„Jackass Forever“: Ein Pimmel wütet durch New York

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© Paramount
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Der ehemalige MTV-Kult kehrt ein viertes und vielleicht letztes Mal für eine wahnwitzige Stuntshow auf die Leinwand zurück: „Jackass Forever“ ist amüsant und clever wie eh und je.

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Es scheint ein großes Bedürfnis zu geben, über Penisse zu sprechen. Zumindest kommt bislang kaum eine Kritik zu „Jackass Forever“ aus, ohne die genitalen Marterexzesse wenigstens zu erwähnen, die es im vierten Kinoabenteuer der Stunt-Gruppe um Johnny Knoxville zu sehen gibt. Verständlich! Dieser Marter wohnt mit die größte Attraktion des Films inne. Sie drängt sich regelrecht auf, man kommt nicht an ihr vorbei. Natürlich spielte das männliche Geschlechtsteil in der langjährigen Geschichte von „Jackass“ schon seit MTV-Tagen eine tragende Rolle, doch in dieser Episode nimmt es im wahrsten Sinne noch einmal größeren Raum ein.

Wie kann man denn heute überhaupt über „Jackass“ sprechen? Wie passt dieses liebevoll naive wie unendlich brutale Experimentieren, Bestrafen und Quälen in gegenwärtige Diskurskulturen, die sich etwa in Krisenzeiten darin erschöpfen, sich vergeblich an der „toxischen Männlichkeit“ eines Wladimir Putin abzuarbeiten? Vielleicht ist „Jackass Forever“ tatsächlich die konsequent absurde Antwort darauf: als exzentrisches Kastrationstheater.

Der beste „Godzilla“-Film seit Jahren

Gleich zu Beginn wird New York von einem Monstrum heimgesucht, das sich bei näherem Hinsehen als der verkleidete Penis von Darsteller Chris Pontius in einem Miniaturmodell entpuppt. Ein übergroßer Dödel legt die Stadt in Schutt und Asche. Natürlich tritt ihm – wie es sich für einen echten „Godzilla“-Streifen gehört – auch ein zweites Ungetüm entgegen. Mehr zu verraten, würde an dieser Stelle eine gelungene Pointe verderben. Dieser vierte Leinwandauftritt der „Jackass“-Truppe gibt sich jedenfalls in der gewohnten Gratwanderung zwischen Folterkammer, Fakir-Show und Klassenfahrt der 10b alle Mühe, jedwedes Dekonstruktionspotential aus dem Penis herauszuholen.

Er wird bis ins Groteske zweckentfremdet, etwa als Ping-Pong-Schläger benutzt, eingeklemmt zwischen zwei Plexiglasplatten. Diverse Sportarten, allzu häufig mit Männlichkeitskulten verknüpft, kriegerische Ersatzventile, werden ins Zerstörerische verkehrt oder dadurch gerade in ihrem Kern ausgestellt: In einer nicht enden wollenden Montage werden Danger Ehrens Weichteile geboxt, beworfen, abgeschossen, mit einem Pogo-Stick gequetscht. Kastrationsängste werden auf der Leinwand bis zum blutenden Hodensack durchgespielt, als sehne man sich nach der ultimativen Triebüberwindung.

Feier des Nutzlosen

Ohnehin beweist „Jackass Forever“, dass diese Reihe nach all den Jahren noch immer ein virtuoses Unikat darstellt, wenn es darum geht, hochgradig intensive Suspense-Momente im Kino zu schaffen, allein im Drapieren von Körpern, die ihrem selbst auferlegten Leid entgegenblicken. Es ist erneut der Versuch, sich vordergründig von einengenden Narrativen, von offensiv ausgestelltem Intellekt zu befreien, um mit Affekten, Trieben, Fleisch, Gliedmaßen, Ausscheidungen große Bilder zu erschaffen. „So viele Bücher, so wenig Zeit“ prangt in einer Szene spöttisch auf dem T-Shirt von Danger Ehren, während er auf einem Stuhl gefesselt sitzt und ein Grizzlybär an seinem Hosenstall knabbert.

