„The Northman“: Feuchter Männertraum in Blut und Schmodder

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Foto: 2022 Focus Features LLC. All Rights Reserved
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Robert Eggers‘ brutale Sagenverfilmung „The Northman“ erscheint ausgerechnet zu einer Zeit, in der nur allzu gern Kriegshelden und Männlichkeit bewundert werden. Seine Kritik verliert sich in Gruselbildern und Morast.

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In diesem Film sind Männer noch so, wie sie sich manch reaktionärer Geist wahrscheinlich herbeisehnt. Was für ein Gegrunze, Herumgestiere und Geschlachte! Halbnackte Männer mit fettigen Loden johlen und brüllen animalisch mit jenen auf der musikalischen Tonspur um die Wette. Das Kriegstrommelrühren im Hintergrund prügelt einen quer durch den Kinosaal. Man möchte sich ja fast die Klamotten in Fetzen reißen, wie King Kong auf der Brust herumschlagen und sich mit in die Feuerbrunst stürzen, in der „The Northman“ zwei Rivalen um Ehrgefühl rangeln lässt. An physischer Wucht spart dieses Epos in der Tat nicht.

Robert Eggers hat eine altertümliche Welt auf die Leinwand gebracht, in der Frauen wahlweise als Zauberinnen, Intrigantinnen, Gebärende und Friseurinnen auftreten und die Herren der Schöpfung darum bangen, ob sie im nächsten Jahr König oder Sklave sein werden. Es ist Eggers‘ erster Ausflug in das Blockbuster-Segment. Zuvor galt der Regisseur neben unter anderem Ari Aster, Jennifer Kent oder David Robert Mitchell als Hoffnungsträger eines frisch anmutenden Genrekinos, das in den 2010er Jahren mit eindrucksvollen Debütfilmen für Aufsehen sorgten.

Im Falle von Eggers leuchtete damals sofort ein, warum er mit dem Historienschauerstück „The Witch“ Jubel erntete. Seine Geschichte über Puritaner, die im Wald Hexenzauber und Fanatismus zum Opfer fallen, bestach nicht nur mit formalem Eigensinn, sondern auch mit einem packenden Drehbuch, das sich einem auf schnellen Effekt schielenden Horrorkino in den Weg stellte. Nicht minder beeindruckender gelang sein zweites Werk, das fiebrige Schwarz-Weiß-Kammerspiel „Der Leuchtturm“, in dem sich Willem Dafoe und Robert Pattinson als Herr und Knecht in der nasskalten Zwangsisolation an die Gurgel gingen.

Düsteres Sagen-Potpourri

Von der unerbittlichen Akribie einer historischen Authentizität, der getriebenen Recherchearbeit, die beiden Filmen innewohnte, ist nun auch Eggers‘ „Northman“ spürbar geprägt. Wobei an dieser Stelle der Begriff der Alterität angebrachter erscheint. Auch das Wikinger-Epos zieht zuvorderst mit der Radikalität seines Befremdens und seiner Andersartigkeit in den Bann. Eggers hat die Heldenverehrungen, Familienzwistigkeiten, Kampfgräuel, Runenzauber und Götterwunder nordischer Sagas konsequent in ihren eigenen veralteten Logiken auf die Leinwand gebracht.

Für bare Münze ist diese Wiederauferstehung vergangener Zeiten natürlich nicht zu nehmen, die mit beiden Händen aus einem künstlerischen und kulturhistorischen Fundus schöpft und ihn neu zusammenbastelt. Der historisch überlieferte Rest ist aufwendig ausstaffierte Kulisse. An bloßem Alltag lässt einen Eggers sowieso kaum teilhaben. Ihn interessiert das Reißerische der Amletus-Sage, die einst auch Shakespeare als Schablone für seinen „Hamlet“ diente.

