„The Batman“ im Kino: Bruchlandung einer Fledermaus

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„The Batman“ räumt wieder in Gotham City auf und wird dafür weltweit beklatscht. Matt Reeves‘ Comic-Adaption bietet in der Tat Anlass zu vorsichtiger Freude und verirrt sich dennoch in erdrückender Dunkelheit.

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„The Batman“ profitiert ungemein davon, dass ein Großteil des Superheldenkinos inzwischen so grässlich anmutet. Damit lassen sich die zahlreichen Lobeshymnen aus aller Welt wohl am ehesten erklären. Aber wer weiß, vielleicht darf man ja tatsächlich hoffnungsvoll sein, dass mit diesem Werk in der Comic-Blockbuster-Welt wieder ein gewisses Verlangen nach Handschriften durchschimmert, die zumindest bemüht sind, ein eigenständiges Werk auf die Beine zu stellen, filmischen Raum überlegt zu füllen, anstatt ihn nur mit bunten Pixeln und Reizen zu überladen. Hier passiert ja Ungeheuerliches, das Marvel- und DC-Adaptionen heute meist fremd scheint: „The Batman“ wirkt ausnahmsweise wie ein ganz klassischer Kinofilm, so richtig mit Anfang und Ende, mit dichter Atmosphäre und echten Bildern, einer eigenen Note. Auch Matt Reeves („Cloverfield“) erfindet das Genre nicht neu, er scheitert sogar an seinen Ambitionen und doch muss man ihm vieles hoch anrechnen.

Das ist etwa kein weiterer Meta-Schinken, der sich nur mit der eigenen Kreativlosigkeit befasst und dem Publikum dabei hämisch ins Gesicht lacht. Oder der sich als reines Nostalgiespektakel präsentiert, wie man es in „Spider-Man: No Way Home“ erleben konnte, oder als unansehnlicher Virtualitätsexzess im Stil von „Zack Snyder’s Justice League“. Keine zahllosen Cliffhanger, keine neuen Origin-Stories, keine nervigen Post-Credit-Szenen. Bei Reeves reicht ein sarkastisches „Goodbye!“ als Abschied. „The Batman“ ist stattdessen aufgezogen wie ein Big Budget Blockbuster der alten Schule, das hat zweifellos seine Reize. Kanon-beflissenere Rezensenten haben die Woche ausgiebig genutzt, all die Referenzen und Regisseure aufzuzählen, an die dieser Film erinnert, als handle es sich um ein Buffet, auf dem jeder seine persönliche Leibspeise entdecken kann.

Moloch Gotham City

„The Batman“ ist audiovisuell ein gelungener, ein beeindruckender Noir-Thriller geworden. Einer zum Abtauchen und Anfassen; seine Welt erscheint lebendig, selbst wenn er sie im Sterben begreift und sich seine Protagonisten selten aus ihrem Milieu herauswagen. Hell wird es kaum in Gotham City, es gießt aus allen Kübeln. Eine Stadt erstickt in Schmutz und Morast, bis sie wörtlich in ihrem eigenen korrupten System ersäuft. Kameramann Greig Fraser findet erstaunlich stilbewusste Perspektiven und Blickwinkel, diesen Horror-Schauplatz einzufangen, ohne dabei dem Kolossalen dieses düsteren Babylons blind zu verfallen. Vielmehr verengt er die Stadt fast klaustrophobisch. Dem orientierungslosen Fledermausmann ist ohnehin jede Klarsicht abhandengekommen, trübe und dreckig verschmieren die grobkörnigen Bilder.

Erstaunlich ist auch, dass „The Batman“ kaum Actionszenen vorzuweisen hat, Matt Reeves versucht sich eher an der Intensität im Kleinen und beweist diesbezüglich ein mitunter glückliches Händchen. Rau und schäbig sind die wenigen Prügeleien. Die Fledermaus hat sogar das Fliegen verlernt, sie verheddert sich in einer Brücke und kracht dumpf auf die Straße. Eine donnernde Autoverfolgungsjagd erscheint lediglich als einziger großer Kollateralschaden. Ein Retter sieht anders aus! Groß und berechtigt sollte ohnehin die Angst vor Messiasfiguren sein, das hat auch Hollywood in den vergangenen Jahren vernommen. Todd Phillips „Joker“ war diesbezüglich eine wunderbare Provokation. Aber auch Denis Villeneuves „Dune“ stellt die Verantwortung des Erlösers auf den Prüfstand, der zwischen Kapital, geopolitischen Mächten und Religion womöglich nur zyklische Fehler beschwört. Selbstverständlich darf nun auch Robert Pattinsons Batman kein klassischer Bilderbuch-Held mehr sein.

