Der Optimismus eines Unfalls: „Weißes Rauschen“ mit Adam Driver

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Adam Driver und Familie
Foto: WILSON WEBB/NETFLIX © 2022
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Noah Baumbach („Marriage Story“) hat den Roman von Don DeLillo verfilmt: Am Mittwochabend eröffnete die Netflix-Satire „Weißes Rauschen“ (Original: „White Noise“) die 79. Filmfestspiele von Venedig.

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Mit einer Montage von Autounfällen beginnt Noah Baumbachs neuer Film. Dazu wird philosophiert: von säkularem Optimismus, der Euphorie zusammenprallenden Metalls. Man muss nur über Gewalt und Tod hinwegsehen können. Unfälle als Kinderspiel, verbindender Topos westlicher Konsumgesellschaften und perfides Entertainment. Das Auto als Fetisch von Eros und Thanatos. Man kennt das in Abwandlungen schon aus David Cronenbergs „Crash“, in der Autounfälle zur Triebbefriedigung dienen. Oder aus Julia Ducournaus letztjährigem Cannes-Gewinner „Titane„, in dem eine Serienkillerin nach einem Unfall sexuelle Gelüste für Fahrzeuge entwickelt.

Noah Baumbachs „Weißes Rauschen“ hat mit dem Unfall-Motiv seinen Dreh- und Angelpunkt gefunden. Als Unterhaltung im Fernsehen, die man mit der Familie im heimischen Wohnzimmer verfolgt. Aber auch als fatale Katastrophe, die den schrägen Alltag des von Adam Driver und Greta Gerwig gespielten Patchwork-Paares Jack und Babette aus der gewohnten Ordnung reißt. Bei dem Zusammenstoß eines Lasters mit einem Zug in der Gegend kommt es zur Umweltverseuchung. Wie Blut aus einer Wunde rinnt dunkelrote, giftige Flüssigkeit aus den Tanks, um sich in Feuer und Rauch zu verwandeln. Eine Wolke schwebt bedrohlich über der Zivilisation, um für Angst und Panik zu sorgen. Nach „Nope“ der nächste Wolkenfilm, wieder eine neue Bedeutungsebene.

Szenenfoto: Gespräch am Tisch
Foto: WILSON WEBB/NETFLIX © 2022

Vorsicht vor dem Wasserfall

Auf der Flucht vor dem Chaos kommt es zu einem ganz großartigen Moment: Die Familie stürzt mit dem Auto in einen Fluss und muss sich an Felsen vorbeimanövrieren, um wieder festes Land zu erreichen. Adam Driver, der wie Klaus Kinski in „Fitzcarraldo“ auf dem Kahn durch die Stromschnellen driftet. Die letzte Familienfestung schwächelt, verloren im dahinfließenden Gewässer. Von solchen dichten Momenten gibt es viel zu wenige in Baumbachs Film. „Weißes Rauschen“ ist bedeutend schwächer geraten als sein letztes Werk, das Ehekriegsdrama „Marriage Story“, ebenfalls bei Netflix erschienen. Dabei bietet dieser Stoff so spannende Möglichkeiten der Vergegenwärtigung, man möchte das Wort Corona noch nicht einmal in den Mund nehmen. Allein die Streaming-Heimat des Films böte genügend Anlass für Ecken und Kanten. Doch Baumbach setzt auf Altbekanntes.

Alles ist da, was das Herz begehrt, in der Konsumhölle, in der Jack und Babette leben. Baumbach zeigt eine Welt, in der der Einkauf im Supermarkt quasi den Gang zur heiligen Messe ersetzt. In der Produkte den Sinn des Lebens und Beipackzettel Lektüre für intensives Studieren bilden. Im Anschluss plappert und schwadroniert man gemeinsam. Einer weiß mehr als der andere, alle wissen nichts. Familie ist die Wiege der Fehlinformation, weiß Adam Drivers Figur. Jack ist als Hitler-Forscher aktiv, nur an Deutschkenntnissen fehlt es ihm. Die Lust am Bösen, an diktatorischen, emporragenden Gestalten und Stars wird da als Faszinosum bürgerlicher Leere ausgebreitet. Hitler und Elvis, Gewalt, Terror und Popkultur überlagern Baumbachs Montagen, in die sich die Katastrophe schiebt.

