„Enfant Terrible“ zerlegt die Filmikone Fassbinder

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Im Mai 2020 wäre Rainer Werner Fassbinder 75 Jahre alt geworden. Oskar Roehler hat dem „Enfant Terrible“ des deutschen Kinos ein ebenso ungewöhnliches wie provozierendes Denkmal geschaffen. Ab heute läuft der gleichnamige Film in den Kinos.

Genie, Ausnahmekünstler, Wüterich, Sadist, Berserker, Formalist, Exzentriker – die Reihe an Bezeichnungen ist lang, die in diesem Jubiläumsjahr für den wichtigsten Filmemacher Nachkriegsdeutschlands gefunden werden. Sie sind, wie auch Fassbinder selbst, zum Teil von größter Widersprüchlichkeit. Diese Widersprüchlichkeit ist es auch, mit der Oskar Roehler in seinem Biopic Fassbinder begegnet und wir, die Zuschauerinnen und Zuschauer, mit ihm.

Jemand wie Roehler kommt wie gerufen für diesen Stoff. Einer, der sich, gefühlt zumindest, in der Fülle an vergessenswerten deutschen Großproduktionen noch enthemmt austoben darf und das Bequeme gerne sucht. Sein letzter Film „Herrliche Zeiten“ erzählte von einem reichen Paar, das sich zwei Sklaven anschafft. Eine durchgeknallte Groteske über Macht und Missbrauch, über Erniedrigung und Unterwerfung, über Faschismus. Ironischerweise bot der Film genau da Angriffsfläche, selbst faschistoide Züge aufzuweisen. Roehlers Fassbinder-Film bietet erneut Anlass für Kontroversen.

Eine Paraderolle für Oliver Masucci!

So tritt hier die deutsche Filmikone als gnadenloses Raubtier auf, gespielt von Oliver Masucci nebst eigens antrainiertem Bierbauch. Brüllend, giftspuckend, überheblich, in anderen Momenten zu Tode betrübt, depressive Züge. Einer, der für seine Kunst über Leichen gehen würde und dem der Film abwechselnd mit Bewunderung und Abscheu entgegenblickt. Wer nicht spurt, bekommt den Zorn des Regisseurs gleich an Ort und Stelle zu spüren. Und so passiert es, dass schon mal einer seiner Darsteller von einer lederverschnürten Désirée Nick hinter dem Motorrad hergezogen wird, um überzeugender zu leiden.

Pausen gönnt sich Fassbinder keine. Natürlich, uns steht heute die schier endlose Zahl an Filmen zur Verfügung, die der Regisseur seit den 1960ern im Akkord produziert hat. „Angst essen Seele auf“, „Effi Briest“, „Berlin Alexanderplatz“ und „Katzelmacher“ und „Lola“ und und und. Auf diese Werke einzugehen, das versucht Roehler gar nicht erst. Ebenso wenig ein stures Abgrasen der Lebensgeschichte. Zum Glück! Ein Wikipedia-Lehrstück ist „Enfant Terrible“ nicht geworden, sondern eine schräge Momentaufnahme, schlicht und einfach wunderbar radikales deutsches Kino.

Der Preis für die Kunst

Roehler interessiert sich für den Menschen Fassbinder, seine Beziehungen und die Ausbeutung seines Umfelds. Für den „Clan“ seiner Weggefährten, wie er später hieß. Einen kompromisslosen Regisseur wie Fassbinder, den würde die Industrie heute vermutlich zum Teufel jagen. Gerade vor dem Hintergrund der #metoo-Bewegung, die der Filmbranche entstammt, ist „Enfant Terrible“ ein durchaus bemerkenswerter Beitrag. Vielleicht war es am Ende doch nur ein übergriffiger Tyrann, der etwas von Kunst verstand? Man kann da Leichenfledderei an Fassbinders Filmerbe vermuten, Roehlers Biopic wird dieser Vorwurf allerdings nicht gerecht. Vielmehr muss man kritisieren, dass sich Roehler hier und da eher etwas zu lang, naiv und kichernd dem morbiden Faszinosum eines solchen Set-Tyrannen hingibt, der die Kunst gebraucht hat und ohne den die Kunst in ihrer letztlichen Form vielleicht nicht wäre. Am Ende ist es doch genau diese zentrale Frage, die „Enfant Terrible“ so unbequem macht. Hätte Fassbinder ohne diese Skrupellosigkeit einen solchen Rang erreicht?

Man muss da gar nicht das Gesamtwerk verklären, nicht jeder von Fassbinders zahlreichen Filmen ist ein Meisterwerk, doch die Frage nach dem ultimativen Opfer für die Kunst drängt sich unweigerlich auf. Fassbinder bezahlte dafür mit Isolation und körperlichem Zerfall, mit einem frühzeitigen Drogentod. Seine Liebhaber, Armin Meier und El Hedi ben Salam, hatte er zuvor bereits verloren. „Each man kills the things he loves“, wird zu Beginn aus Fassbinders letztem Film „Querelle“ zitiert. „Enfant Terrible“ zeigt nicht mehr und nicht weniger. Roehler setzt Fassbinders Denkmal auf einen Sockel, um es immer wieder auch herunterstoßen zu können, ja, vielleicht sogar zu müssen.

Bewusste Künstlichkeit

Inmitten dieser Psychologisierungen und Deutungen der Fassbinder-Karriere hat Oskar Roehler einen ästhetisch äußerst interessanten Film gedreht. „Enfant Terrible“ stellt – und das ist der Knackpunkt dieser Freakshow – gar nicht den Anspruch einer realistischen Aufarbeitung. Man kann diesen Film sogar nur bedingt schauen, wenn man Fassbinders Karriere nachvollziehen will. Roehler verfremdet die Historie bis ins Spielerische. Sein Starensemble (Katja Riemann, Jochen Schropp, Alexander Scheer, Götz Otto usw.) bewegt sich durch gemalte, spartanisch ausgestattete, neonbeleuchtete Kulissen. Eine Parade an selbstzerstörerischen und zerstörten Gestalten. So, wie es auch Fassbinder mochte.

„Alles ist Film“, heißt es einmal. Ja, und Theater zugleich! Figuren, die sich von ihren historischen Vorbildern bewusst lösen. Die eher skandieren als sprechen. Die zu Typen degradiert werden und die in all dem Gekeife versuchen, sich zu Charakteren emporzuspielen. Alles ist künstlich in „Enfant Terrible“. Oder: Alles ist Kunst. Roehler zeigt ein Leben für diese Kunst als Realitätsverlust, in dem alles zur Inszenierung verkommt. Und noch vielmehr: „Enfant Terrible“ ist in jener Künstlichkeit ein Film darüber geworden, wie die Gesellschaft mit Hilfe der Kunst deren Schöpfer rückblickend betrachtet. Ikonenmalerei oder cancel culture? Verabschieden wir uns doch von der Frage, „ob es denn wirklich so gewesen ist“. „Enfant Terrible“ befragt sich lieber selbst in seiner Inszenierung des produktiven und talentierten Quälgeists Fassbinder: ein Getriebener und Zerbrechlicher. Und vielleicht zugleich ein Monster in seinem eigens erschaffenen Horror-Universum. Hier inzwischen selbst zur Filmfigur geworden.

„Enfant Terrible“ läuft ab dem 1. Oktober im Verleih von Weltkino bundesweit in den deutschen Kinos. Der Film befand sich 2020 in der offiziellen Auswahl der abgesagten Filmfestspiele von Cannes.

Bildquelle:

  • enfantterrible2: Bavaria Filmproduktion
  • enfantterrible1: Bavaria FIlmproduktion

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