„Dune“ – Premiere in Venedig: Gewaltig, wie Kino nur sein kann

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Das Sci-Fi-Epos „Dune“ hat am Freitag mit viel Star-Glamour Weltpremiere in Venedig gefeiert. Regisseur Denis Villeneuve hat einen der spektakulärsten Blockbuster der vergangenen Jahre gedreht.

Noch bevor ein Vorspann einsetzt, noch bevor die Logos der beteiligten Studios und Firmen auf der Leinwand erscheinen, dröhnt eine außerweltliche Stimme durch den Saal. Sie sinniert von Träumen als Botschaften, die aus dem Innersten, aus der Tiefe kommen. Ihr furchteinflößender Klang vertreibt jeden Zynismus, den man im Vorfeld zu diesem Blockbuster-Mammutwerk an den Tag legen konnte. Denis Villeneuve braucht nur diese wenigen Sekunden, um die volle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Es folgt die donnernde Musik von Hans Zimmer, der immer wieder im Laufe des Films versucht, den gigantomanischen Bildern mit brachialen Klängen gerecht zu werden, wenn nicht zu übertönen.

Überhaupt: Wenn man über „Dune“ sprechen oder schreiben will, liegt die Versuchung nahe, direkt auf seine schier endlose audiovisuelle Wucht einzugehen. Das Maß an Spektakel, das Villeneuve in „Dune“ mit Riesenwürmern, Kriegsszenarien und Raumfahrt inszeniert, die Komposition dieser Bilder, für die keine Leinwand groß genug sein kann, wird in diesem Jahr, vielleicht sogar in den nächsten Jahren kaum jemand überbieten können. Es ist erstaunlich, wie es der Regisseur versteht, mit derartigen Eindrücken noch einmal in Staunen zu versetzen, wo doch spätestens seit „Star Wars“ und Co. solche Apparaturen, Monstren und Maschinen längst im kollektiven Kino-Gedächtnis eingesickert sind. Villeneuve gibt ihnen ein furchteinflößendes Gewicht, ein Faszinosum zurück.

"Dune" startet neben der Kino-Premiere auch bei HBO Max
© Warner Bros. Entertainment

Dystopische Kino-Symphonie

Wo sich „Dune“ zwischenmenschlich um allerhand (zerstörerische) Fremdheitserfahrungen und territoriale Erkundungen, Grenzüberschreitenden dreht — ein bestimmendes Thema in der Filmographie des Regisseurs — begreift Villeneuve zugleich auch das Fremdartige seiner Welt, die er mit der Dystopie auf die Leinwand bringt. Da sind gleichermaßen Bewunderung wie Verunsicherung für das, was sich der menschliche Geist ausgedacht hat, was vielleicht auf uns in der Zukunft lauert, was in der Populärkultur Perspektiven prägt und geprägt hat. Wenn sich gigantische Raumschiffe aus dem Meer erheben, wenn sich Maschinen durch die Wüste bewegen, die die umkämpfte Droge „Spice“ abbauen, dann sind das in diesem Film gleichermaßen Wunder wie todbringende Monstren.

Das Dröhnen der Motoren vermengt sich mit dem von Hans Zimmers Musik, Abgase werden als Symphonie in die Luft geblasen. Villeneuve lässt das Material sprechen, gerade dort, wo das Drehbuch an seine Grenzen stößt, den Wust an Handlungszweigen und Figuren in einem Film zu bändigen. Die spirituelle Ebene, das Reisen durch Raum und Zeit, das Träumen brodelt noch unterschwellig, über bloßes, schnelles Montieren von Sinneseindrücken reicht das noch nicht hinaus. In „Dune“ gibt es zunächst einmal allerhand Greifbares zu entdecken und zu erleben. Den Rest hebt man sich offensichtlich für später auf.