Der traurige Rächer

Regisseur Matt Reeves zeigt vielleicht finsterer, desillusionierter denn je Batmans wahren Kern: ein wohlhabender, psychisch angeknackster Mann, der Kleinkriminelle als Sisyphusarbeit vermöbelt. Als Rächer bezeichnet er sich – und ist damit nicht allein. Auch seine Widersacher nennen sich so. Das Gute erkennt sich im Bösen und umgekehrt. Oder existiert da doch noch einen Unterschied? „The Batman“ hätte vielleicht eine wunderbare Auseinandersetzung mit dem politischen Hufeisen werden können, wenn er nicht so viel Zeit verplempern würde, Räuber und Gendarm zu spielen. Bis er mit dieser zentralen Selbsterkenntnis etwas Produktives anzufangen weiß, vergehen quälende Episoden, die sich in offene Spannungen entziehen.

Drei Stunden hält einen Matt Reeves in Gotham City gefangen, als müsste man erst selbst mürbe werden, um deren Abgründe zu erkennen. Technisches Wunderwerk kann hier allerdings kaum über die Behäbigkeit siegen, es wird bis zur Ermüdung gequasselt. Man lässt sich betören von der Finsternis, aber wie schwarz kann ein Bild noch werden? Erschreckend wenig bleibt von dieser enormen Laufzeit im Geiste präsent. Batman erscheint lange Zeit so blass, so starr und bemüht konstruiert wie der Kriminalfall, den er als Detektiv zu lösen hat. Zu seinem eigenen musikalischen Leitmotiv, zwei abwechselnden Tönen, poltert der Antiheld durch die Stadt – das geht ins Ohr und ist zugleich bezeichnend! Mehr als zwei Töne weiß auch der Film diesem Charakter lange nicht abzuringen. Sie reichen von traurig bis betrübt. Robert Pattinson kann das noch so galant spielen.

Keine Lügen mehr!

Ein Serienmörder, der Riddler, herrlich überkandidelt gespielt von Paul Dano, treibt in Gotham sein Unwesen und verteilt Rätsel an den Tatorten. Unter dem Motto „Keine Lügen mehr!“ will der Riddler quasi als Comic-Version des Jigsaw-Killers korrupte Politiker, Anwälte und letztlich Bruce Wayne öffentlich entlarven und büßen lassen. Unendlich viel geredet wird da, Biographien und Verwicklungen werden atemlos aufgesagt, um Komplexität zu suggerieren. Spuren werden verfolgt, die doch nur zur Fahrt im Kreis einladen. Wer bei den unzähligen Informationen noch den Überblick behält, dem kann man gratulieren, zugleich könnte man „The Batman“ im unendlich handlungsgetragenen Mittelteil für eine Stunde verlassen und erst für das Finale zurückkehren. Man hätte dennoch wenig verpasst.

Die Ikone Batman muss ihren Platz in einem sinnentleerten System finden, das Krieg gegen sich selbst führt. Mit Bildern und Videos wird dieser Krieg ausgefochten. Mordaufnahmen werden über das Fernsehen als Terror verbreitet, im Netz macht ein Extremist Anhänger mobil. Batman selbst sieht derweil über eine High-Tech-Kontaktlinse die Welt durch andere Augen. Durch die Filterbrille des Films erkennt er das Aussichtslose. Bruce Wayne ist mit den eigenen quälenden Eindrücken konfrontiert, die darauf warten, auf dem Bildschirm immer und immer wieder abgespielt zu werden. Kurzum: Aus der Abwärtsspirale gibt es kein Entkommen mehr.

Postdemokratische Depression hat in Gotham Einzug gehalten, sie ist unterwandert von mafiösen Strukturen und Kapitalinteressen. Diesen Gegenwartsbezug hat sich Reeves herausgepickt. Ein Verbesserungsplan nach dem anderen entpuppt sich als leere Hülse, die Alternativlosigkeit radikalisiert die Bevölkerung. Batman ist untrennbar mit diesem System verflochten, diese Tatsache wird ein weiteres Mal betrauert. Was kann denn der einzelne Mensch noch ausrichten, in welcher Rolle kann er überhaupt auftreten?

Zoe Kravitz und Robert Pattinson
© 2021 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.

