Alm-Horror „Luzifer“: Wenn Glaube zu Wahnsinn wird

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Peter Brunner hat mit „Luzifer“ einen furchtbar intensiven Horror-Trip über Natur und Religion auf die Leinwand gebracht.

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Ein Schlund hat sich im Gestein aufgetan. Vielleicht hat der Herrgott eine Spur in den Bergen hinterlassen. Vielleicht haust dort oben der Leibhaftige und führt die riesige Öffnung direkt in die Hölle. Selbst eine sexuelle Konnotation weiß Peter Brunners Naturbetrachtung irgendwann der rätselhaften Gesteinsformation abzugewinnen, die zu sägenden, dissonanten Tönen die schaurige Welt dieses Horrorfilms eröffnet.

Hier jagen Tiere, wabern Nebelschleier durch die Kälte, überziehen riesige Wurzeln die Böden wie vertrocknete Adern. Und der Mensch hat sich dort eingerichtet, um Buße zu tun. Gleich in den ersten Einstellungen von „Luzifer“ bohrt sich die Künstlerin und Pastorin Susanne Jensen ein spitzes Metallgestell beim Gebet in den Rücken. Plötzlich klafft da ein Loch im Fleisch und die Höhle oben in den Bergen hat ihr menschliches Ebenbild gefunden.

Jensen verkörpert in diesem beeindruckenden Horrordrama Maria, eine Frau, die nach einer Reihe von Schicksalsschlägen zum Glaube gefunden hat und nun mit ihrem Sohn Johannes, gespielt von Franz Rogowski, in einer Almhütte lebt, um ihrem Gott ein Stück näher sein zu können. Rogowski tritt dabei als Kaspar-Hauser-Figur auf, als Kind im Körper eines Erwachsenen, in seiner eigenen Welt, experimentierend, den Tieren zugeneigt. Auch er wird von der fanatischen Mutter im strengen Glaubenskorsett festgehalten und isoliert, bis es zur Katastrophe kommt. So porträtiert Peter Brunners Film einen Familienalltag zwischen Selbstkasteiung, sexuellen Anbandelungen und Naturkult, der irritierender kaum auf der Leinwand erscheinen könnte.

Archaische Glaubenswelt

„Luzifer“ irrlichtert, dröhnt und martert sich durch 100 Minuten Laufzeit, wie ein unbequemer Rauschzustand, der die Sinne vernebelt. Das ist ein Horrorfilm, dem das Kunststück gelingt, für seine Dauer das Publikum neu sehen und hören zu lassen. Dessen Schrecken in einem Befremden lauert, das sich mit jeder Filmminute steigert, während es längst in eine Gewalteskapade gekippt ist, deren Abgründigkeit bloßes Rätsel bleiben darf. Brunner hat damit zunächst einmal ein Werk geschaffen, das sich in eine Archaik hineinbewegt, welche mit den entblößten und versehrten, mit Landschaften verschmelzenden Körpern, den Übergriffigkeiten und obskuren Ritualen zwischen christlicher Passion, Exorzismus und Schamanismus an sich bereits als Sensationserfahrung dienen muss.

Das rückt „Luzifer“ nicht nur in eine Nähe zu Folk-Horror-Geschichten wie „The Witch“ oder „Hagazussa“, mit denen der Film bislang gerne verglichen wurde, sondern etwa auch eines ganz aktuellen Ur-Spektakels wie „The Northman“. Was Peter Brunners Werk jedoch unterscheidet und abhebt ist einerseits, dass er seinem Publikum wesentlich mehr zumutet, sowohl inhaltlich als auch formal. Andererseits hat er nicht einfach einen Film gedreht, der seine Ursprünglichkeit und hermetisch abgeriegelte Welt mit all ihren fremden Praktiken ausschlachten und sich an ihren Trieben aufreizen würde. Stattdessen hat er verstanden, dass er dafür gewohnte Wahrnehmungsweisen selbst aufgeben, den Eigensinn zum künstlerischen Prinzip erheben muss, um zu einem elementaren Reflektieren bewegen zu können.

Zwischen allen Welten

Brunners „Luzifer“ präsentiert sich als Horrorkino, dessen Zeit- und Raumstruktur sich im permanenten Einsturz befindet, als Kakophonie aus widersprüchlichen Bildern und nervenzerrenden Klängen. Mit menschlichen Äußerungen, die wieder zum Ur-Laut oder zu stakkatoartigen Wortketten werden, sofern sie nicht längst von Umgebungsgeräuschen übertönt werden, in denen Tiere, Gewächse, Materialien ihren ganz eigenen Rhythmus kreieren.