Adam Driver am Lenkrad
Foto: WILSON WEBB/NETFLIX © 2022

Konsum, um das Sterben zu verdrängen

Die Angst vor dem Tod ist es, die die Konsumhölle Alltag noch nicht beseitigen konnte. Sie kann sie in TV-Unterhaltung verwandeln, aber nicht abwenden. Wie die Furcht unbehaglich in den Alltag dringt, das beschwört Noah Baumbach in einigen waschechten, atmosphärisch dichten Horrorfilmsequenzen. Die Droge Dylar soll nun alle Furcht beseitigen. Greta Gerwigs Figur ist ihr bereits verfallen. Und wieder wird konsumiert. Lars Eidinger mimt den Dealer, der ihr das Zeug besorgt hat – seine Paraderolle als Irrer. Irgendwann wird Adam Drivers Figur ihn aufspüren. Es ist einer der wenigen echten Spannungsmomente in diesem etwas konfus zusammengesetzten Film, der sich bis dahin allzu zerfasert präsentiert.

Don DeLillo hat „Weißes Rauschen“ in den 1980er-Jahren verfasst. Sein Roman ist sicherlich noch immer aktuell, lesenswert, war in mancherlei Hinsicht prophetisch. Doch Noah Baumbach fällt insgesamt wenig ein, dieser Konsum-Satire noch mit frisch erscheinenden Mitteln zu begegnen. Das Heilige des Einkaufens und Anhäufens von Produkten, das Zerstören der bürgerlichen Haushalte, das kennt man in Perfektion von den Großen, von Godard oder Haneke etwa. Baumbach zählt nicht zu ihnen.

Adam Driver und Familie im Supermarkt
Foto: WILSON WEBB/NETFLIX © 2022

Eine Verneigung vor der Romanvorlage

Mit tanzenden Menschen im Supermarkt, wie sie der Regisseur zum Schluss auftreten lässt, ist diesem Themenbereich im Jahr 2022 nicht mehr viel Aufregendes, Bissiges abzugewinnen. Baumbach adaptiert „Weißes Rauschen“ vorlagengetreu im 80s-Setting, eng an der Vorlage. Produktionstechnisch spürbar aufwendig, aber abgestanden in seiner Sozialkritik, die er mit einer Inbrunst und Freude herausposaunt, als wäre er auf unentdecktes Gold gestoßen. Blind für Entwicklungen, die die Schrecknisse, Absurditäten und Melancholien von DeLillos Roman längst überholt haben. Ängstlich, eine eigene Vision weiterzuspinnen, sich den Stoff anzueignen, statt ihn nur zu bebildern. Eine Verneigung vor DeLillo, ein durchwachsener Film.

Baumbach hat den Kern der Vorlage spürbar durchdrungen, zweifellos. Doch die Feinheiten und audiovisuellen Ausformulierungen bergen wenig Reizvolles. Dafür hadert er viel zu sehr mit den irritierenden Tönen, die die Vorlage anschlägt. Überzeichnet, wo es nichts zu überzeichnen gibt. Ignoriert, was laut brüllend auf sich aufmerksam macht. Für ein echtes Gefühl für die hohlen Routinen, die der Roman schildert, bietet seine Verfilmung kaum Platz in ihren erzählerischen Raffungen. Wenn gefühlt wird, dann immer in Superlativen. Nervös, aufgeregt, in Teilen lächerlich und unfreiwillig komisch ist dieser Film. Schon klar, es ist eine Farce, die sich da abspielt, die wir uns gesellschaftlich konstruiert haben. Baumbach stellt diese Sichtweise noch einmal plakativ aus. Er inszeniert DeLillo und dessen Familienszenario als Hollywood-Melodram und groteske Kino-Sitcom zugleich. Nur auf Lacher wartet man vergeblich.

„Weißes Rauschen“ feiert seine Weltpremiere im Rahmen der 79. Internationalen Filmfestspiele von Venedig. Der Streaming-Start des Films bei Netflix ist für den 30. Dezember 2022 angesetzt. DIGITAL FERNSEHEN berichtet vom 31. August bis 11. September aus Venedig.

Bildquelle:

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