Fernsehen for Future: TV-Konsum in Krisenzeiten

Ein Kommentar von Richard W. Schaber

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© Richard W. Schaber
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Wenn Fitnessstudios, Schulen und Kirchen ihre Türen schließen, finden selbst TV-Verächter im Fernsehprogramm wichtige Lebensinhalte wieder: Die Senderlandschaft hat in Rekordzeit auf die Krisensignale reagiert und das Programm wird so zu Lehrer-Ersatz, Personal Trainer und spiritueller Anlaufstelle in Zeiten sozialer Isolation.

Wenn Marcel Reich-Ranicki das Hier und Heute nur miterleben könnte: Grimmig hatte der berühmte Literaturkritiker seinerzeit im Jahre 2008 den Deutschen Fernsehpreis abgelehnt und den versammelten TV-Machern die Leviten gelesen, dass selbst den gefasstesten Medien-Profis das eingefrorene Lächeln aus dem Gesicht fiel. Mit dem zeitgenössischen Trash-TV wollte der schlagfertige Literaturpapst sich nicht assoziiert wissen, in seinem Rundumschlag auf der Kölner Galabühne warf er den Programmverantwortlichen gröbste Verfehlungen auf ganzer Linie vor. Und wer den endlosen laufenden „Promi-Fleischwolf“ (herzlichen Dank, Oliver Kalkofe) und die voyeuristische Zurschaustellung der Abgründe prekärer Existenzen im Privatfernsehen in den vergangenen Jahren mitverfolgt hatte, musste Reich-Ranicki anhand der klaren Faktenlage in größten Teilen seiner Kritik zustimmen.

Entertainment ist nicht genug

Nun ergibt sich gerade krisenbedingt eine veränderte Gemengelage: Die täglichen Anlaufstellen für sportliche Aktivitäten, soziales Miteinander sowie Bildungs- und Kulturvermittlung mussten im Rahmen der Corona-Epidemie bis auf weiteres geschlossen werden – und Deutschland harrt ebenfalls geschlossen in den heimischen vier Wänden aus. Nach ein paar Stunden (oder Tagen) scham- und schonungsloser Netflix-Völlerei stellt sich jedoch so manchem dann doch die kritische Frage, ob ein reines Unterhaltungsprogramm den wesentlich diverseren Input eines echten gesellschaftlichen Lebens ersetzen kann. Kurz gesprochen: Nicht im Traum.

Die auf Massenbespaßung durch einen endlosen Strom an Unterhaltungsformaten ausgerichteten Streamingdienste haben sicher in Zeiten der häuslichen Isolation von Millionen Menschen auch Hochkonjunktur – doch erschöpft sich deren Leistungsangebot eben größtenteils in Entertainment-Angeboten ohne Aktualitätsbezug. Letztere führen sich viele auch gerne mal im Binge-Modus zu – an Sonntagen mit Nieselwetter oder krankgeschrieben auf der Couch. Doch irgendwann wollen die Allermeisten zurück in den Yoga-Kurs, das Fitnessstudio – oder eben auch in die Kirche. Und genau das geht derzeit nicht wirklich.

Deus ex Machina: Lineares Fernsehen

Hier werden die Anbieter linearer Fernsehprogramme nun zu unerwarteten Helden des Alltags, der so in seiner eigentlichen Form kaum noch zu existieren scheint: Bildungsangebote und pädagogisch wertvolle Kinderprogramme wurden im Kontext der bundesweiten Schulschließungen unverzüglich massiv ausgeweitet und ermöglichen neben reiner Ablenkung des Nachwuchses durch eine kostenlose Amazon-Kinderfilmbibliothek auch die Aufrechterhaltung einer Art Alltagsstruktur. An der mangelt es natürlich nicht nur den Kleinsten: Wer sonst durch seine festen Sporttermine in Gruppen und Vereinen zur körperlichen Ertüchtigung kam, muss sich jetzt ohne Gruppenzwang und Übungsleiter fit halten. Auch hier reagieren die TV-Sender prompt und selbst Pay-TV-Anbieter rufen kostenlos zugängliche lineare Programme ins Leben, die sich an der Bedarfslage der Bevölkerung orientieren.

