Die Kinostarts der Woche: Nicolas Cage dreht völlig frei

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@ Komplizen Film/ LEONINE/ Spicefilm
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In den deutschen Kinos starten diese Woche unter anderem die Nicolas-Cage-Actionkomödie „Massive Talent“, die AfD-Doku „Eine deutsche Partei“ und die Romanze „AEIOU“ mit Sophie Rois.

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Massive Talent

Die Falle, die „Massive Talent“ seinem Publikum stellt, ist durchaus geschickt gewählt. Schon im Vorfeld wurde beworben, Nicolas Cage würde sich in diesem Film selbst spielen. Und das tut er ja auch gewissermaßen und tut es doch nicht. Seine Figur heißt Nicolas Cage, ist Hollywoodstar, hat in den Filmen mitgespielt, die Nic Cage auch im echten Leben Teil seines Schaffens nennen kann. Doch selbstverständlich geht man dem Film ins Netz, wenn man Cages Darstellung mit seiner Privatperson zusammendenken würde. Denn es ist ja nur das Internet-Meme Nicolas Cage, das uns da auf der Leinwand präsentiert wird.

Ein Schauspieler, der in seiner Karriere Arthouse wie kommerzielles Blockbusterkino bedient hat. Der Andächtiges, Grübelndes, Sensibles wie ebenso Schrilles, Wahnsinniges zu spielen weiß, oftmals im selben Moment. Und genau diese fragilen Gleichzeitigen im Spiel zeigt Cage auch in „Massive Talent“: als Selbstherrlicher, Überforderter, als Actionheld und gescheiterter Familienvater, als gespaltene Star-Persona, die mit ihrem hysterischen alter ego Zwiegespräche füllt.

Nicolas Cage (Nicolas Cage) befindet sich dabei in einer privaten und beruflichen Krise, die ihn in die Welt eines Geschäftsmannes und Superfans (Pedro Pascal) führt. Während Cage vom CIA angeheuert wird, um an einer Undercover-Mission teilzunehmen, finden beide Männer zueinander, unter anderem über ihre entflammte Liebe zu dem Familienfilm „Paddington“, der wiederum selbst längst zum ewigen Meme geworden ist und jüngst mit der Königin von England speisen durfte. Ohnehin präsentiert sich „Massive Talent“ zuvorderst als reines Metakino, das Zitate aufgreift, um wiederum neue zu produzieren, das ohnehin seine eigene Produktion immer wieder ausstellt und mit Augenzwinkern versieht. Umso merkwürdiger erscheint, wie sich Tom Gormicans Film irgendwann in recht klassische Buddykomödien-Gefilde mit Action-Einschlag verbeißt.

Da sind ja interessante Fragen nach dem öffentlichen Auftreten, der Relevanz eines Stars. Vielleicht könnte man „Massive Talent“ als Anlass nehmen, um die Hollywood-Bubble platzen zu lassen, die hier vergangenen Glanzzeiten nachtrauert und womöglich längst von den Stars der Internetkulturen abgelöst wurde. Auf das Digitale, die medienübergreifende Weiterverarbeitung schielt dieser Film schließlich offensichtlich. Doch die Dekonstruktion seiner selbst geht noch nicht weit, sie weiß allein, ihre Fiktion zu zerbrechen, um sie zum Schluss wieder zusammenzusetzen. Wie ein mehrbödiger Zaubertrick erscheint „Massive Talent“ – ohne verblüffende Pointe.

AEIOU – Das schnelle Alphabet der Liebe

Ein so eigenwilliger Film aus Deutschland, wie ihn Nicolette Krebitz gedreht hat, ist immer ein Grund zur Freude. Nach „Wild“ hat sich die Autorenfilmerin ein weiteres Mal einer vermeintlich grenzüberschreitenden Liebe gewidmet. Damals war es die Beziehung zwischen Frau und Wolf, dieses Mal zwischen betagter Frau und minderjährigem Mann. Und sie hat erstaunlicherweise gar nichts Sensationelles oder Anrüchiges, diese Liebe mit Altersgefälle. Dafür ist das unkonventionelle Duo viel zu charismatisch: Die ältere Schauspielerin Anna (Sophie Rois), die früher im Fernsehen zur Brandrede gegen den Sexismus zweier Moderatoren ausgeholt hat, die sich jetzt ausgerechnet in den jungen Dieb ihrer Handtasche verliebt, dem sie Sprechunterricht für eine Theateraufführung geben soll. Und irgendwo im Haus lauert Udo Kier, der Tausendsasa, dem Krebitz ebenfalls unvergessliche Auftritte beschert.

