Neue Staffel „American Gods“: Ein Fest für die Sinne

Eine Kritik von Mona Sophie Ritter

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American Gods
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„American Gods“: Eine einzigartige Serie abseits des Mainstreams. Was macht sie so ungewöhnlich und faszinierend? – Eine persönliche Einschätzung.

„American Gods“ ist düster und gefährlich, verrückt und durchtrieben, brutal und tabulos, aber auch abenteuerlich und ganz schön schräg. Irgendwo zwischen Fantasy und Roadtrip vermischt sich die Geschichte um Shadow Moon und Mr. Wednesday immer wieder mit Horror, Sci-Fi und einer Prise Lovestory. Keine Frage, diese Serie ist nicht vergleichbar mit dem vorhersehbaren Einheitsbrei! Zu verdanken hat „American Gods“ das vor allem der unglaublichen Fantasie ihres Schöpfers Neil Gaiman, dessen gleichnamiger Roman vor zwanzig Jahren erschien. Da der Autor selbst seit Beginn der Serienadaption 2017 mit an der Produktion beteiligt ist, dürfte sein Einfluss auch ein Grund für die Harmonie zwischen Charakteren und Kulisse sein. Alles fühlt sich nach einer Welt an, in der sich jedes Detail in die Atmosphäre einfügt.

Seit Anfang Januar veröffentlicht Amazon Prime Video jede Woche eine neue Episode der frischen dritten Staffel. Dabei bin ich erstaunt, wie konstant das Niveau seit drei Staffeln oben gehalten wird. Auch in den bisher drei erschienenen Episoden hat der unvergleichliche Charme der Serie nicht nachgelassen. Als Liebhaberin von verrückten Geschichten und ungewöhnlichen Charakteren und mit einer Schwäche für Ästhetik, Details und Meta-Humor habe ich mehr als großen Spaß daran, wieder in die zwielichtige Welt eines magischen Amerikas einzutauchen.

Doch „American Gods“ hat noch viel mehr zu bieten. Da ich das Buch gelesen habe, kenne ich noch tiefere Hintergründe dieser Geschichte und wohin sie noch führen wird. Nur soviel: Wenn es nach dem Buch geht, sind wir gerade einmal knapp bei der Hälfte. Deshalb liegt meine Vermutung nahe, dass es mindestens noch zwei, wenn nicht sogar drei Staffeln geben könnte. Vorweg sei gesagt, dass ich in diesem Kommentar meine Gedanken zu der bereits veröffentlichten Geschichte erkläre. Wer sich also lieber überraschen lassen möchte, kann auf Amazon Prime Video die letzten zwei Staffeln nachholen.

Die Serie und das Buch im Vergleich

Als ich die erste Staffel zum ersten Mal sah, kannte ich das Buch noch nicht. Deshalb genoss ich „American Gods“, ohne voreingenommen zu sein. Zumindest funkte keine kleine Stimme aus meinem Hinterkopf dazwischen, die ständig die Handlung vorhersagt und Kritik an der filmischen Umsetzung übt. Wenn es also um den Überraschungsfaktor geht, so ist es besser, das Buch nicht zu kennen.

Die Schwierigkeit dabei liegt jedoch darin, den „Roten Faden“ nicht zu verlieren. Bei all der Bildgewalt und verstrickten Handlungen kann es deshalb für einen unvorbereiteten Zuschauer durchaus verwirrend werden. Im Buch dagegen ist es durch den chronologischen Aufbau einfacher, dem „Roten Faden“ zu folgen. Nachdem ich das Buch gelesen hatte, fiel es mir in der zweiten Staffel immerhin leichter, die Charaktere den Figuren im Buch zuzuordnen und auch die Zusammenhänge besser zu verstehen.

Im direkten Vergleich mit der Romanvorlage fällt zunächst auf, dass die Handlung für die Serie teilweise neu angeordnet und zudem einige Passagen extra für den dramaturgischen Aufbau einer Staffel dazugedichtet wurden. Dazu gehört beispielsweise das Ende der ersten Staffel. Im Buch findet keine Party der Göttin Ostara statt, auf der alle wichtigen Charaktere zusammentreffen und die in einem ersten Showdown endet.

Romanvorlage hilft

Nach einer unerwartet genialen ersten Staffel war ich von der zweiten enttäuscht. Obwohl ich den Plot im Hinterkopf hatte, fiel es mir sehr schwer, der Handlung in der Serie zu folgen – sie wirkte in die Länge gezogen und teilweise zusammenhanglos. Für Zuschauer ohne Vorwissen muss es deswegen noch umso verwirrender und langweiliger gewesen sein. Jedoch hege ich große Hoffnung, dass die dritte Staffel „American Gods“ die Handlung wieder in den Vordergrund stellt. Nach den ersten drei Episoden bin ich darauf bezogen sehr optimistisch.

Insgesamt habe ich die Serie besser verstehen können, nachdem ich das Buch gelesen habe. Gerade bei dieser Vielzahl an miteinander verstrickten Charakteren ist es schwer, in der Serie den Überblick zu behalten. Auch den langsamen Aufbau des Kriegs zwischen den alten und den neuen Göttern konnte ich besser wahrnehmen. Trotzdem geht genau dieser „Rote Faden“ in der Umsetzung der Serie manchmal etwas verloren, was es schwierig macht, wirklich am Ball zu bleiben. Ich denke, dass das eines der Probleme ist, die entstehen, wenn man aus einem Buch versucht, möglichst viel herauszuholen – das große Ganze wird aus den Augen verloren.