Den Schein wahren

„The Batman“ ist wenigstens insofern konsequent, als er ein Plädoyer für die Maske beschwört, trotz aller Entlarvungsversuche. Selten gibt es den Fledermausmann ohne Leder- und Gummikostüm zu sehen, sein Agieren in ihm ist eine Selbstverständlichkeit. Und selbst in Zivil geht es da um Maskeraden: Butler Alfred (Andy Serkis) schenkt Bruce Wayne Manschettenknöpfe. Es gilt, nach außen hin die Form zu wahren. Ein Kostüm wird durch ein anderes ersetzt. Was so oder so bleibt, ist das selbstgefällige Einnisten in der eigenen Filterblase.

Matt Reeves sucht dabei durchaus das Ambivalente, Abgründige. Bei ihm gibt es kein rein Privates und rein Öffentliches, auch die öffentliche Rolle in Uniform und Kostüm spaltet sich vielfach auf. An diesem Punkt ist ihm ein in Ansätzen durchaus interessanter Superheldenfilm über Anpassung und Verweigerung gelungen. „Spider-Man: No Way Home“, der seinen verdreifachten Protagonisten lediglich bis auf die Unterhose demaskierte und zu Tode banalisierte, scheiterte daran. In „The Batman“ ist das anders, auch wenn dort ebenfalls viel lamentiert und getrauert wird über die eigenen Bürden und Privilegien.

Reeves lässt sein Personal nicht mehr allein zweifeln, ob sich der Held nun lieber ins Gemäuer zurückziehen und Wunden lecken sollte. Nein, da wird noch überlegt und versucht, wie man mit dem großen Ganzen in Beziehung steht. Batman wird nicht einfach nur von familiärem Unglück heimgesucht, sondern von seiner Verwicklung in Geschichte, Traditionen, politische Konstellationen. Er wird sich für Demokratie und Rechtsstaat, für das politische Handeln entscheiden, wenngleich die Dystopie nicht enden will. Pattinsons Emo-Batman, ein abgehalfterter Superreicher, ist eben keiner „von uns“, das hat Matt Reeves erkannt. Der drängende Punkt ist eher, wie er seine Macht, seine Freiheit in den Optionen der öffentlichen Selbstinszenierung transformieren, in etwas Nützliches verwandeln kann, selbst wenn sie womöglich wieder nur Symptom eines vergiftenden und vergifteten Kosmos darstellt.

Robert Pattinson im Kino-Film "The Batman",
Robert Pattinson als „The Batman“ – © 2021 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.

Ein Batman für unsere Zeit

„The Batman“ ist der Versuch, den Opportunismus von jemandem zu brechen, der sich als personifizierte Dunkelheit vorstellt und später registriert, dass diese Kunstfigur wirklicher ist, als er womöglich selbst angenommen hat. Ambitioniert ist dieses Vorhaben und doch verpasst Matt Reeves dabei eine allzu erhellende, schlagkräftige Neubetrachtung, einen Absprung oder zumindest eine konsequente Katastrophe. Hatte etwa Christopher Nolans Post-9/11-„Dark Knight“ nicht längst alle Türen geöffnet? Ist „The Batman“ am Ende nicht nur eine bloße Reaktivierung und Verdunkelung seiner Vorgänger?

Vielleicht liegt hier die größte Ernüchterung, die dieser Film bereithält: Nicht nur, dass er sich so unnötig aufbläht, so langatmig durch sein zähes Plot-Konstrukt stolziert, um reichlich spät zu den eigentlich interessanten Fragestellungen zu gelangen. Nein, auch in seiner Aussichtslosigkeit, die sich noch mit einem vagen Hoffnungsschimmer zu schmücken versucht. Das bloße Bekenntnis zu Gerechtigkeit, was auch immer das sein soll, und die Abkehr von Extremismus reichen längst nicht mehr aus; Hydras Köpfe wachsen bereits nach. Ein schwacher Ausgangspunkt nach so viel Kleben am Personendrama, nach so viel Durchwühlen zur inneren Wahrheit!

Es wird bei solchen Filmen immer gern überlegt: Ist das nun ein Spider-Man, ein James Bond, ein Batman für unsere Zeit? Ja, dies ist ein Batman für unsere Zeit. Für eine Transitphase, der offenbar jegliche Perspektive fehlt und die ihre Hände in Fesseln wähnt. Das Einnisten in der Dunkelheit erscheint nunmehr allzu verlockend.

„The Batman“ läuft ab dem 3. März 2022 in den deutschen Kinos.

Bildquelle:

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