Schluss mit Streaming! – 72. Berlinale eröffnet mit Fassbinder-Adaption

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Im Vorfeld der Berlinale gab es jede Menge Kritik am Präsenz-Format. Nichtsdestotrotz wurde die 72. Ausgabe des Filmfestivals am Donnerstag feierlich mit der Fassbinder-Adaption „Peter von Kant“ eröffnet.

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Die Berlinale hat sich in diesem Jahr durchaus radikal präsentiert. Schon früh hat sie verdeutlicht, dass es kein Online-Angebot geben wird. Man will zurück in präpandemische Zeiten, um an altem Glanz zu arbeiten. Nur der Filmmarkt bietet Streams an. Von Pressevertretern folgte mitunter heftige Kritik an den damit einhergehenden Arbeitsbedingungen mitten in der jüngsten Corona-Welle. Der Begriff „Superspreader-Event“ thront über allem. Und doch erscheint es aus Sicht des Festivals nachvollziehbar, dass die Berlinale an diesem Neustart der Kulturbranche so vehement auf ihren Live-Begegnungen beharrt, um weiterhin als Premierenveranstaltung und Institution bestehen zu können. Um überhaupt im Bewusstsein stattzufinden, wenn auch dieses Mal mit Hygienekonzepten und ohne Partys.

Die Filmfestspiele Berlin haben sich zum Kino bekannt und das zweijährige Experiment „Online-Festivals“ quasi für nicht zukunftstauglich erklärt. War die „alte“ Berlinale denn zukunftstauglich? Auch diese Frage steht im Raum, doch so oder so: Filmen als eine digitale Kachel von vielen hat man vorerst eine Abfuhr erteilt. In der Tat, Streaming reißt zwar Barrieren ein, fördert aber leider auch Bequemlichkeit. Die hat man nun ohne viel Rücksicht durchkreuzt, Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek zitieren die Branche in die Hauptstadt – mit 2G Plus Maske.

An Tag 1 präsentiert sich das Festivalgelände am Potsdamer Platz eigenartig leer, Busse mit Teststationen stehen am Straßenrand. Dass weniger Gäste als vor der Pandemie angereist sind, spürt man sofort. Saal-Auslastungen wurden verringert, Filme werden öfter gezeigt, vor allem denen, die über das Festival berichten. Coronabedingt fällt der Star-Rummel in Berlin geringer aus, viele Prominente aus dem Ausland werden nicht nach Deutschland kommen. Dennoch wird das Festival über 200 Filme und Serien vorführen, 18 davon im Wettbewerb. Mit dabei sind neue Werke etablierter Autorenfilmer wie Hong Sang-soo, Claire Denis, Andreas Dresen oder Ulrich Seidl.

Foto: C. Bethuel/ FOZ/ Berlinale

Lauwarme Fassbinder-Adaption zum Auftakt

Zum Auftakt bewegt sich das diesjährige Programm allerdings noch auf Kuschelkurs, es schaut sehnsüchtig auf das Gestern, wie das Festival selbst. Der Eröffnungsfilm des Franzosen François Ozon schwelgt in Erinnerungen an deutsche Kinogeschichte. Mit „Peter von Kant“ adaptiert Ozon Rainer Werner Fassbinder. Nach Oskar Roehlers „Enfant Terrible“ ist das also der nächste große Film, der sich an dem Provokateur des deutschen Kinos abarbeitet. „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ dienen Ozon als Vorlage. Auch seine Version des Kammerspiels findet in nur einem Apartment im Köln der 1970er statt, das sich nach Belieben in ein Filmset verwandeln kann.

Was Ozon dort in 90 Minuten entfaltet, ist ein cinephiler Wachtraum, der sein Handwerk preisend ausstellt. Ein passender Berlinale-Eröffnungsfilm also, aber zugleich ein ebenso belangloser. Man kennt das bereits aus den letzten Jahren. Wieder hat man einen Film zum Start ausgewählt, der ein bisschen Prominenz versammelt, der ein bisschen vergangener Filmgeschichte in eleganten Aufnahmen huldigt, jeder kann sich in schicker Garderobe zurücklehnen. Produktiv erscheint wenig daran.