Amleth (Alexander Skarsgård) will sich am Tod des ermordeten Vaters (Ethan Hawke) rächen und seine Mutter Gudrún (Nicole Kidman) befreien. Von „Sein oder Nichtsein“ ist hier noch keine Rede, kurzer Prozess wird in „The Northman“ gemacht. Ausgerechnet der augenscheinliche, bislang auf Ambivalenzen bedachte Geschichtsstreber Robert Eggers findet seine historischen Gestalten dabei vor allem als mordendes Schlachtvieh vor. Und so peitscht der Autorenfilmer seinen Protagonisten als menschgewordene Bestie durch raue Landschaften und Brutalo-Szenarien. Gleich in der ersten Hälfte wird in einem spektakulär gefilmten Überfall eine ganze Siedlung niedergemetzelt.

Einmal wieder Tier sein

Die langen Kamerafahrten kleben an Skarsgårds Stiernacken, als würden wir ihm durch ein Videospiel folgen. Seine Fremdsteuerung hat ohnehin das Schicksal übernommen, die Nornen haben ihre Fäden bereits gesponnen. Willem Dafoe und Sängerin Björk weisen in fulminant abgedrehten Cameo-Auftritten als Sehergestalten den Weg gen Zukunft, die keine Alternativen zuzulassen scheint.

Das alles passiert innerhalb der ersten Akte von „The Northman“, die bereits den Höhepunkt des Films bilden. Weil man sich noch an ihrer verführerischen Archaik laben kann, an den dröhnenden Klängen, stampfenden Kriegstänzen, an all den Männerkörpern, die sich in Tiere verwandeln und in drogenumnebelten Visionen in andere Sphären und das Geäst der Weltenesche Yggdrasil vordringen. Visuell vereint der Wikinger-Exzess tristen Naturalismus mit überhöhten Graphic-Novel-Spielereien a la „Sin City“ und „300“.      

Aufwachsen und Aufwachen

Dass der Zauber dessen so schnell verfliegt, liegt an dem Unbehagen, das Robert Eggers‘ erzählerische Unentschlossenheit verströmt. Nervös schaut sein Film in alle Richtungen, weil er ahnt, dass man mit bloßer Verführung zum Primitiven heute keinen Film mehr drehen kann. Die Moral, die er findet, ist keine und so wandelt er auf dem irritierenden Grat der Lächerlichkeit und blinden Bewunderung.

„The Witch“, „Der Leuchtturm“ und „The Northman“ können gleichermaßen als Momentaufnahmen betrachtet werden, die von einem Erwachsenwerden inmitten zerstörerischer Verdrängungen und Grenzziehungen erzählen. Seien es Grenzen zwischen Verstand und Irrationalität, Natur und Kultur, Profanem und Religiösem, von Erotik und Tod, die plötzlich fließend erscheinen. In „The Northman“ ist davon bloße Effekthascherei geblieben. Hinter den Vorgängerfilmen fällt diese Wikinger-Rauferei erheblich ab, weil sie so selbstzweckhaft mit Kinderaugen auf ihre blutrünstigen und schaurigen Effekte glotzt.

Zaghafte Kulturkritik

Natürlich, da ist ein gewisses Bestreben, den Männlichkeitskult zu befragen, der in seiner Spirale aus Vergeltung, Ehrerbietung und Triebhaftigkeit von Generation zu Generation weitergetragen wird. Doch bedeutend mehr, als die Krieger und Rächer, die Väter und Söhne immer wieder als brachiale Monstren darzustellen, die sich schließlich beim Ballsport auch noch ordentlich auf die Mütze geben, fällt Eggers nicht ein.

Ohnehin haben ganz aktuell wiederaufkommende, verquere Maskulinitätsvorstellungen und „Pflichterfülungen“ Hochkonjunktur. Insofern erscheint „The Northman“ eigentlich zur rechten Zeit. Vor dem schwer verdaulichen Hintergrund ideologischer Kampfeslüste und nationalistischer Fantasien rund um den Krieg in der Ukraine etwa erscheint Eggers Helden-Dekonstruktion heute wie ein naives Schauermärchen, irgendwo im luftleeren Äther. Ja, sie arbeitet regelrecht gegen die eigenen Ambitionen einer ernstzunehmenden Kulturkritik. Schließlich fasziniert „The Northman“ – reichlich bigott – mit wenig mehr als seiner künstlichen Archaisierung und Barbarei. Er inszeniert sie bis zum Schluss als rein oberflächlich affizierendes Besudelungstheater.

