„Exil“ zeigt Fremdenhass als Paranoia-Thriller

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Nach seinen Premieren beim Sundance Filmfestival und der Berlinale läuft Visar Morinas „Exil“ ab dieser Woche in den deutschen Kinos. Das Drama wirft einen beklemmenden Blick auf einen Mann, der schleichend aus dem öffentlichen Leben gedrängt wird.

Eine tote Ratte hängt am Gartentor. Xhafer (Mišel Maticevic) ist auf dem Weg nach Hause, wandert durch die sorgfältig gepflegte Reihenhaussiedlung, die Sonne scheint. Wo in David Lynchs Klassiker „Blue Velvet“ noch ein Ohr im Vorgarten lag, ist es hier das tote Tier, das an einer kleinen Galgenschlinge ans Tor gehängt wurde, bevor der gigantische Titelschriftzug das Bild erschlägt.

Auch in „Exil“ wird mit diesem grausigen Fund deutlich, dass hier unter der gehegten Scheinfassade finstere Abgründe lauern. Verstörend ist das schon allein deshalb, weil wir uns schon bald fragen müssen, ob die tote Ratte überhaupt das erste Vorkommnis dieser Art ist oder der Psychoterror schon länger in Xhafers Leben Einzug gehalten hat.

Xhafer, ein Pharmaingenieur, wurde im Kosovo geboren und lebt jetzt in Deutschland. Nach außen hin fest angekommen in der bürgerlichen Familienidylle. Doch der Ausflug in seine Arbeitswelt offenbart die Spannungen mit seinem Umfeld. Eines Tages kommt er zu spät zu einem Meeting, weil man ihm die richtigen Informationen nicht geschickt hat. Nur ein Zufall oder übles Mobbing? Immer mehr ist der Familienvater davon überzeugt, dass sein Umfeld ihn nicht duldet. Und auch zu Hause wachsen die Konflikte, als sich seine Ehefrau Nora, gespielt von Sandra Hüller, immer mehr vor den Ausbrüchen und der Paranoia ihres Mannes zurückzuziehen scheint.

Ein Film der Stunde

Was folgt, ist ein Film, der in erster Linie erfahren werden will. Das kann man sowohl als Segen als auch als Fluch betrachten, denn Visar Morinas ambitioniertes Drama lässt sich leider allzu schnell in die Karten schauen. „Exil“ stellt höchst dringliche und interessante Beobachtungen an. Die geschmacklosen Kommentare, der Mangel an reflektierendem Denken in Xhafers Umfeld, die Abweisung und die unangenehme „Halb so wild!“-Attitüde der Kollegen.

Pure Aussichtslosigkeit, irgendetwas bewirken zu können, wo es doch nirgends eine Anlaufstelle gibt, die einem helfen möchte. „Exil“ zerpflückt die Utopie einer integrativen Gesellschaft, die den Anderen unter der scheinheiligen Maskerade immer als Fremdkörper betrachtet und wo Herkunft immer Stigma bleibt.

Sandra Hüller spielt Xhafers Frau

Die Folgen von Alltagsrassismus

Der Film lässt sein Publikum nachfühlen, wie sich das Leben in einer solch vergifteten Atmosphäre anfühlt. „Exil“ stellt das inszenatorisch recht geschickt an, indem er sich bei dem schleichenden Terror des Paranoia-Kinos des 20. Jahrhunderts bedient. Der tickende, schlagende und trommelnde Soundtrack schwebt da wie ein Gespenst über allem, treibt den Protagonisten bis zum Kollaps. Bis es in der zweiten Hälfte des Films stiller wird, je mehr die Isolation zunimmt. Das vertraute Umfeld wird zum titelgebenden Exil, in das sich Xhafer zurückzieht. Gefasst ist dieser Charakterzerfall in drückende Bilder, immer wieder schwankend zwischen surrealer Farbübersättigung und purer Finsternis.

Man hat das nur leider zu schnell verstanden, um dem dann ganze zwei Stunden lang beiwohnen zu wollen. Dafür sind die Weichen zu deutlich gestellt, die Dialoge zu belehrend und eindeutig. „Exil“ traut seinem Publikum erzählerisch wenig zu. Und dann in der zweiten Hälfte, wenn es subtiler und rätselhafter wird, grenzt vieles an zäher Beliebigkeit. Na gut, es mag zum Konzept dieser Charakterstudie gehören, den orientierungslosen Alltag, das Dahinvegetieren genau so frustrierend und ermüdend zu zeigen. Doch das hört sich in der Theorie interessanter an, als es letztendlich ist.

Wie bei Kafka?

Warum denn nicht stärker die Genre-Ansätze verfolgen? Die unheimliche Stimmung, die über den anfänglichen Szenen liegt, das nahezu kafkaeske Ankämpfen gegen eine unsichtbare Bedrohung: Es steckt viel Bestreben in „Exil“, weitaus mehr als einen generischen Problemfilm aus dem Thema zu konstruieren. Doch all das versandet leider etwas in einer verqueren Vorstellung von Arthousekino, das dann doch noch zu stark im drögen Sozialrealismus festhängt, anstatt den letzten Schritt zu Provokation und Radikalität zu wagen.

Ein schlechter Film ist das keinesfalls geworden, ein sehenswerter sogar! Nur einer, bei dem man leider auch das Gefühl hat, ihn bereits durchschaut zu haben, wenn man auch nur zwei bis drei Sätze zu seiner Prämisse gehört oder gelesen hat. Irgendwann ist dann urplötzlich Schluss mit einer vieldeutigen Einstellung. Dass eine Lösung hier außerhalb des Kinos stattfinden muss, ist nach einem guten Drittel der Laufzeit klar. Womöglich hätten 90 Minuten dafür auch gereicht.

„Exil“ läuft seit dem 20. August in den deutschen Kinos.

Bildquelle:

  • exil1: Alamode Film

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