Gefangen in der Meta-Fiktion

„Peter von Kant“ entscheidet sich nicht, ob er als Parodie, Hommage oder Weiterführung funktionieren will. Alles davon versucht er zu vereinen, am Ende kommt wenig dabei heraus. Ozon hat dabei die Rollen vertauscht, in seiner Adaption des Fassbinder-Stoffes sind gekränkte Männer die Protagonisten. Die Hauptfigur, Peter von Kant, ist quasi Fassbinder selbst. Schon in „Petra von Kant“ wurde in der Rezeption getüftelt und gerätselt, wer im Film für welche Person aus dem Fassbinder-Dunstkreis stehen soll.

Ozon treibt dieses Metaspiel auf die Spitze, beharrt damit aber auf der wohl uninteressantesten Ebene dieses Werkes. In bisexuellem Rot und Blau schimmern die Bilder, die Darsteller keifen und schmachten sich an, führen großes Boulevardtheater auf. Peter von Kant hat sich in einen jungen Schauspieler, seine neue Muse, verliebt, doch eine Beziehung scheint nicht möglich. „Jeder tötet, was er liebt“, schallt es gleich am Anfang durch die Wohnung. Aber warum soll man diesem ganzen Gezänk so lange folgen?

Scheitern an einer Ikone

„Peter von Kant“ ist ein Film, über den Menschen wohl schreiben und sagen werden, es handle sich um eine „Liebeserklärung an Fassbinder“. Fassbinder selbst hätte diesen anbiedernden und gefälligen Film womöglich gehasst, diese Vermutung liegt zum Schluss immerhin nahe. Man kann „Petra von Kant“ nicht einfach in eine romantische Farce verwandeln; nicht mehr ist ihr männliches Pendant! Irgendwann tappt auch noch Hanna Schygulla in die Kulisse, die Ikone, eine der Darstellerinnen aus der Vorlage. Eine Grand Dame, die sich im Film geirrt hat. Auch sie darf lediglich als nostalgieverbrämtes Inventar dienen. Sie soll die Wogen glätten. So fähig Ozon seine Wortgefechte inszenieren kann, so wenig sprechen sie zu ihrem Publikum. Einmal mehr hat ein Regisseur keine Lust, sich wahrhaft mit dem filmischen Erbe Fassbinders zu befassen, in Oskar Roehlers „Enfant Terrible“ war das bereits ähnlich, wenngleich dieser noch viel konsequenter nach einer Abstraktion suchte.

Stattdessen interessiert hier nur das Mystische des Auteurs, den man entweder als Tyrannen oder unglücklichen Liebhaber begreifen will. Zwischen diesen beiden Klangfarben und Bildern wechselt „Peter von Kant“ im Sekundentakt. Im großen Gestus bildet sich dieser Film ein, etwas über die Liebe zu erzählen. Letztendlich lamentiert er nur in seiner Künstlerblase vom Star, dem es scheinbar an Authentizität mangelt, der ein falsches Spiel treibt, den man nicht lieben kann, weil ihn alle lieben, weil sein Körper kein Begehren, sondern Ware ist. Aber was war denn zu erwarten? Die Berlinale, sie sehnt sich doch so sehr nach einem Festival wie in alten Zeiten zurück. Es ist doch nach den vergangenen Jahren inoffizielles Gesetz: Natürlich muss sie dann auch einen schlechten Eröffnungsfilm zeigen!

Die 72. Internationalen Filmfestspiele Berlin finden vom 10. bis 20. Februar 2022 statt.

Bildquelle:

  • berlinale: Daniel Seiffert/ Berlinale
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2 Kommentare im Forum

  1. Also auf die Filmkritik des DF Redakteur gehe ich erst gar nicht ein, da soll sich jeder sein Bild selbst machen. Das die Berlinale jetzt so läuft und das auch konsequent umsetzt, finde ich sehr gut. Nicht alles von früher war schlecht.
  2. Das liest sich fast so als, wenn die unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet? Gerade die 2G+ Regel ist das größte Problem, wo viele Gäste wegbleiben!
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