Man weiß oftmals gar nicht, wie das alles gemeint ist in „AEIOU“, der dieses Jahr Premiere auf der Berlinale feierte. Ob es unfreiwillige oder freiwillige Komik, Ernsthaftigkeit oder humorvolle Parodie ist. Nicolette Krebitz gelingt ein Zustand der Verunsicherung, der die an sich etwas abgegriffene Liebesgeschichte mit anderen Augen sehen lässt. Peinlichkeiten, Künstlichkeit, gestelztes Spiel und dann wieder ein empathisches Versenken in die Charaktere und ihre Befindlichkeiten zerfließen so schnell, dass man nicht mehr zwischen Irritation und Faszination unterscheiden kann.

Vielleicht geht nicht alles auf in diesem Film, vielleicht entwickeln viele Momente nicht die Schlagkraft, die sie womöglich gern hätten, aber sie versucht etwas, diese Regisseurin, etwas einzigartig Befremdliches in der deutschen Filmlandschaft. Der Untertitel „Das schnelle Alphabet“ der Liebe muss wörtlich genommen werden: als Suchen einer neuen Erzählform für amouröses Kino, um all die widersprüchlichen Empfindungen des Miteinanders ebenso widersprüchlich bündeln zu können.

Eine deutsche Partei

Simon Brückner hat zwischen 2019 und 2021 Politiker und Nahestehende der „Alternative für Deutschland“ begleitet, gedreht wurde im Zweierteam. Gleich zu Beginn filmt er während eines Meetings. Prüfende Blicke werden in die Kamera und zum Publikum geworfen. Soll man sich wirklich bei allem filmen lassen? Sollen nicht gewisse Debatten und Entscheidungen vor der Öffentlichkeit verborgen bleiben? Was soll es, 2022/23, wenn der Film erscheint, wird das alles eh keine Rolle mehr spielen, wird da sinngemäß in die Kamera gesprochen. Falsch gedacht! Es ist nur einer von vielen Momenten, in denen sich dieser erhellende Dokumentarfilm zur Realsatire aufschwingt, die sich kein Drehbuchautor gewitzter und erschreckender ausdenken könnte.

Eine deutsche Partei“ ist kein Film, der noch einmal alte Litaneien aufsagt, was Menschen in rechte Gefilde rutschen lässt. Ebenso wenig amüsiert er sich über gewisse Gestalten, so abstrus ihre Aussagen auch sein mögen. Stattdessen liegt ihm daran, eine adäquate wie nüchterne filmische Form zu finden, ein rissiges Mosaik für eine Parteipolitik zu entwerfen, die von permanenten Widersprüchen, gedanklichen Schleifen und Richtungskämpfen geprägt ist. Sechs Kapitel zeigt Simon Brückner, jedes davon besteht noch einmal aus zahlreichen kleinen Fragmenten, die das Unabgeschlossene und Konkurrierende suchen.

Es stimmt, das ist kein Werk, das einen die AfD noch einmal grundlegend mit neuen Augen sehen lässt, aber das eine Möglichkeit findet, ihre Trugschlüsse, Phrasen und Kalkulationen in ein ebenso verzweigtes wie fragiles Zeitdokument zu verwandeln. Das in seinen Anhäufungen von Eindrücken provoziert, Kritik in seiner Auswahl der Bilder übt, ohne selbst aggressive Töne anzuschlagen.

Weitere Kinostarts am 16. Juni 2022

  • Lightyear
  • Die Geschichte der Menschheit – leicht gekürzt
  • Zwischen uns
  • Schmetterlinge im Ohr
  • Dark Glasses
  • Press Play and Love Again
  • Nordlicht
  • Das Piano (Wiederaufführung)
  • Stand up!

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2 Kommentare im Forum

  1. Nicolas Cage mag ich, weil ich ihn als talentierten Schauspieler schätze. Er reiht sich in die Reihe von Morgan Freeman und Samuel L. Jackson ein, die hervorragende Schauspieler sind, einige herausragende Film gedreht haben (z.B. "Bringing Out the Dead"), aber leider auch dem Geld hinterher gerannt sind und so manchen Schrott (z.B. "Wicker Man", "Ghost Rider") gedreht haben. Ein ganz klein wenig erinnert mich die Story von "Massive Talent" an "Being John Malkovich". Ob Nicolas Cage mit seiner Selbstinszenierung dabei mithalten kann? Laut IMDB (7,1) und RT (86%/87%) ja. Ich in gespannt und werde mir den Streifen ansehen. Nur nicht gleich im großen Anfangsgedränge.
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