©2020 Starz Entertainment LLC

Ein visueller Festschmaus

Was mich besonders an der ersten Staffel fasziniert hat, war das Fest aus visuellem Feuerwerk, genial getakteten Kamera-Schnitten und den zahlreichen Wendungen. Die erste Staffel ist für mich ein komponiertes Kunstwerk. Getragen von einer dynamischen Dramaturgie, erwecken cineastische Stilmittel das großartige Konzept-Design zum Leben.

Besonderen Gefallen habe ich dabei an der Liebe zum Detail gefunden. Zu Beginn der zweiten Staffel beispielsweise, als Mr. Wednesday verschiedene alte Gottheiten am „Haus on the Rock“ versammelt, drückt auch Shadow den Knopf eines „Wahrsage-Automaten“. Doch statt einfach nur eine Karte auszuspucken, geht die Kamera in das Innere des Automaten und verfolgt Schritt für Schritt den ausgelösten Vorgang im Detail, bis am Ende mit einem Ping eine Karte aus dem Schlitz ragt. Unscheinbares in so bedeutsames Licht zu rücken, macht für mich den wahren Reiz dieser Serie aus.

Entscheidend für eine Geschichte mit außergewöhnlichen Figuren ist zudem die Auswahl geeigneter Schauspieler. Meiner Meinung nach kommt die prominente Besetzung in „American Gods“ der Buchvorlage sehr nahe: In den Hauptrollen spielen Ricky Whittle als Shadow Moon, Ian McShane als Mr. Wednesday, Emily Browning als tote Exfrau Laura Moon und Pablo Schreiber als Kobold Mad Sweeny. Auch mit der Auswahl der Nebendarsteller wie Yetide Badaki als Göttin Bilquis, Orlando Jones als Spinnengott Mr. Nancy und Crispin Glover als Antagonist Mr. World bin ich sehr zufrieden. Jedoch finde ich die Verkörperung von Easter alias Fruchtbarkeitsgöttin Ostara durch Kristin Chenoweth sehr misslungen. Ich hätte mir eine üppige und natürliche Ostara nach Buchvorlage gewünscht, statt eines künstlich wirkenden Medien-Models. Allerdings könnte die bizarre und nach Aufmerksamkeit schreiende Aufmachung Easters vielleicht genauso gewollt sein – als Spiegel des kommerzialisierten Osterfestes.

Was man über Geschichten von Neil Gaiman wissen sollte

Bisher habe ich jedes Werk von Neil Gaiman als etwas Einzigartiges, weit abseits des Mainstreams wahrgenommen. Er versteht es wie kein zweiter, das Ungewöhnliche ins Alltägliche einfließen zu lassen, schleichend, fast unbemerkt. Deswegen sollten seine Leser stets offen für das Unvorhersehbare sein. Seine Geschichten sind ungewöhnlich, fesselnd und durchtrieben sowie raffiniert und ungeschönt, aber auch witzig.

Neil Gaiman hatte außerdem schon seit seinen Jugendjahren ein Faible für Mythologien und Götter. Seine erste Spielwiese für zahlreiche Charaktere aus verschiedensten Glaubenswelten schuf er mit der legendären Comic-Reihe „Sandman“, die er zwischen 1988 und 1996 bei DC Comics in New York und ab 1993 beim DC Imprint Vertigo veröffentlichte. Seitdem ist Neil Gaiman immer wieder zur Mythologie zurückgekehrt und hat viele weitere Bücher verfasst.

Warum Gaiman „American Gods“ schrieb

Als der geborene Brite 1992 nach Amerika auswanderte, wurden seine Sinne von der Andersartigkeit der Vereinigten Staaten überflutet. Zeitgleich nahm eine Idee in seinem Hinterkopf Gestalt an – wie konnte er Amerika verstehen lernen? Schließlich fasste Neil Gaiman einen Entschluss. Er wollte ein Buch schreiben, das jene Seiten von Amerika zeigte, die ihn begeisterten und von denen er besessen war. „Zufällig genau die Seiten, die in Filmen und Fernsehserien niemals auftauchten“, wie der Autor selbst in einem Vorwort zu der Jubiläumsausgabe seines Romans „American Gods“ erwähnte.

So entstand nach und nach eine verrückte Geschichte um die Frage, was mit dämonischen oder göttlichen Geschöpfen geschieht, wenn Immigranten ihre Heimat verlassen. Für „American Gods“ schrieb Gaiman möglichst nur von Orten, die er selbst auf einem Roadtrip quer durch die USA besucht hatte. Zwischensequenzen wie „Unterwegs nach Amerika“ waren dabei Seitenfüller, wenn Gaiman nicht weiterwusste. Sie brachten ihn dennoch immer wieder auf Kurs zurück zu Shadow.

Die dritte Staffel von „American Gods“ läuft seit dem 11. Januar 2021 bei Amazon Prime Video. Eine vierte Staffel ist bereits offiziell bestätigt.

Bildquelle:

  • americangods: Amazon Prime Video
  • americangodsstaffeldrei: Starz Entertainment

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