Nicht nur für regelmäßige Besucher von Gottesdiensten oder anderen Zusammenkünften im Sinne des Seelenheils ergibt sich gerade auch ein erhöhter Bedarf an Trost, Zuversicht und Gemeinschaftsgefühl: Viele Deutsche blicken anhand der drohenden – oder schon jetzt einschneidenden – wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Epidemie in eine ungewisse Zukunft, die gerade neben akuten gesundheitlichen Sorgen viele Menschen zusätzlich verunsichert. So ergibt es nach anfänglicher Verwunderung durchaus Sinn, dass einem kleinen Programmhinweis auf die gestrige Übertragung des päpstlichen Segens bei DIGITAL FERNSEHEN auffällig großes Interesse zuteil wurde. Die überdurchschnittlich guten TV-Quoten für entsprechende Übertragungen in den vergangenen Tagen unterstreichen diese Beobachtung nur.

Dass neben der großen Nachfrage im Hinblick auf Bildungsinhalte, Sportprogramme und eben auch Gottesdienste auch das pädagogisch oder spirituell weniger wertvolle Format „Promis unter Palmen“ beim Publikum erstaunlich gut wegkam, würde in diesen Tagen wahrscheinlich sogar Marcel Reich-Ranicki verzeihen. Denn eins ist klar: Das immer wieder zum Auslaufmodell erklärte klassische lineare Fernsehen zeigt gerade, wie wichtig es doch sein kann – auch für die Zukunft.

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  • tv-gottesdienst: Richard W. Schaber

3 Kommentare im Forum

  1. Also ich frage mich schon was am TV Programm anders geworden ist. Wenn ich RTL und Konsorten sehen, haben die auch weiterhin nichts besseres oder neues im Programm. Ach ja das neue ist, das es Corona Comedy Shows gibt, wo Möchtegern Komödianten ihr dummes Zeug verzapfen, das der Zuschauer gelangweilt das weite sucht. Dann das Angebot an Filmen, ist auch das selbe wie sonst, immer die gleichen Filme und da wird man auch gelangweilt zur Fernbedienung greifen. Oder RTL's Quarantäne WG, ganze 3 mal wurde sie ausgestrahlt und dann schon wieder vom Äter geschmissen. Na was hat RTL den gedacht, das sich der Zuschauer diese WG jetzt bis zum Ende der Corona Krise Tag für Tag antut? Ne er ist nach dem dritten Mal nur noch geflüchtet und RTL hat dem zum Glück dann ganz schnell wieder ein Ende gebracht. Das was sich geändert bzw. neu im Fernsehen ist, sind die Corona Spezial Sendungen, die bei den ÖR's und den Privaten rauf und runter gesendet werden. Ob das aber das passende Sendungformat für die Langeweile und Abwechslung ist, wage ich dann doch zu bezweifeln. Dann zum Pay TV wo ich dann speziell sky ansprechen möchte. Komisch seit Jahren herrscht bei sky ein Senderabbau und dann kommt Corona uns plötzlich ist jeglicher Abbau nun irrelevant und selbst sky kommt dann plötzlich auch unerwartete Ideen, wie Aufschaltungen von Sendern. Plötzlich einigt man sich wieder mit Sendern, die man vor Jahren aus dem Senderportfolio geworfen hat, wieder darauf sie wieder ins Portfolio aufzunehmen. Zwei neue SD Sender für einen eingestellten HD Sender ist doch auch mal wieder was. Dann Pop Up Sender zu starten um den Kunden bei Laune zu halten, ist auch keine neue Idee. Doch mehr als Comedy bekommt man dann doch auch wieder nicht hin. Da kommen dann wieder die Möchtegern Komödianten die bei RTL mittlerweile ausgedient haben dann halt bei sky COMEDY HD wieder zu Wort. Aber alles in allem, hat sich an der TV Landschaft auch wieder nicht viel verändert, also kurz gesagt es bleibt alles beim alten, auch wenn und Medienunternehmen uns jetzt was von Neuerfindung des Fernsehprogramm verklickern wollen. Also in dem Sinne weiterhin gute Unterhaltung bei dem selben TV Mist wie sonst! Meine Begeisterung hält ich nach wie vor jedoch weiterhin in Grenzen! Alles gute für die Zukunft und bleibt bitte Gesund!
  2. Ich habe seit zwei Wochen Home Office, spare dadurch zwei Stunden Anreise pro Tag. Und seit einer Woche gilt in Bayern die Ausgangsbeschränkung. Fitnesstudio, Stadion, Essen gehen, Freunde treffen, Shoppen, Kino, Auto waschen und derartige Dinge fallen also flach. Überraschend habe ich nicht mehr ferngesehen als davor.
  3. Ich schaue durch die Corona Krise auch nicht mehr oder weniger TV. Ist in etwa gleichgeblieben. Dafür glüht meine PS4 mehr.
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