Nur die erste Hälfte des Romans

„Dune: Teil 1“, steht da am Anfang. Kurz nach der Hälfte der Romanvorlage von Frank Herbert setzt dieser Film den Cut. Natürlich lässt man sich nicht nehmen, mit einigen Cliffhangern auf das zu verweisen, was da noch kommen mag. Spätestens in diesem Moment erstaunt abermals, dass man sich nicht für eine Serienadaption entschieden hat. Andererseits ist es eine Wohltat, wie Villeneuve in seiner Verfilmung die Schere an das Ausgangsmaterial angelegt hat. Sein „Dune“ ist insgesamt eine äußerst werktreue Verfilmung, die sich dennoch nicht stur an der Informationsflut des Romans abarbeitet, sondern sich auf Wesentliches beschränkt.

Wobei „Wesentliches“ in diesem Zusammenhang leicht gesagt ist: Auch in dieser Form dient ein Großteil der Laufzeit als Exposition, die Villeneuve überzeugend durcherzählt. Übrigens auch viel filmischer und mitreißender als Christopher Nolans „Tenet“ im vergangenen Jahr, der thematisch und strukturell viele Punkte teilt. Da muss zunächst der Konflikt ausgebreitet werden, der in dystopischer Zukunft auf dem Wüstenplaneten Arrakis ausgetragen wird. Dort, wo man das kostbare „Spice“ abbaut, um Raumfahrt, Handel und Kommunikation am Leben zu erhalten. Die Eingeborenen des Planeten, die Fremen, fallen diesem Raubbau zum Opfer. Wer kommt als nächstes als Unterdrücker?

Die böse Schlächter-Familie Harkonnen wurde vorübergehend abgesetzt, doch insgeheim schmiedet man bereits Pläne zur Rückeroberung. Stellan Skarsgård mimt wunderbar grausig das Oberhaupt des Clans: ein schauriger Unhold, ein grotesker, überdimensionaler Leib, der von Gier zerfressen und aufgedunsen im Dunkeln haust. Ihre Gegenspieler, die neuen Machthaber, Haus Atreides, versuchen derweil, Frieden auf Arrakis zu stiften. Am Ende fallen sie einer Intrige zum Opfer. Sohn Paul (Timothée Chalamet) wird zur getriebenen Hamletfigur, die den Tod des Vaters rächen muss und von den Fremen mit fatalen Konsequenzen als Messias gefeiert wird.

Der böse Baron Harkonnen greift nach der Macht.

Cleveres Spektakel

Villeneuves Verfilmung hält sich glücklicherweise nicht lang mit Charakterbefindlichkeiten und -Biographien auf, sondern sucht das Universelle. „Dune“ ist ein Blockbuster für Erwachsene, ein höchst politischer und in gewisser Weise auch sperrig protzender Film, dessen überbordendes, überwältigendes Spektakel zur Projektionsfläche taugt, auf der sich die großen Katastrophen unserer Zeit ablesen lassen. Im Grunde genommen spielt es keine allzu große Rolle, ob Teil 2 von „Dune“ noch kommen wird. Das Handlungskonglomerat aus Intrigen, Kämpfen und Spiritualität ist nicht das Interessante an diesem Stoff.

Vielmehr ist es dessen sorgfältig und komplex konstruierte Spielbrettanordnung, die Exposition, in der jede Partei, jede Figur eine Art Stellvertreterstatus zu erfüllen hat, ohne dabei zur reinen Schlüsselerzählung zu verkommen. Der Kalte Krieg schimmert da aus der historischen Romanvorlage durch, Konflikte im Nahen Osten, Kolonialismus, religiöser Fanatismus, Terror, Posthumanismus, die Klimakatastrophe, ein kompliziertes neues Naturverständnis – all das lässt sich aus den Bildern von „Dune“ herauslesen, denen im Zusammenprall der Elemente und Lebensformen eine ungeheure Archaik innewohnt, die die Erzählung, zugegeben, mitunter fast zu ersticken scheint.

