„Avatar 2: The Way of Water“: Starke Technik, ärgerlicher Film

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Jake Sully schaut in die Kamera
Foto: 2022 20th Century Studios. All Rights Reserved.
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James Cameron kehrt mit seinem 3D-Spektakel „Avatar: The Way of Water“ in die Welt von Pandora zurück. Neben technischem Blendwerk präsentiert er aber nur alte Kamellen.

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„Avatar: The Way of Water“ ist ein Eventfilm, von denen wenige im Jahr erscheinen. Ein Kassenschlager soll er werden, mit keinem anderen Vorhaben bahnt er sich den Weg in die Kinos. Jahrelang hat James Cameron an dieser Fortsetzung getüftelt, bis sie nun endlich das Licht der Welt erblickt. Mit Verbissenheit und Ehrgeiz platziert ein Regisseur sein Opus magnum in der Welt, das am Ende wenig Überraschendes birgt. Technikbegeisterte bekommen eine herausragende Effektdemonstration präsentiert. Was man dafür an erzählerischer Naivität und Diskursverdrossenheit über sich ergehen lassen muss, ist jedoch genauso ärgerlich geraten wie im Vorgängerwerk.

„Avatar“ war eine Revolution in Hollywood, ein Boom für das 3D-Kino. Cameron hatte technische Grenzen gesprengt. Inzwischen ist jedoch über eine Dekade vergangen, der 3D-Hype Geschichte und die kreativen Köpfe stehen vor einem Generationenkonflikt. Während sich viele Zuschauer nostalgisch an den Kinozauber erinnern, muss eine neue Generation erst noch für das Sci-Fi-Epos über die blauen Ureinwohner von Pandora begeistert werden. Insofern erstaunt wenig, dass sich diese Fortsetzung so kalkuliert und behäbig an einem Weitererzählen versucht und doch nur in Wiederholungen verharrt.

„Avatar: The Way of Water“ ist eine Variation des Vorgängers

Das ökologisch-nachhaltige Bewusstsein von „Avatar: The Way of Water“ reicht gerade so weit, den eigenen Vorgängerfilm noch einmal zu recyceln. Nur der Schauplatz hat sich ein wenig verändert. Vom dichten Wald geht es hinaus auf hohe See. Mit simplen Kniffen werden Tatsachen geschaffen, die die eigene Welt auf einen neuen Nullpunkt zurückzusetzen. Vom rassistisch besetzten „Pocahontas“-Mythos hat man sich zwar entfernt, der Grundkonflikt und zentrale Motive sind jedoch weitgehend gleichgeblieben.

Jake Sully (Sam Worthington) und die Na’vi-Prinzessin Neytiri (Zoe Saldana) haben nach dem Zurückdrängen der gewalttätigen Menschen und Jakes Körpertausch eine Familie gegründet. Und weil „Avatar 2“ in Zyklen denkt, kehren die menschlichen Eroberer nun einfach zurück, inklusive des bekannten Bösewichts (Stephen Lang) aus Teil 1. Dessen Gedankenwelt wurde digital gespeichert und in einen Avatar gepflanzt. Tod, Leben, Prothese und Cyberspace verschwimmen auf immer kuriosere Weise. Nun sinnt er auf Rache und die Na‘vi müssen einmal mehr für den Erhalt ihrer Zivilisation und Lebensgrundlagen kämpfen.

Na'vi auf einem Wal
Foto: 2022 20th Century Studios. All Rights Reserved.

Die Welt von Pandora wächst

Neu ist höchstens die Auseinandersetzung mit der Heimat, die „Avatar: The Way of Water“ anklingen lässt. Jake Sully und seine Familie müssen ihren Stamm verlassen. Bei einem Ozeanvolk suchen sie als Geflüchtete Unterschlupf, wo sich die zweite Hälfte des 192 Minuten langen Films entspinnt. James Cameron wechselt damit in die Suggestion eines Open-World-Spiels. Pandora sprengt sich auf, wird erkundbar. Man fliegt über Meere, Berge und Wälder und doch ist alles ganz klar fokussiert und abgesteckt. Geopolitische Dimensionen werden auf die Migrationserfahrung der geheiligten Kernfamilie verengt.

