Die Kinostarts der Woche: Preisgekröntes Leiden und frostige Bahnreise

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Fotos: 2021 Sami Kuokkanen Aamu Film Company/ 2021 PROKINO Filmverleih GmbH/ Neue Visionen Filmverleih
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In den Kinos warten ab Donnerstag drei ausgezeichnete Arthouse-Highlights auf das Publikum: Die Romanze „Abteil Nr. 6“, das iranische Drama „A Hero“ und der Venedig-Gewinner „Das Ereignis“.

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Abteil Nr. 6

Juho Kuosmanen („Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki“) hat ein hinreißendes Plädoyer für das Reisen inszeniert. Das meint in seinem Film nicht etwa bloßen Tourismus, das Umherstapfen zwischen irgendwelchen Sehenswürdigkeiten oder künstlich geschaffenen Räumlichkeiten. Nein, in „Abteil Nr. 6“ zeigt er eine Reise, die sich traut, der Orientierungslosigkeit hinzugeben. Die sich traut, unterwegs plötzlich auszusteigen, sich zu verlieren, Menschen kennenzulernen, mit dem Abseitigen und Verdrängten in Berührung zu kommen, bis das eigentlich fixierte Ziel in seiner Bedeutung auf dem Prüfstand steht.

Kuosmanens Protagonistin, eine finnische Archäologiestudentin namens Laura (Seidi Haarla), reist in den 90er-Jahren mitten im Winter in gen Murmansk, um dort alte Felsmalereien zu erkunden. Ahnenforschung erhofft sie sich damit, ein Begreifen der eigenen Wurzeln. Wäre da nicht ihr lästiger Mitreisender, der in Abteil Nr. 6 auf sie wartet: Ljoha (Yuriy Borisov), ein russischer Arbeiter ohne Manieren, der säuft und pöbelt und dessen Faszination sich Laura doch nicht entziehen kann.

Keine plumpe Liebesgeschichte, sondern von einer spannungsgeladenen Annäherung erzählt „Abteil Nr. 6“ auf ebenso zärtliche wie humorvoll grobe Weise. Juho Kuosmanen zeigt, wie der Schock der Fremdheit überwunden werden kann. In einnehmend haptischen, grobkörnigen Aufnahmen gelingt ihm das, sei es die beklemmende Enge der Eisenbahn oder das eingeschneite Niemandsland. Man möchte diesen Film am liebsten gar nicht mehr verlassen, so sehr ziehen seine Bilder in den Bann. Die Krisen des 20. Jahrhunderts halten hier die Menschen noch in eisiger Starre gefangen. Dabei zuzusehen, wie diese vorsichtig aufgelockert wird, hat etwas ungemein Tröstliches.

Das Ereignis

Dass Audrey Diwans Literaturverfilmung in Venedig mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde, lag auf der Hand. „Das Ereignis“ ist ein Statement sondergleichen. Diwan hat den gleichnamigen autobiographischen Text von Annie Ernaux auf die Leinwand gebracht und dafür eine Form gewählt, die kein Entkommen zulässt. In einengendem Bildformat begleitet sie die Studentin Anne durch eine nicht enden wollende Tortur. Als sie ungewollt schwanger wird und ihr gesamtes Studium plötzlich auf der Kippe steht, entschließt sie sich zu einer Abtreibung, doch im erzkonservativen Frankreich des Jahres 1963 ist der Schwangerschaftsabbruch verboten.

„Das Ereignis“ kann als filmische Schocktherapie durchgehen. Die Radikalität dieses Dramas liegt in seiner ungeschönten Beobachtungsgabe, die auch dann nichts ausspart, wenn es an die Grenzen der Selbstzerstörung geht. Was Annie Ernauxs bewegender Erlebnisbericht als gesellschaftliche Anklage formuliert hat, zeigt Audrey Diwan als einfühlsam inszeniertes Körperkino, das im kaum zu ertragenden Schmerz seine Zeitlosigkeit findet.

Gewiss, man kann dem „Ereignis“ vorwerfen, dass es gerade in seiner Drastik und Zumutung dem Publikum eigentlich fast schon zu viel Grübeln abnimmt. Als Beitrag zur weiterhin drängenden Frage der körperlichen Selbstbestimmung gibt es im Anschluss dieses Films recht wenig Diskussionsbedarf, weil er sich bis zur letzten Konsequenz selbst auserzählt. Der Aufrichtigkeit und aktivistischen Hingabe raubt das dennoch nichts an Kraft. Audrey Diwans Film ist eine eindringliche Coming-of-Age-Geschichte, ein verzweifelter Kampf gegen reaktionäre Geschlechterbilder und Moralvorstellungen, ausgetragen auf dem Körper einer fulminanten Hauptdarstellerin, Anamaria Vartolomei.

A Hero

Asghar Farhadi („Nader und Simin„), der prominente iranische Filmemacher, holt wieder zum gesellschaftlichen, in Cannes preisgekrönten Rundumschlag aus. Der Schmerz, der in dieser Kinowoche insbesondere dem „Ereignis“ innewohnt, ist auch dem Gesicht von Farhadis Hauptdarsteller, Amir Jadidi, eingeschrieben, wenngleich er ihn zu verbergen versucht. Jadidi spielt Rahim, der alles daran setzt, seine Haftstrafe verringern zu können. Eine gefundene Handtasche mit Goldmünzen erscheint als rettendes Wunder. Doch weil die Goldkurse schon einmal besser waren und das schlechte Gewissen eingreift, gibt er die Tasche lieber zurück. Was daraus folgt, zeigt einmal mehr einen Filmemacher auf der Höhe der Drehbuchkunst.

Farhadis Filmen mangelt es ein wenig an einem Gespür für Bilder, so auch „A Hero“. Seine Werke erscheinen vielmehr als dramatisches Sprechtheater, doch genau darin machen ihm wenige etwas vor. Ein Kreislauf aus Schulden verwebt hier Menschen wie ein Spinnennetz, der festgefahrene Kampf um Familienehre und Ansehen wird nunmehr über Social Media und die Behörden ausgetragen. Jeder falsche Schritt kann den Ruin bedeuten, die öffentliche Rolle zum Einsturz bringen. Farhadis Geschichten über Zufälle und fatale Verstrickungen haben nach wie vor nichts an Reiz verloren, so dicht sind sie erzählt.

Hier ist jemand am Werk, der seinen Figuren Dialoge in den Mund legt, die aus dem Innersten zu kommen scheinen. Farhadis Kino ist eines, das höchst suggestiv in das Leben eindringt, das mit trügerischer Ruhe inszeniert ist und erst nach und nach preisgibt, wie clever sein Blick für die Verdichtung geraten ist. Wie kontrolliert dieses dokumentarische Erzählen repressive Strukturen vorführt. „A Hero“ ringt um Fassung, wie sein Protagonist, und es braucht einen Regisseur wie Farhadi, der es vermag, seine Wut und Ohnmacht so gewissenhaft nüchtern, so klar und doch so unscheinbar subtil in die Welt zu schreien.

Weitere Kinostarts am 31. März 2022

  • Auf Anfang
  • Bis wir tot sind oder frei
  • Eraser: Reborn
  • Morbius
  • Peterchens Mondfahrt
  • Sonic the Hedgehog 2
  • Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann

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