Bundesliga: Sky muss „auf veränderte Gegebenheiten schneller reagieren“

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Die Vergabe der Rechte am Hochglanz-Produkt Bundesliga wird mindestens einen Monat später finalisiert, als zunächst geplant war. Das lässt den Bietern mehr Zeit, aber auch Raum für Spekulationen. DIGITAL FERNSEHEN konnte mit Branchen-Insider Dirk Grosse, Geschäftsführer der Fußballagentur VIDA 11, über das laufende Verfahren sprechen.

Als Leiter der Sport Kommunikation bei Sky hat er zwischen 2011 und 2015 zwei Bundesliga-Ausschreibungen begleitet: Wenige haben tieferen Ein- und Durchblick, wenn es zu Fragen um Übertragungsrechte kommt. Da Dirk Grosse und VIDA 11 in die laufende Vergabe nicht involviert sind, kann er nicht nur einen aufgrund seiner Referenzen sehr geschulten, sondern auch objektiven Blick auf das aktuelle Verfahren werfen.

Bild: Dirk Grosse

DIGITAL FERNSEHEN: Das Vergabeverfahren der Übertragungsrechte an der Bundesliga ist gerade um mindestens einen Monat verlängert worden. Glauben Sie, dass sich neue Player wie beispielsweise Amazon, die bislang noch kein großes Stück vom Kuchen besessen haben, veranlasst durch die aktuell unsichere Situation, eventuell etwas mehr zurückhalten werden?

Dirk Grosse: Das glaube ich nicht. Bis zum Bundesligastart 21/22, ab diesem Zeitpunkt greifen ja erst die derzeit ausgeschriebenen Medienrechte, sind es noch 1,5 Jahre. Bis dahin wird es mit großer Wahrscheinlichkeit einen Impfstoff gegen das Coronavirus geben und wir haben wieder Normalität in unser aller Leben.

Gehen Sie generell von einer Verlagerung hin zu mehr Bundesliga-Streamingangeboten aus?

Streaming spielt heutzutage eine sehr entscheidende Rolle. Aber noch geht nichts über eine sichere und stabile Übertragung via Kabelnetz oder SAT. Gerade bei Live Events. Viele haben bereits erlebt, dass Sky Go oder DAZN bei Sportübertragungen komplett ausfielen. Es kommt auch immer wieder mal vor, dass man sich nicht einloggen kann oder die Qualität nicht besonders gut ist. Das passiert dem Konsumenten bei der HD- oder auch UHD-Übertragung im TV via SAT oder Kabel nicht.
Ein Nebeneinander sollte es auf jeden Fall weiterhin geben, denn Deutschland liegt beim Breitband weder in den Top Ten noch in den Top 20, wenn ich richtig informiert bin. Und beim mobilen Internet sieht die Situation vermutlich noch schlechter aus. Funklöcher und zu schwaches Internet gibt es leider noch zu häufig in Deutschland.

Dem Vernehmen nach sind Amazon und DAZN von der nächsten Rechte-Periode an in der Champions League groß im Geschäft. Amazon hat seine Beteiligung auch schon publik gemacht. Der größte Teil der Spiele soll bei DAZN gelandet sein. Ist das Ihrer Einschätzung nach jetzt die Gelegenheit für Sky, bei den Bundesliga-Rechten in die Vollen zu gehen?

Für mich stellt sich eher die Frage, ob es Unternehmen gibt, die Sky bei der aktuellen Ausschreibung endgültig vom Markt drängen wollen. Dementsprechend wird deren Beteiligung am Bundesliga-Poker aussehen. Ich wünsche Sky, dass sie ein großes Stück vom Kuchen bekommen. Sie haben seit Anfang der 90er Jahre die Bundesliga mit entwickelt und großartig begleitet. Für mich ist Sky ein Stück weit Tradition und auch ein ‚Love Brand‘. Sie müssen es aber schaffen, die Generation „Millennials“ mehr und mehr für sich zu gewinnen und aus meiner Sicht auf veränderte Gegebenheiten schneller reagieren.

Hängt die zurückhaltende Taktik von DAZN vielleicht damit zusammen, dass man sich mit Sky gerade versucht auf eine Art Concorde Agreement bezüglich beider Wettbewerbe, Champions League und Bundesliga, zu einigen? Immerhin hat DAZN mit der Europa League ja auch einen gewissen, wenn auch etwas leichter zu verkraftenden, Verlust zu verbuchen.

Denkbar ist das sicherlich. Für beide würde sich das finanzielle Risiko reduzieren.

Wie stehen Ihres Erachtens die Chancen, dass jemand wie ein Phönix aus der Asche steigt und das Rennen macht? Beispielsweise Bild TV, die via WELT ja auch indirekt auch über einen Free-TV-Ausspielweg verfügen und das Online-Angebot ja gerade mit aller Macht in Position bringen. Wäre das denkbar?

Sportrechte sind „verderbliche Ware“, ein großes Invest mit geringen Chancen auf einen ROI (Return on Invest Anm. d. Red.). Springer hat mit den Bundesliga Highlights in der Verwertungskategorie „WEB-TV und Mobile“ von 2013-2017 Erfahrungen gemacht. Würde mich wundern, wenn hier nochmal investiert wird. BILD TV geht mittlerweile stark in Richtung Nachrichtensender. Das sieht man derzeit in der Corona-Berichterstattung. Deren Ziel ist es, sich gut zu vermarkten, dann verdienen sie Geld. Darum geht’s am Ende. Da wäre ein teures Bundesligarecht nachteilig. Auszuschließen ist heutzutage nichts mehr, aber das würde für mich momentan keinen Sinn machen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Bildquelle:

  • DX3B8297-2-3: Dirk Grosse (privat)
  • Bundesliga: © Michael Stifter - stock.adobe.com

5 Kommentare im Forum

  1. "Aber noch geht nichts über eine sichere und stabile Übertragung via Kabelnetz oder SAT", lese ich im Interview. Leiden die Fußball-Zuschauer denn wirklich unter den schlechten Streaming-Bedingungen? Ich hab immer das Gefühl, wer Fußball sehen will, dem ist es egal, ob das per Satellit, Kabelnetz, Streaming oder gar per Postbote kommen würde. Oder?
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