Heimat umfasst eine Vielzahl sozialer Handlungs- und Verhaltensweisen, aber auch Projektionen der eigenen Biographie. „Avatar 2“ koppelt seine Figuren an das Gedächtnis der Welt. Im Erdgeist Eywa schaffen sie sich Erinnerungs- und Fantasieräume. Der Film weiß um solche Verstrickungen und hinkt doch hinterher, wenn es darum geht, ein anderes Miteinander abzubilden. Integration und Inklusion meinen hier wieder nur die Anpassung einer Minderheit an die Lebensweise der Mehrheitsgesellschaft. „Avatar“ und „Black Panther: Wakanda Forever“ reichen sich in ihrem schrägen Verständnis kultureller Einheiten die Hand. Wichtig ist nur, dass die Lieben dabei sind.

Letztendlich verkommen solche Denkansätze ohnehin nur zu Randnotizen in überbordendem Technik-Theater. An einer differenzierten Auseinandersetzung ist es nicht interessiert. Auch der zweite „Avatar“ wurde am Reißbrett entworfen, gebaut um das Spektakel der Digitalität. In der Tat: „Avatar: The Way of Water“ ist phänomenal getrickst. Cameron weiß, wie man jenes Spektakel auf der Leinwand zusammenhält, da macht ihm niemand etwas vor. Die Animationen von Elementen, Gesichtern, Texturen, Landschaften stoßen in nie dagewesene Detailgrade vor. Wechselnde Bildraten und der ausgefeilte 3D-Effekt tun ihr Übriges, um das Publikum in sich einzusaugen. Aber wozu das alles?

Foto: 2022 20th Century Studios. All Rights Reserved.

Prachtvolle Landschaften, hübsches Getier

„Avatar 2“ ist nicht viel mehr als technisches Wettrüsten, das Muskelprotzen eines Studiogiganten. Es hebt sich durch seinen enormen Produktions- und Schauwert vom Gros anderer Blockbuster ab, zergeht aber ebenso in bloßer Formelhaftigkeit. Dreidimensionale Bildwelten suggerieren dort Tiefe, wo es in Wirklichkeit nur um flache Oberflächen und verdauliches Entertainment geht. „Oh“ und „Ah“ fordern all die virtuos animierten Eindrücke und doch hat man am Ende dieses Dreistünders Mühe, sich überhaupt an einzelne Bilder zu erinnern. Jede Szene strebt ins Kolossale und Gigantische, bis die Aufnahmen austauschbar, künstlich und kalt erscheinen. Was zählt, ist allein ihre Grafik.

Es gibt ganze Passagen, in denen sich die Unterwasser-Trips von „Avatar: The Way of Water“ einer Naturdoku angleichen. Gebräuche werden da erlernt, Tiere und Gewächse betrachtet. Man kennt das alles aus dem ersten Teil. Es grenzt an Dreistigkeit, dass Cameron dasselbe Programm noch einmal so geduldig abspult. Solche Dokumentationen stillen schon im Fernsehen und Streaming in erster Linie Sehnsüchte nach natürlichen Wundern, die man sich kulturell ausgetrieben oder unterworfen hat. Ähnlich verhält es sich mit den Bildern von „Avatar“. Sie wollen mit phosphoreszierenden, irrlichternden Phänomenen und exotischem Getier gefallen. Digitale Meeresbewohner hüpfen aus der See und springen über Köpfe – so schön wie seit „Free Willy“ nicht mehr.

Foto: 2022 20th Century Studios. All Rights reserved.

Die Ökobotschaft hinkt der Zeit hinterher

Während Cameron simple Binsen zur metaphysischen Eingebung aufbläst („Der Weg des Wassers hat keinen Anfang und kein Ende.“), kann man über seine erneut formulierte Raubbau-Kritik indes nur müde lächeln. Landschaften werden abgebrannt, Tiere getötet, um ein lebensverlängerndes Elixier zu bergen. Zeitlos und relevant mag dieses Themenfeld sein und doch hinkt es der Gegenwart kraftlos hinterher. Seine Mahnung ist so banal gestrickt, dass wohl selbst der größte Klimawandel-Leugner am Ende begeistert klatschen kann, ohne sich mit eigenem Verhalten, Konzernmächten oder tagespolitischen Missständen befassen zu müssen.

