„Die Ringe der Macht“: Ein durchwachsener Serienstart

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Galadriel Morfydd Clark
© Amazon Studios
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Die ersten beiden Episoden von „Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht“ sind endlich auf Prime Video gestartet. Nun muss sich die Amazon-Produktion beweisen und das nicht nur bei den eingesessenen Tolkien-Fans.

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Schon lange im Vorfeld und spätestens nach der Sichtung der ersten Trailer wurde bereits viel Kritik an der Amazon-Produktion geäußert. Sei es an den Charakteren und ihrer Optik, den vermeintlich nichtssagenden Dialogen oder der Überfrachtung der Serie mit CGI-Effekten. Zudem befürchteten nicht gerade wenige Tolkien-Liebhaber, dass Amazon mit „Die Ringe der Macht“ den reichhaltigen „Der Herr der Ringe“-Kosmos mit seiner vielschichtigen Hintergrundgeschichte verwässern oder gar leichtfertig im Sinne aktueller Seh- und Seriengewohnten umschreiben würde.

Doch hier und da kam im Zuge der Vorberichterstattung auch vorsichtige Hoffnung auf. Immerhin bietet Tolkiens berühmtes Fantasy-Universum dank seiner Tiefe und seines enormen Umfangs reichlich Stoff für erzählenswerte Geschichten, auch abseits der „Der Herr der Ringe“-Trilogie. Wer sich generell schon lange auf eine hochwertige Serie in Mittelerde gefreut hat, muss nach Sichtung der ersten beiden Episoden womöglich das ein oder andere Auge zudrücken, denn Gründe zur Kritik gibt es genug. Nichtsdestotrotz hat die Prime-Video-exklusive Serie auch so einiges Sehenswertes im Gepäck.

„Die Ringe der Macht“ startet mit einem zähen Prolog

Die erste Episode dient vor allem als Prolog und zur Einführung der handlungstragenden Charaktere und Orte. Wir erfahren in den ersten Minuten, dass der dunkle Herrscher Morgoth, Erzfeind der Elben und Erschaffer der bösartigen Orks, nach vielen Jahrhunderten des Leids von einem großen Heer aus dem Westen endlich besiegt und seiner Schreckensherrschaft in Mittelerde ein Ende gesetzt wurde. Doch Morgoths gefährlichster und mächtigster Diener versteckt sich immer noch hoch oben im kalten Norden: Sauron. Die junge Elben-Fürstin und Heerführerin Galadriel (Morfydd Clark) hat es sich zur Aufgabe gemacht, Sauron aufzuspüren und ihn endgültig zu vernichten. Doch mit ihrem Vorhaben steht sie nahezu alleine. Im Elben-Königreich Lindon stehen die Zeichen auf Frieden und niemand will weitere Opfer auf einer vermeintlich sinnlosen Suche verantworten. Selbst der noch junge Elrond (Robert Aramayo), Herold des Elbenkönigs in Lindon und langjähriger Freund Galadriels, will ihr Anliegen zu Beginn nicht unterstützen.

Zeitgleich blickt die erste Episode von „Die Ringe der Macht“ in die Südlande (das spätere Königreich Gondor), wo jene Menschen in bäuerlichen Verhältnissen leben, die einst von Morgoth verführt wurden und für ihn in die Schlacht gezogen sind. Aus diesem Grund werden sie nun immer noch von den Elben bewacht. Einer dieser Elben-Wächter ist der wortkarge Krieger Arondir (Ismael Cruz Cordova), dessen einzige Verbündete unter den Südmenschen die kräuterkundige und offenherzige Bronwyn (Nazanin Boniadi) zu sein scheint.

„Der Herr der Ringe“-Kenner bekommen einiges an Futter

Markella Kavenagh Nori Brandyfoot
©Amazon Studios – die neugierige und unerschütterliche Nori (rechts) aus dem Volk der Haarfüße macht im Dunkel der Nacht eine verwunderliche Entdeckung

Und irgendwo in einem lauschigen Wäldchen zwischen blühenden Feldern und plätschernden Bächen hüpft das kleine, verspielte Volk der Haarfüße umher: die Vorfahren der Hobbits. Sie verstecken sich die meiste Zeit im Dickicht der Bäume und gehen Gefahren, wo sie können, aus dem Weg. Die junge, heranwachsende Nori Brandyfuss (Markella Kavenagh) hat hingegen höhere Ambitionen, ist schrecklich neugierig und besitzt eine reichliche Portion Wagemut. Bald wird sie eine außergewöhnliche Entdeckung machen.

