Kommentar zur Fusion Vodafone-Unitymedia: Kabel reunited?

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Bild: © Phongphan Supphakank - Fotolia.com
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Dr. Hans-Ullrich Wenge, früherer CEO der Kabel Deutschland, kommentiert den geplanten Zusammenschluss von Liberty Globals Kabelgesellschaft Unitymedia mit Vodafones Kabel Deutschland.

Nun gibt es wohl doch einen Deal zwischen Vodafone und Liberty. Gerüchten zufolge kommt es demnächst zu einer 16,5 Milliarden Euro schweren Fusion/Übernahme von Vodafones Kabel Deutschland und Unitymedia.
 
Die Kommentare und Aufgeregtheiten der Player im Markt sind vielfältig – natürlich von Interessen geleitet. „Nicht genehmigungsfähig“, sagt die Telekom. „Besorgt“ sind die Öffentlich-Rechtlichen, „alarmiert“ die privaten Sender. 
 
Etwas krude klingt die FRK-Stellungnahme: Tolle Entwicklungsmöglichkeiten, aber „Oligopole müssen verhindert werden“. Na was denn nun? Mono-, Duo- oder Oligopol? Es wäre ja schön, wenn es ein Oligopol überall gäbe, denn dann könnte es intensiven, funktionsfähigen Wettbewerb geben. Leider wird es wohl in der Praxis überwiegend ein klassisches Duopol und in vielen Fällen ein (lokales) Monopol.
 
Vielleicht hilft bei der komplizierten Gemengelage ein Blick aus der Vogelperspektive:
Betriebswirtschaftlich macht der Deal für die Beteiligten wohl Sinn. Skaleneffekte wird es geben – auch wenn die berühmten Synergiepotenziale meistens potenziell und virtuell bleiben und sowieso nie wieder überprüft werden.
 
Dafür wird es reale Synergiekosten geben: Technische Plattformen zusammenführen, Einspeiseverträge harmonisieren, IT integrieren. Ich höre die Beteiligten auf allen Ebenen schon jetzt „Oh My God“ ausrufen. Hinzu wird kommen, die Zentralen zu „optimieren“ – da gibt es Kölsch- und Altbiertrinker, ein kritisches Gebräu, vielleicht wäre Pils die Alternative. Die Callcenter werden darüber hinaus bei einer Fusion gut zu tun haben.

Am Ende könnte ein integrierter Netzriese mit moderner Infrastruktur und leistungsfähigem Triple-Play stehen. Das beschworene Quadruple-Play inkl. Mobilfunk hört sich gut an, aber ich persönlich bin mal gespannt, wie viele Mobilfunkverträge Vodafone an ehemalige Unitymedia-Kunden zusätzlich verkaufen wird. Wir werden es wohl nie erfahren.
 
Wer hat volkswirtschaftlich in den letzten circa 20 Jahren im/vom Kabelmarkt profitiert? Die Antwort ist: Fast alle!
 
Der Verbraucher hat eine leistungsfähige alternative Infrastruktur bekommen, die weder in Telekom-Hand noch bei Komplettverkauf mit diesen Investitionen realisiert worden wäre. Er hat eine Vielzahl von privaten Programmanbietern zur Auswahl bekommen, die es zuvor nur über Satellit gab. Der Programmwettbewerb ist deutlich stärker geworden mit neuen Möglichkeiten über das lineare Fernsehen hinaus.
 
Es wurde Wert geschaffen: Auf Basis der aktuell diskutierten Zahlen wird der fusionierte Kabelanbieter mit circa 30 Milliarden Euro bewertet (zum Vergleich: Die Deutsche Telekom liegt heute bei circa 70 Milliarden Euro). Das wäre mehr als eine Verdreifachung gegenüber dem seinerzeitigen Verkaufserlös der Deutschen Telekom. Der DAX stand im Jahr 2000 etwa bei 6.500 Punkten, heute bei 12.500. Also: Ein gutes Geschäft. 
 
