„Against the Ice“: Eiskalter Überlebenskampf startet heute bei Netflix

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© Lilja Jonsdottir / Netflix
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In dem Abenteuer „Against the Ice“ kämpft „Game of Thrones“-Star Nikolaj Coster-Waldau in der Wildnis ums Überleben. Bei der Berlinale feierte der bildgewaltige Survivaltrip seine Weltpremiere, jetzt startet er bei Netflix.

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„Against the Ice“ ist ein Film für kleine Jungs. Oder besser gesagt: kleine Jungs in den Körpern erwachsener Männer. Was für ein Gaudi, durch Schnee und Eis, durch Dreck und Schlamm zu stapfen! Zwischendurch mit dem Hundeschlitten fahren, Hui! Plötzlich greift ein Eisbär an, Vorsicht! Das Essen schmeckt eklig, rohes Fleisch gibt es, Augen zu und reingebissen, Bäh! Dann muss man auch noch von Eisscholle zu Eisscholle hüpfen, um nicht ins kalte Nass zu fallen. Der Boden ist Lava, das kennt man ja schon von Netflix. Was für ein Gaudi, sich all das im warmen Wohnzimmer anzusehen, während Nikolaj Coster-Waldau („Game of Thrones“) und Joe Cole („Gangs of London“) in der Kälte Grönlands bibbern, ihre Haare zotteliger und von Schnee und Eis überzogen werden. Man muss sich nichts vormachen; das ist reinster Katastrophentourismus, den man hier verfolgt, aber weder ein sonderlich ergiebiger noch mitreißender.

„Against the Ice“ ist die bebilderte Version eines Tatsachenberichts des Forschers Ejnar Mikkelsen. Dieser durchstreifte im Zuge einer Polarexpedition Anfang des 20. Jahrhunderts zahllose Tage mit seinem Gefährten Iver Iversen die Eiswüste Grönlands. Beide ziehen los, um die territorialen Ansprüche der USA zu wiederlegen und damit zu beweisen, dass es sich bei Grönland um eine einzige große Landmasse handelt. Ihre Rückreise wird zu einem kräftezehrenden Trip, zunächst ohne jegliche Aussicht auf Rettung.

Kein neuer „The Revenant“

Netflix erhofft sich mit diesem Film ganz offensichtlich eine eigene Version von „The Revenant“ im Portfolio. Die erwähnte Eisbärenattacke geht in ihren Bildern sogar glatt als dreiste Kopie durch. Das letzte Drittel erinnert dann noch an prominente Lagerkoller-Stoffe wie „Der Leuchtturm“, allerhand Vertrautes gibt es zu erleben: Auf engstem Raum gehen sich zwei Männer fast an die Gurgel, weil mit fortschreitender Isolation plötzlich die Synapsen durchknallen. Sowohl „The Revenant“ als auch „Against the Ice“ sind im Grunde banale Abenteuerschinken, es gibt jedoch einen großen Unterschied, der beide voneinander abhebt: die Klasse ihrer Regisseure.

Alejandro González Iñárritu konnte Leonardo DiCaprios Überlebenskampf in einer Art und Weise inszenieren, die gleichermaßen Erhabenes, Spirituelles mit niedersten Trieben, Schmerzen, Todesqualen auf mitunter leinwandsprengende, intensive Art und Weise verband. All das vermag Peter Flinth („Arn – Der Kreuzritter“) in „Against the Ice“ nicht.

Er beweist immerhin noch ein Händchen für die malerischen, wuchtigen Naturaufnahmen; das muss man ihm lassen. Wunderschön schimmern die Eis- und Gesteinsbrocken am Horizont. Was sich vor dieser Kulisse abspielt, ist allerdings müde aufgezähltes Einmaleins. Nie gelingt es ihm, ein echtes Gefühl für die zermürbende Zeitlosigkeit in der Wildnis zu vermitteln. Nur die zwischengeschobenen Texttafeln erinnern daran, welche enorme Zeitspanne vergangen ist. Die Männlichkeitskrise, die in dieser Heimkehrergeschichte Bahn bricht, grenzt an unfreiwilliger Komik. Irgendwann schwebt die daheimgelassene Frau als Hirngespinst vom Himmel.

Mensch gegen Natur

Überhaupt, das ist noch etwas, woran sich dieser verwirrte Film klammern kann: Heimeligkeit, eine Liebesbeziehung, Kameradschaftlichkeit. Bloße Reizwörter; bei dem Rest traut sich „Against the Ice“ zu keinem erhellenden Statement. Die Aktualität und Zeitgeistigkeit des Themas, Mensch gegen Natur, Besitzansprüche und Ausbeutung versus Menschenleben, erscheint wie ein unbeholfenes Rechtfertigungsprogramm, doch wieder nur einen allzu abgegriffenen Streaming-Streifen gedreht zu haben, bei dem es hier und da mal brenzlig wird, aber der weder neue Perspektiven eröffnet noch durch seine formalen Qualitäten besticht.

Eine Heldenfigur drängt sich dabei in den Vordergrund. „Against the Ice“ will seinem Protagonisten Ejnar Mikkelsen offensichtlich zu nachträglichem Ruhm verhelfen. Aber war das alles die Strapazen überhaupt wert? Kurz hält dieser Netflix-Film inne, bevor ihm der beißende Gedanke wieder entschwindet. Am Ende steht trotzdem wieder nur ein Bezwinger der Wildnis im Rampenlicht, weniger ein Plädoyer für Wissenschaft. Pflege an einem nationalen Mythos betreibt man hier. Der Mensch hat mal wieder über die Natur gesiegt. Und das Streaming-Generikum über jegliche Ambitionen.

„Against the Ice“ feierte seine Weltpremiere im Rahmen der 72. Internationalen Filmfestspiele Berlin. Ab heute (2. März) kann man den Film bei Netflix streamen.

Weitere Berichte von der 72. Berlinale gibt es hier:

Berlinale: 3sat begleitet Festival mit Filmprogramm und Berichten

Schluss mit Streaming! – 72. Berlinale eröffnet mit Fassbinder-Adaption

Perversionen eines Schlagersänger: „Rimini“ von Ulrich Seidl

Hinweis: Dieser Artikel erschien erstmals am 15. Februar auf digitalfernsehen.de

Bildquelle:

  • against-ice-berlinale: Lilja Jonsdottir / Netflix
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