Auch die Zwerge spielen in „Die Ringe der Macht“ eine wichtige Rolle. Allen voran Prinz Durin IV (Owain Arthur) in der Gebirgsfestung Khazad-dûm, dem späteren Moria. Die Zwerge und Durin tauchen allerdings erst in der zweiten Episode auf. Diese geht tatsächlich auch mehr in die Vollen als die zähe Startfolge. Zumindest werden nun auch Ereignisketten losgetreten, welche für Kenner der Geschichte von Mittelerde viel Raum für prophetische Spekulationen eröffnen.

Schwafelnde Elben und drollige Haarfüße

Alles in allem hinterlassen die ersten beiden Folgen zunächst ein Gefühl der Skepsis. So einige der Kritikpunkte, die bereits im Vorfeld angeklungen sind, lassen sich jetzt bestätigen. Das betrifft vor allem die Dialoge. Besonders bei den Elben sind die Autoren von „Die Ringe der Macht“ scheinbar einem Fehlschluss erlegen: Die geheimnisvolle Aura des unsterblichen Volkes samt ihrer über Jahrhunderte gereiften Weisheit soll vor allem dadurch vermittelt werden, indem den edelmütigen Spitzohren permanent pseudokryptisch verschwurbelter, hochtrabender und damit meist inhaltsleerer Sermon in den Mund gelegt wird. Für viele der arg schwafeligen Dialoge gilt daher leider der enttäuschende Grundsatz: Überästhetisierung statt Substanz, Form statt Inhalt. Zudem entpuppt sich der Fantasy-Orchestral-Soundtrack als auffällig generisch.

Dagegen lässt sich der übermäßige Einsatz von CGI-Effekten und -Kulissen eher noch verkraften. Immerhin sind nicht selten wirklich stimmungsvolle Szenen und Umgebungen entstanden wie zum Beispiel die Zwergenstadt Khazad-dûm. Aber auch in diesem Punkt schlagen die Elben wieder einmal über die Strenge mit dem Sonnenuntergangskitsch ihrer Stadtpanoramen und ihrer Schnörkelarchitektur. Im Gegenzug überzeugen die Kulissen der Serie dann am meisten, wenn sie mit Liebe zum Detail von Hand gebaut wurden, wie das behagliche Walddörfchen der kleinwüchsigen Haarfüße. Das Volk der Halblinge wächst einem mit seinem liebenswerten und neckischen Charme schnell ans Herz.

„Die Ringe der Macht“ macht trotz klarer Schwächen Lust auf mehr

Mit dem Schauspielerensemble kann man generell zufrieden sein. Allesamt liefern unter den besagten Umständen eine gute Leistung, auch wenn sie die oft inhaltsleeren Dialoge kaum kaschieren können und das Drehbuch sich nicht immer einer glaubwürdigen Logik verpflichtet fühlt. In den ersten beiden Episoden wird zudem Vieles nur angedeutet und kaum Konkretes geliefert. Hier bleibt erst einmal zu hoffen, dass sich die Erzählung in den künftigen Folgen deutlich mehr verdichtet.

Und trotzdem dürften viele Zuschauer und nicht zuletzt die eingesessenen „Der Herr der Ringe“-Fans doch am Haken hängen. Denn so einige interessante Geheimnisse sollten in den kommenden Episoden noch gelüftet werden. Die Produktionswerte von „Die Ringe der Macht“ sind zudem unbestreitbar hochwertig. Der ästhetische Stil ist detailverliebt und hat seine charmanten Seiten, wenn er auch oft überfrachtet ist.

So bleibt nach der zähflüssigen ersten Folge ein durchwachsener Ersteindruck. Doch spätestens die wendungsreicherer und damit auch um einiges spannendere zweite Episode schürt so einige Erwartungen, im Rahmen derer eine verhaltene Vorfreue auf das Kommende durchaus gerechtfertigt ist.

Bildquelle:

  • Die Ringe der Macht Haarfüße: Amazon Studios
  • Die Ringe der Macht Galadriel: Amazon Studios
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