wenigstens die Dreharbeiten waren lustig

Nichts ist letztendlich gewonnen, wenig gesagt, allein: Es hat sich ein Kreis geschlossen. Das sexistische, binär gedachte Geschlechterkonstrukt ist zum Schluss in seiner ganzen Mentalität wiederhergestellt, als hätten Erkenntnisse über Sex und Gender in den letzten Jahrzehnten nie stattgefunden. Jedes Klischee erfährt in „Caveman“ sein Abbild. Bürgerliche Engstirnigkeit hat sich einmal mehr in einer angeblich natürlichen, dominanzkulturellen Reihenhaus-Ordnung eingenistet. Und im Nachbarhaus? Vertrautes Elend, mehr vom Gleichen.

Niemand soll sich von diesem Werk auf den Schlips getreten fühlen. Stattdessen veralbert man die eigene Denkfaulheit als Unveränderbarkeit und Determinante, die letztlich nur mäßig Spielraum erlaubt, um es sich einander etwas erträglicher zu gestalten. Aber was erwartet man schon von einer Komödie, die es nötig hat, ulkige Outtakes der Dreharbeiten im Abspann zu zeigen?

„Caveman“ läuft ab dem 26. Januar 2023 im Verleih von Constantin Film in den deutschen Kinos.  

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2 Kommentare im Forum

  1. Ich kenne das Theaterstück, das ist vom Stoff her unterirdisch. Wenn ich allerdings in dieser Kritik Sachen wie oder lese, wird mir der Film gleich ein ganzes Stück sympathischer. Was bitte ist daran schlecht, dem Zeitgeist "hinterherzuhecheln"? Ich laufe dem Zeitgeist absichtlich nicht hinterher. Was für eine moralinsaure, politisch korrekte Filmbesprechung.
  2. Der Autor der "moralinsauren, politisch korrekten Filmbesprechung" (sehr gut zusammengefasst) ist übrigens der Gleiche, der in den Nachbarartikeln freundlich auf Sendungen wie "Bachelor" oder "Kampf der Reality-Stars) hinweist....
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