Es ist insofern – man kann das sowohl als Lob als auch Kritik auslegen – eigentlich alles beim Alten. Die Haare der Performer sind nur etwas grauer geworden und beim Erbrechen fällt schon mal eine Zahnprothese aus dem Mund. Auch im Jahr 2022 zeigt „Jackass“ künstlerische Selbstverletzung als souveränen Akt gegen Rationalisierung, Kalkulierbarkeit, Optimierungsdrang und Ertüchtigung.

Der Mensch als nützliches Arbeitswesen feiert das Nutzlose und die Verschwendung. Risikofurcht wird in Zerstörung überwunden. Start-Up-Ideologie und Ruhmsucht münden in Nonsens. In einem lächerlich aufwändigen Experiment soll mittels einer Maschine ein Furz unter Wasser angezündet werden – „Jackass“ schreibt Geschichte. Eine Tanzchoreographie als körpermechanische Eigendisziplinierung gibt sich dem Chaos hin – der Boden steht unter Strom. Final wird ein infantiles Kräftemessen nach dem Motto „Wer zuerst kotzt, der verliert!“ von Explosionen, Panzern, Soldaten überschattet. In das unbedarft Spielerische brechen plötzlich Krieg und Vernichtung – dieser Tage erhalten diese aufgeführten Kindereien noch einen ganz anderen Beigeschmack.

Ist „Jackass“ vom Internet überholt?

All die Mutproben, Streiche und Eskapaden taugen natürlich nicht erneut zur großen Revolte, wenngleich sie kaum an Erfindungsreichtum eingebüßt haben. Die Erkenntnis des menschlichen Warencharakters und die Unterwanderung dessen hatte bereits im Auftakt des allerersten „Jackass“-Kinofilms ihr fulminantes Bild gefunden, wenn das Ensemble in einem überdimensionierten Einkaufswagen die Straße hinabrollt und in Marktstände kracht. Zwar gibt es dem inzwischen wenig Neues abzuringen, alles ist nur noch schlimmer geworden – ihre Zeitlosigkeit hat die Reihe damit dennoch nicht verloren.

Oft wurde zuletzt gefragt, ob nicht die Netz- und Social-Media-Kultur die Selbstversuche der Knoxville-Gang längst übertroffen und ad absurdum geführt hätten. Das mag zutreffen und doch erstaunt, dass „Jackass Forever“ so souverän seiner Linie treu bleibt. Anbiederung an Zeitgeistiges ist ihm fremd, er beharrt auf den Möglichkeiten des Kinos als Ort des Außeralltäglichen. Vor allem ist das ganz dezidiert ein Film über das Filmemachen. Der Drehprozess selbst wird zur Attraktion. Immer wieder geht es um das Finden perfekter Einstellungen, um Räume, die sich plötzlich als Abziehbilder und Kulissen entpuppen, um Attrappen und Sets, deren Illusionen zerfallen.

Eine Hollywood-Satire

Nebenbei ist „Jackass Forever“ als zynisches Zerrbild des aktuellen „Legacyquel“-Trends lesbar. Hollywood versucht in Filmen wie „Ghostbusters: Legacy“ oder „Scream“, die Charaktere und Kernsubstanz alter Reihen wiederzubeleben und mit neuen Figuren zusammenzubringen, um den Weg gen Zukunft zu ebnen. Auch in „Jackass Forever“ stoßen Neuzugänge zu der bekannten Gruppe. Sie fügen sich nahtlos ein, beweisen eine gewisse Austauschbarkeit im universellen Schmerz. Doch im Grunde bleiben sie alle blass, wirken wie Frischfleisch, das lediglich Strapazen über sich ergehen lässt, als würde es Mitglied einer obskuren Burschenschaft werden wollen. Zwischendrin taucht der Rapper Machine Gun Kelly auf: ein fader Nachahmer und Nachwuchsstar, an den man eine konsequente XXL-Schelle verteilt. Wenn die Alten abdanken, dann dankt auch „Jackass“ ab!

Ein gänzlich überzeugendes Legacyquel kann es auch in diesem Filmuniversum nicht geben, sofern es sich nicht neu erfindet. Es handelt sich lediglich um Abarbeiten am Aussichtslosen, das parodiert dieser Film auf urkomische Weise. Fortwährend wird in „Jackass Forever“ nach nichtsnutziger Perfektion gestrebt, während man das bewusst herbeigeführte Scheitern in Großaufnahme inszeniert. Von der vollgekackten Hose braucht man unbedingt noch einen Closeup, eine Hodentortur muss dringend noch einmal für die Kamera wiederholt werden, als würde sonst das Gesamtresultat darunter leiden.