Was schnell zu thematischer Willkür und Überfrachtung führen könnte, wird genau als solche fokussiert. Die Sci-Fi-Oper handelt im Kern von der menschlichen Angst des Kontrollverlustes. Wo die globalen Konflikte unübersichtlich werden, wo bemühte Diplomatie scheitert und die Umweltkatastrophe längst eingetreten ist, dort erwächst plötzlich religiöser Eifer, erwächst die Sehnsucht nach der zeitübergreifenden Hellsicht, die eigentlich viel zu spät kommt. In gigantisch großen, sterilen und unheimeligen Kulissen verlieren sich Figuren in ihrem eigenen Dilemma. Der Messias, der Kwisatz Haderach, wie er in der Geschichte heißt, soll als einer erscheinen, der über Zeit und Raum hinwegdenken, beides neu wahrnehmen kann, um einen weiteren zivilisatorischen Zusammenbruch zu verhindern. Ein wenig das Pendant zu Amy Adams‘ Figur in Denis Villeneuves „Arrival“. Der Weg aus all den Krisen?

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Der erste große Blockbuster der Dekade

Letztendlich führt „Dune“ das Scheitern dieser eskapistischen Sehnsucht im Aufeinanderhetzen der Vormachtstellungen vor. Faschistoide Tendenzen dabei lauern überall. Sie werden allein in all den Massenaufmärschen reaktiviert, auch auf der Seite der vermeintlich Guten. In dem Moment, da diese Frieden stiften wollen, wird die zerstörerische Reaktion anderer auf die Begegnung mit der Fremde unterschätzt. Ein Messias verflüchtigt sich da als Fantasiegebilde, auch er ist nur ein zerrissener Mensch aus Fleisch und Blut.

Das globale, inklusive Denken weicht womöglich erneut nur einer persönlichen, zerstörerischen Racheideologie, solange sich ohnehin die Natur ihr Reich noch nicht zurückerobert hat. Visionen des jungen Paul Atreides kündigen das bereits in diesem ersten Teil an. Ein finsterer Stoff! „Dune“ fehlen dabei spürbar einige Hintergrundinformationen aus der Romanvorlage, die die Dystopie mit Leben und Weite füllen und dieses politische Geflecht noch stärker anreichern würden. Viel Zeit, die einzelnen Parteien mit Leben zu versehen, bleibt in deren Fülle nicht.

Der erste große Blockbuster für die 2020er

Gerade im Finale verpasst der Film eine Punktlandung, in der die leichte Zerrissenheit zwischen konformen Blockbuster-Formeln und formalistischem Autorenkino spürbar wird. Aber auch nach diesen zweieinhalb Stunden Appetizer ist die „Dune“-Verfilmung ein durch und durch faszinierender wie clever arrangierter Kino-Rausch, über den noch viel zu reden sein wird. „Dune“ ist das bisherige Highlight der Filmfestspiele von Venedig, der reguläre Kinostart steht kurz bevor. Schriftsteller Frank Herbert hat ein zeitlos brisantes Panoptikum menschlichen Versagens geschaffen, trotz aller heute vertrauter narrativer Versatzstücke rund um Heldenreise und Adelskabale.

Regisseur Villeneuve hat das bestens erkannt. Mit „Blade Runner 2049“ hat der Kanadier einen der besten Blockbuster der 2010er Jahre gedreht. „Dune“ ist ein würdiger Nachfolger für die gegenwärtige Dekade. Die zahllosen Fans der Vorlage bekommen ihre erste würdige Verfilmung, die angemessen komplex, aber nicht kompliziert erscheint. Mitreißend sinnliches und intelligentes Kino bekommen sie obendrauf.

„Dune“ läuft ab dem 16. September in den deutschen Kinos. Bei den Filmfestspielen von Venedig wurde der Film außer Konkurrenz gezeigt.

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Bildquelle:

  • Dune: Warner Bros. Entertainment/ Chiabella James
  • dune: Warner Bros

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