Mit Sexualität, die kreatürlich wird und keine moralischen Grenzen mehr kennt. Mit Invasionen von außen in diesen Mikrokosmos, die als audiovisuelle Schockeffekte die Montage durchkreuzen. Brunner hat eine filmische Form für eine Lebenserfahrung gefunden, die zwischen Natur und Kultur, Zivilisation und Barbarei, Isolation und Gemeinschaft schlicht hängengeblieben ist. In der noch alles möglich scheint und zugleich jeder Schritt Wahn und Verdammnis geweiht ist, weil der Glaube den Nährboden für das Grauenvolle bereitet.

Ein besessener Film

Die suggestiven Bilderfolgen und Schreckensvisionen von „Luzifer“ lassen sich rational kaum noch erklären. Man kann nicht einmal sagen, wie sie sich zu diesem fragil geschilderten Kosmos verhalten, woher sie stammen, aus Gegenwart, Zukunft oder Vergangenheit. Ein regelrecht besessener Film ist das geworden, der von Eindrücken eines Jenseitigen heimgesucht ist, für dessen Erklärung und Erkundung die Zeit noch nicht gekommen scheint, vielleicht besser nie kommen sollte.

Brunner ist mit „Luzifer“ ein fulminanter Beitrag zum Horror-Genre gelungen, dem noch etwas Widerborstiges, Sprödes innewohnt, ein Unbehagen angesichts dessen, was sich mit seinen taktilen, sinnlichen Affektbildern gleichermaßen so radikal und verstörend in das Gedächtnis des Publikums einfrisst und sich zugleich so kryptisch verschließt. Am Ende steht ein Exorzismus, der angeblich an wahre Ereignisse angelehnt sein soll und wie es ihn in einem Horrorfilm womöglich noch nicht zu sehen gab. In einer grotesken Tortur verschränken sich gleichermaßen die imaginierte göttliche, böse und die profane menschliche Ebene in einer fatalen Kettenreaktion.

Die Moderne greift an

„Wo ist der Teufel?“, heißt es immer wieder in „Luzifer“. Aus Sicht des religiösen Wahns und der fanatischen Naturverehrung ist der Teufel schnell ausgemacht. Er kündigt sich akustisch an: Drohnen schweben plötzlich über der Alm, Bäume werden gefällt. Die moderne Welt drängt in die Paralleldimension von Maria und Johannes. Ein Ski-Ressort soll in der Gegend errichtet werden, weshalb man die beiden nun vertreiben will. Eine simple Moral findet Brunner in diesem beleuchteten Raubbau an der Natur jedoch keineswegs.

Die esoterische, spirituell deutende Auslieferung gegenüber der Natur, auch der Natur des Menschen, wie sie das Mutter-Sohn-Gespann als Gegenentwurf pflegt, erscheint in diesem verrätselten Schauerstück nur als weiterer Abgrund, der nichts als Vernichtungstrieb mit sich bringt. Brunner bewegt sich dabei immer wieder gefährlich nah an die Grenze des Pathologisierens, des psychologischen Auserzählens und Determinierens, aber schafft dennoch die konsequente, provokative Zersetzung seiner inneren Logiken, die mit dem Verschwimmen all dieser Feindbilder im Innen und Außen unweigerlich eintreten muss.

„Luzifer“ stellt vor dem Hintergrund zeitgenössischer Umweltdiskurse ein Werk der Überforderung dar, eines das im schier unlösbar erscheinenden Konflikt sein Grauen beschwört. Seine Überlegungen pendeln zwischen Extremen. All die Metaphern und Symbole, die Brunner dafür gebraucht, sind fundamentale, an einem Innersten rüttelnde. Das düster brodelnde Genrekino dieses Regisseurs kann in seinem Dauerschockzustand somit weniger als eines der Debatte oder des politischen Statements begriffen werden, sondern zunächst eines der subjektiven Erfahrung, der Feier des Absonderlichen und Abscheulichen, das basale ontologische Beziehungen zu erschüttern versucht. Darin beweist „Luzifer“ Meisterklasse.

„Luzifer“ läuft ab dem 28. April 2022 in den deutschen Kinos. Weitere Informationen gibt es auf der Website von Indeed Film.

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Bildquelle:

  • luzifer-indeed-film: Indeed Film
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