Abhörskandal: „News of the World“ wird eingestellt

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Bild: © Phongphan Supphakank - Fotolia.com
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Nach dem Skandal um abgehörte Handys wird das britische Boulevardblatt „News of the World“ eingestellt. Am kommenden Sonntag erscheine die letzte Ausgabe, teilte der Medienunternehmer James Murdoch am Donnerstagabend mit.

Es ist einer der schwersten Skandale in der britischen Medienwelt: Reporter sollen die Handys von Prominenten und Verbrechensopfern abgehört haben. Die Affäre berührt die ganze Gesellschaft im Mutterland der Pressefreiheit. Mittendrin: Medienmogul Rupert Murdoch. Nun wird die „News of the World“, eine der auflagenstärksten Sonntagszeitungen Großbritanniens, eingestellt. Das Unternehmen habe zahlreiche Fehler im Umgang mit dem Skandal gemacht, räumte Rupert Murdochs Sohn James ein.

Der Skandal um das Abhören von Handys Prominenter und Politiker beschäftigt die Öffentlichkeit seit langem. Er hatte sich in den vergangenen Tagen aber ausgeweitet. So war bekanntgeworden, dass Journalisten auch Telefone von Mord- und Terroropfern und deren Angehörigen angezapft haben sollen. Auch die Witwen getöteter Soldaten sollen abgehört worden sein. Die „News of the World“ habe es nicht geschafft, den Vorgängen um die Abhörmethoden auf den Grund zu gehen, sagte James Murdoch weiter.

Am Montag kam über eine Veröffentlichung des „Guardian“ heraus, dass die Reporter nicht nur Prominente, darunter Schauspieler wie Sienna Miller und Jude Law bespitzelt haben, sondern auch mindestens ein entführtes Mädchen. Die Reporter sollen, so der Vorwurf, die Handy-Mailbox des Kindes nicht nur abgehört, sondern sogar alte Meldungen gelöscht haben, um Platz für neue Konversationen zu schaffen. Auf diese Weise wurden Eltern und Polizei in den Glauben versetzt, die kleine Milly könnte noch leben, obwohl ihr Entführer sie bereits ermordet hatte.

Die Polizei untersucht jetzt, ob ähnliche Praktiken vielleicht auch bei anderen Entführungsfällen, etwa bei der noch immer vermissten Madeleine McCann eine Rolle spielen könnten. Auch Angehörige der Opfer der Terroranschläge vom 7. Juli 2005 sollen abgehört worden sein. Und damit nicht genug: Polizeibeamte sollen den Reportern gegen Geldzahlungen Informationen zugeschoben haben. E-Mails mit angeblichen Beweisen dafür übergab die „News of the World“ am Mittwoch den Ermittlern.Britischer Journalismus am Scheidepunkt

 
Bis zu den neuen Enthüllungen hatte der seit spätestens 2007 schwelende Abhörskandal eher als Mittel zum politischen Ränkespiel getaugt. Premierminister David Cameron machte den zurückgetretenen „News of the World“-Chef Andy Coulson ungeachtet der Vorwürfe sogar zu seinem Regierungssprecher und wichtigsten Medienberater – und ließ ihn später wieder fallen. Selbst die Polizei ermittelte zunächst so lasch, dass erst auf Druck Betroffener und der Öffentlichkeit die Ermittlungsakten noch einmal geöffnet wurden.

Der Verdacht, das Schicksal eines entführten Mädchens könnte für Zwecke der Sensationspresse ausgenutzt worden sein, hat nun aber einen Aufschrei in Großbritannien ausgelöst. Am Mittwoch beriet umgehend das Parlament über den Fall, Premierminister David Cameron forderte eine öffentliche Untersuchung. Oppositionsführer Ed Miliband forderte die Verlagschefin von News International und Vorgängerin Coulsons als Chefredakteurin bei „News of the World“, Rebekah Brooks, indirekt zum Rücktritt auf. Sie selbst will – genauso wie ihr Nachfolger Coulson – nichts von den Methoden ihrer Leute gewusst haben.

