Bärenverleihung auf der Berlinale: Deutscher Film staubt ebenfalls ab

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Berlinale
Foto: Andreas Teich, Berlinale 2015
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Der offizielle Teil der 72. Berlinale ist vorbei, am Mittwochabend wurden die Bären verliehen. Der deutsche Wettbewerbsbeitrag von Andreas Dresen konnte sich gleich zwei Preise sichern.

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Plötzlich ist alles schon zu Ende. Nur sechs Tage dauerte der Wettbewerbsteil dieser von Corona eingeschränkten Berliner Filmfestspiele. An den übrigen vier Tagen werden für das Publikum Wiederholungen gezeigt. Wahrscheinlich noch nie wurde dabei im Vorfeld des Festivals so kontrovers diskutiert. Über die pandemische Lage, über die Verantwortung einer solchen Massenveranstaltung, aber auch über den Status der Berlinale an sich. Gehen die Hochkaräter langsam abhanden? Welchen Einfluss hat das Festival denn noch auf Film- und Medienbranche? Müssen hybride Formen her? Entzieht sich ein Großteil dieses Events nicht doch in Intransparenz und Elitarismus?

Vor Ort selbst war von dieser anfänglichen Aufregung jedenfalls nur noch wenig zu spüren. Der 2G-Plus-Rummel mit Testen, bunten Armbändchen und Online-Tickets funktionierte makellos, Anstehen in Schlangen war selten nötig, was jedoch, zugegebenermaßen, auch daran gelegen haben dürfte, dass die Zahl der Fachbesucher und Pressevertreter deutlich kleiner ausfiel als vor Corona. Eine etwas geisterhafte, aber auch entspannte, unkomplizierte Berlinale war das. Eine Gelegenheit also, sich voll und ganz in Filmdiskussionen zu stürzen? Ja und Nein.

Schwacher Wettbewerb

Nachdem der Wettbewerb und damit der publikumswirksame Kern des Festivals im Vorjahr Knüller wie Dominik Grafs „Fabian“, den grandiosen Episodenfilm des Oscar-Anwärters Ryusuke Hamaguchi, „Wheel of Fortune and Fantasy“, oder auch den wunderbar ausgeflippten Gewinnerfilm „Bad Luck Banging or Loony Porn“ in petto hatte, sah der diesjährige eher mau aus. Allerhand Arbeitsbeobachtungen gab es dort thematisch zu erleben, etwa in dem Chinesen „Return to Dust“, Geschichten über traumatisierte Familien, Frauen in der Mitte des Lebens („Passengers of the Night“). Die ewigen tristen Selbstbespiegelungen während der Lockdowns haben auch ihre Spuren im Filmgeschäft hinterlassen.

Etablierte Namen waren zwar auch im Wettbewerb zu finden: Die französische Autoren-Ikone Claire Denis etwa war mit einem neuen Film in Berlin, einer etwas betulichen, aber gegen Ende hin herzzerreißenden Anti-Romanze mit Vincent Lindon und Juliette Binoche. Sie erhielt dafür am Mittwoch einen Bären als beste Regisseurin. Daneben gab es jedoch allerhand Erwartbares, Harmloses, Durchschnittliches in den 18 Wettbewerbstiteln zu sehen.

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Encounters-Sektion überrascht erneut

Es ist dieser irrationale innere Zwang, mit dem sich die Presse jedes Jahr auf besagte Wettbewerbsfilme stürzt. Natürlich, jeder will am Ende wissen, wie denn nun der Goldene Bärenpreisträger gelungen ist. Ein Großteil der Filme wird auch regulär in den Kinos starten und Diskurse prägen, prominente Namen zieren das Portfolio. Dabei war auch die 2022er Ausgabe der Berlinale eigentlich nur ein weiterer Beweis dafür, dass man interessante Filmkunst eher in den anderen Sektionen findet, etwa in der von Carlo Chatrian neu begründeten Encounters-Sektion für ausgefallenere Werke.

Die beiden Preisträgerfilme in dieser Sparte gehören zu den Highlights des Festivals. Allen voran das Schweizer Historiendrama „Unrueh“, das das Handwerk von Uhrmachern im 19. Jahrhundert porträtiert und mit konkurrierenden politischen Ideologien kurzschließt. Aber auch Ruth Beckermanns Gewinnerfilm „Mutzenbacher“ bot herrlichen Zündstoff. In ihrem Casting-Experiment lesen Männer aus den Memoiren der Dirne Josefine Mutzenbacher und diskutieren über Sex und Moral.

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Wo bleibt das Konfliktpotential?

Von solchen Experimenten war im Wettbewerb wenig zu spüren. Am Ende zeichnete die Jury das katalanische Familiendrama „Alcarrás“ mit dem Hauptpreis aus, das vom Untergang einer traditionsreichen Pfirsichplantage handelt. Das ist ein sehenswerter, guter Film, aber auch ein weiterer Gewinner der Kategorie „kleinster gemeinsamer Nenner“. Einer, der seinen Sozialrealismus mit großem Können in Szene zu setzen weiß, der mit drängenden aktuellen Fragen besticht, aber dabei auch allzu offensichtlich, allzu schnell auserzählt und erklärt ist. Dem Wettbewerb hat das Spröde, Streitbare gefehlt. Einzig Ulrich Seidl bot mit seinem Schlager-Abgesang „Rimini“ ein Werk, an dem man sich ordentlich reiben konnte. Dafür, dass die Berlinale so auf ihrem Live-Diskursraum namens Kino beharrte, boten die Wettbewerbsfilme zu wenig echtes Diskussionspotential.

Und doch ist die Freude auf einen wieder angekurbelten Kinobetrieb groß. Dass ausgerechnet der deutsche Film von Andreas Dresen („Gundermann“) mit gleich zwei Preisen belohnt wurde, für das Drehbuch und die Hauptdarstellerin, dürfte automatisch auch ein Geschenk an die hiesigen Kinokassen sein. Der Popularität von „Raibye Kurnaz gegen George W. Bush“ (Kinostart am 28. April) werden die Bären sicherlich noch einmal einen Vorschub leisten. Dresens NDR-koproduzierte, unterhaltsame Tragikomödie über eine Mutter, die ihren Sohn aus Guantanamo befreien will, scheint fast schon gesetzt als sicherer Kassenerfolg für die kommenden Monate.

Die 72. Internationalen Filmfestspiele Berlin laufen noch bis zum 20. Februar 2022. Eine Übersicht über alle Preisträger des Festivals gibt es hier.

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