Dass Umweltzerstörung bereits in ganz alltäglichen, harmlos anmutenden Lebenswirklichkeiten, Konsumpraktiken, in der DNA kapitalistischer Wirtschaft selbst verankert ist – da verschließt „Avatar“ auch im Jahr 2022 die Augen. Also dort, wo es ungemütlich und schwierig wird. Ihm genügen lediglich affizierende Extrembilder, die er mit etwas spirituellem Gesäusel und Kitschbildern von leuchtenden Fischen und anderen Organismen belädt. Man blickt einmal mit großen Augen auf schillernde Formen und Farben, erschreckt sich über ihr brutales Verglühen. Im Anschluss kann man wieder nach Hause fahren und sich unbeirrt weiter über die „Klimaterroristen“ der Letzten Generation echauffieren.

Foto: 2022 20th Century Studios. All Rights Reserved.

„Avatar 2“ macht Umweltkrisen konsumierbar

„Avatar 2“ erzählt schlussendlich vom Hässlichen, verabscheut dieses aber als künstlerisches Verfahren. Eroberer fallen in „Avatar 2“ als außerirdische Lichtstrahlen vom Himmel. Ihre Raumschiffe verschlingen bei der Landung ganze Wälder in aufgetürmten, glühenden Feuerwalzen. Ökokollaps als anmutiges Naturschauspiel. Es gibt hervorragende, kluge wie sinnliche Filme über Umweltausbeutung. Einer davon ist „Leviathan“ von Véréna Paravel und Lucien Castaing-Taylor, der sich im wahrsten Sinne hautnah in die Abgründe des Fischfangs begibt – thematisch verwandt mit „Avatar“! In Netzen, Abfallkübeln, Tierresten und schäumenden Wellen treibt er umher und atmet den Gestank von Fäulnis und Tod. Immersiver, verstörender, enigmatischer, letztlich visionärer als es „Avatar“ in seiner Gefälligkeit je sein könnte.

„The Way of Water“ macht Missstände in seiner Form allein konsumierbar. Nicht einen anregenden Gedanken findet er in dem ganzen Spektakel. Während die Erde vor die Hunde geht, bleiben zumindest das Staunen über den Sehnsuchtsort Pandora und das Beweinen des angeknacksten familiären Zusammenhalts. Weltflucht muss nicht automatisch etwas Schlechtes sein. Problematisch wird sie nur, wenn sie sich mit einer aufgesetzten Moralkeule zu schmücken und rechtfertigen versucht. Würde man „Avatars“ fadenscheinig zusammengebautes Plädoyer für Ressourcenschonung und Naturkult beim Wort nehmen, könnte man mit der Frage beginnen, welche Ressourcen allein für die jahrelange Arbeit an diesem Franchise verbraucht wurden.   

„Avatar: The Way of Water“ läuft ab dem 14. Dezember im Verleih der Walt Disney Company in den Kinos.

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83 Kommentare im Forum

  1. Ich finde das reichlich Kritik auf hohem Niveau. Ich freue mich auf den Film. Was erwartet man denn? Der Film ist Unterhaltung und Abtauchen in eine andere Welt. Er hat keine politische Aufgabe und soll nicht die Probleme dieser Welt lösen. Und James Cameron wird schon was Tolles fabriziert haben. Ich denke, im Frühjahr kann man ihn bei Disney plus bewundern.
  2. Ins Kino geh ich nicht, aber die Effekte müssen grandios sein. Ich warte bis er im TV zu bewundern ist. Ich brauche auch beim Betrachten von Filmen nicht immer die politische Korrektheit bzw. die Botschaft welche verkündet werden muss. Daher ist die Kritik "ärgerlicher Film" für mich überzogen.
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