Ein gutes Geschäft haben auch die Private-Equity-Investoren inklusive Managementgebühren, Sonderausschüttungen etc. gemacht. Nur einige Investoren der ersten Stunde (Callahan, Klesch etc.) sind vom Wagen gefallen.
 
Mit gut gefüllten Taschen haben auch die überwiegend nicht-deutsch-sprechenden Manager der diversen Gesellschaften das Land, in dem wir gut und gerne leben, wieder verlassen, nachdem sie ordentlich OPM (Other Peoples Money) verbrannt haben. Auch viele kleinere Netzbetreiber haben ihr Unternehmen gut verkauft.
 
Und der Kunde, um den es angeblich immer geht? Er sieht sich nach wie vor auf dem Land („unversorgtes Gebiet“) einem Monopol, wenn überhaupt, gegenüber. Aber er hat sehr oft eine Alternative mit größerem Leistungsspektrum. Aus Kundensicht scheint es oft ohnehin egal zu sein: Ein Post im Forum von DIGITAL FERNSEHEN kommt zu dem defätistischen Schluss: „Telekom – Es war schlecht, KDG – Es ist schlecht. Vodafone – Es wird schlecht….“
 
Bleibt die ordnungspolitische und medienpolitische Sicht:
Da wird es komplizierter. Ist ein Duopol in einer der wichtigsten Infrastrukturen tolerierbar? Noch dazu in ausländischer Nicht-EU-Hand nach dem Brexit? Ohne Einfluss der nationalen Interessen auf die nächste Verkaufsrunde – 30 Milliarden plus des nächsten Aufschlags sind für Apple, Google, Microsoft, Amazon oder Facebook vom Festgeldkonto zu stemmen. Geschweige denn von Mr. Ma oder undurchschaubaren Chinesen. Den Deutschen scheint es ja egal, wem seine Unternehmen gehören bei über 50 Prozent Auslandsbesitz der DAX-Unternehmen.
 
Aber ist eine Zukunft im Duopol einer der wichtigsten Zugangsinfrastrukturen für Medien mit dem einen Player in unkontrollierbarer, ausländischer Hand und dem anderen Player unter Staatseinfluss wirklich erstrebenswert? Diese Diskussion steht am Anfang, muss aber dringend geführt werden.
 
Möge die Übung gelingen![Dr. Hans-Ullrich Wenge]

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  • Medien_Maerkte_Artikelbild: © Phongphan Supphakank - Fotolia.com

20 Kommentare im Forum

  1. Mitarbeiter werden in Köln und Düsseldorf gekündigt (doppelte Besetzung braucht kein Unternehmen) und für Kunden wird dann alles, was man an Hardware und Software zusammenlegen muss, mit Austausch und neuen Produkten dann teurer. Es ist doch klar, worauf es hinausläuft bei Fusionen. Und es wird künftig Altbier in Düsseldorf getrungen, ist auch auch sonnenklar. Vodafone dominiert. Gut, dass damit Horizon sterben wird, ist zu verschmerzen.
  2. Ich sehe schon die Dollarzeichen in den Drückerkolo... äh bei den hochmotivierten Medienberatern: "Sie müssen jetzt durch die Fusion einen neuen Vertrag abschließen, ansonsten wird ihnen morgen oder übermorgen das TV, Telefon und Internet abgestellt wird."
  3. Deutschland reguliert jeden Blödsinn. Warum kann man nicht den KNBs vorschreiben, was die anzubieten haben als Mindeststandard. Man muss die Preise ja nicht vorschreiben, soll man auch nicht, aber wenn ich zu entscheiden hätte, müssten alle Kabelanbieter zumindest das, was Astra 1 ausstrahlt, 1:1 in die Netze nehmen und anbieten, natürlich auch Vermarktungsmöglichkeiten, aber dem Kunden dürfte nichts vorenthalten werden, nur weil er keine Sat-Schüssel aufstellen kann/darf/will. Aktuell kann man meiner Meinung nach nicht wirklich vergleichen und ist davon abhängig wo man wohnt. Und das kann doch irgendwie nicht sein.
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