Historischer Ballast

Die nordische Folklore, die Mythen der hehren Germanen dienten nicht zuletzt auch in verfremdeter Form als Rassenideologie im Hintergrund von Massenvernichtungen des 20. Jahrhunderts, dienen sie heute noch in rechtsextremen Kreisen. Von „The Northman“ ist diese Ebene nicht zu trennen, selbst wenn sich der Film einer Verschränkung von Gegenwart und Vergangenheit so einfältig verwehrt.

Wenn Eggers zeigt, wie scharenweise Menschen in einer Scheune verbrannt werden, dann reaktiviert das unweigerlich Eindrücke, die man aus Kriegsfilmen wie „Come and See“ oder jüngst „The Painted Bird“ und „Natural Light“ kennt. Doch der Mythos mit all seinen Facetten ist zu stark, um ihn mit den selbstbesoffenen Gräuelbildern von Eggers‘ Sagenwelt wahrhaft zum Einsturz zu bringen, ihn sich überhaupt für die Gegenwart produktiv anzueignen, um dann von außen auf ihn zu blicken, statt in seinem Spektakel zu schwelgen. In ihrem dauerhaften Betonen des Schrecklichen erscheint die Kehrseite des Sagenhaften, Verklärten nur als Variation desselben.

Blicke eines Wahnsinnigen

Das ließe sich leicht mit dem kriegslüstern getrübten Blick durch die Augen des titelgebenden Nordmannes entschuldigen. Doch am Ende hat nicht der Nordmann das Drehbuch geschrieben und nicht die Regie geführt. Auch „The Witch“ und „Der Leuchtturm“ waren von solchen subjektiven Blicken geprägt und doch war Eggers dort noch gelungen, ein Moment der Verunsicherung und damit der Distanz zu kreieren. Eine Demonstration, die sich auf größere, historisch gewachsene Tendenzen übertragen ließe und bewies, dass Formalismus nicht von Intellektualität getrennt stattfinden muss.

Die Fantastik bei Eggers enthielt bislang immer die Ebene des unausweichlich Wundersamen, des Göttlichen und Gespenstischen, aber eben auch die Wahl des Menschen, sich mit dem eigenen Wahnsinn, mit Machtverhältnissen und Ideologien auseinanderzusetzen, ihnen zu entkommen, selbst wenn diese Mission im Horrorkino zum Scheitern verdammt ist. In „The Northman“ scheint diese Wahl allerdings gar nicht mehr zu existieren.

Von der Ur-Suppe nach Walhall

Eggers bewahrt schlichtweg keinen kühlen Kopf, er wütet durch seinen Stoff wie ein Zehnjähriger mit Unmengen an Spielzeug. Der armselige Mörder und wahnsinnige Rächer ist bereits Heros geworden, wenn das dräuende Proömium der ersten Filmsekunden gesprochen wird, während ein Vulkan Rauchsäulen spuckt. Versuche einer Bekehrung des wildgewordenen Amleths werden von selbigem abgewiesen – und die Bilder von Eggers geben ihm permanent Recht.

Den mystischen Gewalt-Kosmos, den Amleth durchwandelt, hätte „The Northman“ in seinem weiteren Verlauf eigentlich jeglicher Sensation berauben müssen. Doch der illusorische Bruch tritt nicht ein, das Poltern und Schlachten und Grummeln und Spuken und Hackstückeln geht munter weiter. Es geht bis zum Äußersten, hinein in die Triebe und Abgründe, in die sprudelnde Ur-Suppe. Und die Walküre hat bereits ihr Pferd gesattelt, um den Helden nach Walhalla zu tragen.

„The Northman“ läuft seit dem 21. April 2022 in den deutschen Kinos.

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2 Kommentare im Forum

  1. Viel Bla Bla Bla, nach der Hälfte aufgehört zu lesen. Hoffentluch wird der Film besser als diese "Kritik" (LOL). Jetzt mal ehrlich, eure Seite kann man nutzen um sich darüber zu informieren wann Vodafone wo Sender umstellt - oder was im nächsten Monat auf Netflix läuft. Mehr solltet ihr besser sein lassen.
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