Das eigene Ende ausstellen

Wiederholung, das ist generell ein großes Stichwort in der Filmindustrie und in diesem Werk. Als technisches Wunder: Leid und Schmerz werden bekanntlich in vor- und zurückgespulter Zeitlupe in allen grausigen Details studierbar. Auch die Aktionen selbst bemühen sich um Reenactments. Alte, ikonische Momente strahlen in die Gegenwart, die nun noch einmal in veränderter Form nachgestellt werden sollen. Einiges geht gut, einiges erlebt neue Wendungen, andere Stunts scheitern am Größenwahn.

Wenn Johnny Knoxville erneut mit dem Stier kämpft und dadurch schwer verletzt im Krankenhaus landet, dann stößt „Jackass“ an eine Schranke, die vielleicht nur noch mit dem Selbstmord durchschritten werden kann. Hauptsache, die Szene ist im Kasten, alles andere ist egal! Leiden für die Kunst. Wie ein Sterben vor der Kamera im Rentenalter aussehen könnte, das hat schließlich „Jackass: The Movie“ einst vorgeführt. Das ist ein Filmen und Agieren, das sich einen widerspenstigen, gewohnt ambivalenten Märtyrercharakter überstülpt. Eine Spektakelgesellschaft begegnet ihrem verquer logischen Endpunkt.

Ein neuer Ikarus

„Jackass Forever“ reaktiviert dabei den Mythos der eigenen Parallelwelt, einen utopischen wie grausamen Urzustand, der in Exzess, Schamlosigkeit und freundschaftlichem Zusammenhalt nach Unschuld gräbt. Und es ist noch ein weiterer zentraler Mythos, den man zu diesem Zweck vorfindet. Er fasst „Jackass“ in seinem satirischen Potential zusammen: Ikarus, das ist Johnny Knoxville, der von einer Kanone in den Himmel geschossen wird, um über dem Gewässer abzustürzen. „Jackass Forever“ findet ein weiteres Mal den übermütigen Menschen, der sich die Welt Untertan zu machen glaubt und letztlich doch an der Unberechenbarkeit des eigenen Körpermaterials und seiner ganzen Existenz scheitert.

Am trägen Fleisch, das der Schwerkraft ausgeliefert ist, oder an der schaurigen Natur, vor der man zittert und bibbert, lässt man die unterjochten Tiere erst einmal aus ihren Käfigen und stellt sich ihnen gegenüber. Ob dies nun tatsächlich der letzte „Jackass“-Film mit Knoxville, Steve-O und Co. sein wird, da kann man sich nie sicher sein. So oder so hat die Reihe einen pathetischen Abschied nicht nötig. Sie kann nur im Unendlichen münden – das „Forever“ im Titel suggeriert es bereits – und rührt damit umso mehr. Den kollektiven Tabubruch und die Erkundung vielfältiger Verletzbarkeit eint erneut pure Geselligkeit. Und die scheint ewig, auf Film gebannt kann sie ja gar nicht sterben.  

„Jackass Forever“ läuft seit dem 10. März 2022 in den deutschen Kinos. Die bisherigen Teile der Reihe sind auf DVD und Blu-ray im Handel sowie als VoD erhältlich. „Jackass 3D“ kann man aktuell bei Netflix streamen.

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Bildquelle:

  • jackassforever-df: Netflix
  • jackass: Paramount
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20 Kommentare im Forum

  1. 2,5 und 3,5 erschienen nur auf DVD und beinhalteten nur zusätzliches Filmmaterial. Die Redaktion hat also vollkommen recht mit „viertes Mal auf der Leinwand“.
  2. „Bad Grandpa“ könnte man noch erwähnen, da Kinofilm. Für mich aber eher ein Spin-off, da nur Knoxville mitspielt.
  3. Das hat so wie ich es verstehe Digital Fernsehen dazu gedichtet. Egal Hauptsache was neues und dort gibt es immer was zum Lachen.
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