Plötzlich geht es nicht mehr um einzelne schwarze Schafe. Inzwischen geht es um die Rolle der Presse in Großbritannien, die den Blick unter die Bettdecke nie gescheut hat. Die „Times“ schrieb am Mittwoch, der gesamte britische Journalismus sei an einem Scheidepunkt angelangt. Der Journalismus-Professor und „Guardian“-Kommentator Roy Greenslade sagte: „Die Abhörgeschichte hat das Potenzial, auch den ganzen Rest der Presse und der Journalisten, die für sie arbeiten, zu beschmutzen.“ Und er fügte hinzu: „Wir haben das öffentliche Vertrauen verloren, weil zu viel des veröffentlichten Materials keinen dauerhaften Wert für die Gesellschaft darstellt.“Erste Anzeigenkunden stornieren Buchungen

 
Schon im April hatte Londons Bürgermeister Boris Johnson in einerZeitungskolumne öffentlich die Frage gestellt: „Glaubt ernsthaft jemand,dass die „News of the World“ die einzige Zeitung ist, die das tut?“ Undder medienerfahrene frühere Herausgeber des „Spectator“ fügte damalshinzu: „Ich wette, dass die ganze Fleet Street ziemlich genau dasGleiche gemacht hat – oder noch tut.“ Dass erst vor kurzem dieKönigshaus-Reporterin der angesehenen Nachrichtenagentur PressAssociation (PA) unter Abhörverdacht vorläufig festgenommen wurde,scheint Johnsons These zu stützen. Sie ist auf Kaution frei,Ermittlungen laufen.

Medienfachleute sind sich einig: Der Abhörskandal ist auch ein Ausdruckdes härter gewordenen Überlebenskampfes auf dem britischen und spezielldem Londoner Zeitungsmarkt. Ein inhaftierter Privatdetektiv etwa sprachMedien gegenüber von einem „enormen Druck zu liefern“. Für die „News ofthe World“ dürfte die offensive Kampfesführung zum Pyrrhussieg werden.Sienna Miller hat schon 100 000 Pfund an Schadensersatz erfochten,weitere Zahlungen dürften folgen. Angesehene britische Firmen wie Lloydskündigten ihre Anzeigenkontrakte mit dem Blatt auf.
 
Mediengerüchten zufolge könnte nun auch die Übernahme-Pläne von BSkyB gefährdet sein. Ein diesbezügliches Statement der britischen Regulierungsbehörde Ofcom sorgte am Donnerstag für medialen Wirbel (DIGITAL FERNSEHEN berichtete).
 
In diesem heißt es, dass die Instanz sicher sein müsse, dass ein Medienveranstalter „fit and proper“, also finanzstark und möglichst skandalarm sein sollte. Damit hätte die Behörde auf den aktuellen Medienskandal reagiert. Der Dienst weist aber darauf hin, dass die Ofcom jeden Lizenzträger prüft, nicht nur die, die gerade die Schlagzeilen bestimmen.
 
Update 19.32 Uhr: Zusätzliche Informationen hinzugefügt[Michael Donhauser/ar/dpa]

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19 Kommentare im Forum

  1. AW: Abhörskandal: "News of the World" wird eingestellt Tja, damit will Murdoch nun schnellstmöglich den Skandal zu ersticken versuchen mit dem Abwickeln des Boulvardblattes um die BskyB-Übernahme nicht weiter zu gefährden. Dabin ich gespannt ob das nun nicht doch alles zum Kippen bringt oder bereits gebracht hat. Aber gut, in der Luft zerfetzen dürfen die anderen Medien das Blatt nicht, sind sie doch nicht besser, nur weil bei ihnen alles Weitere unentdeckt bleibt.
  2. AW: Abhörskandal: "News of the World" wird eingestellt Die Marktmacht Murdochs gerade in Großbritannien ist aber ein Problem, bei sowas wird wieder der unheimliche Einfluss deutlich. Vor ein paar Tagen habe ich auf BBC eine Diskussion gesehen, da ging es darum, dass sogar Politiker von Blair es für notwendig hielten, dass er sich mit Murdoch gut stellte, um die Wahl 1997 besser zu gewinnen. Anders gesagt: man denkt man kann nur gewinnen, wenn man Murdochs Gunst hat. Es ist nämlich dort üblich, dass sich die "tabloids" vor den Wahlen immer sehr eindeutig positionieren.... nix Neutralität.
  3. AW: Abhörskandal: "News of the World" wird eingestellt Bei uns muss man eben von Springer und Mohn Rücksicht nehmen. Die Medienbranche ist Oligopolartig organisiert. Das fängt bei der kleinsten Einheit an und endet beim großen Konzern.
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