Jetzt im Kino: Das Böse in drei verschiedenen Gestalten

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Fotos: 2020 Prokino/ 2021 Alamode Film/ 2021 Neue Visionen
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Mit dem Familiendrama „Falling“, dem Stasi-Thriller „Nahschuss“ und der Terror-Studie „Die Welt wird eine andere sein“ befassen sich in dieser Woche drei Kinofilme mit Charakteren des Bösen.

Falling

Bereits auf der Hinreise kommt es zu üblen Beleidigungen. John (Viggo Mortensen) holt gerade seinen demenzkranken Vater Willis (Lance Henriksen) zu sich, um sich um ihn zu kümmern. Eine Belastungsprobe: Der sture Willis flucht und streitet den ganzen Tag. Viggo Mortensen zeichnet diese Figur in seinem Regiedebüt als Zuspitzung eines zerstörerischen Konservatismus, der dem eigenen reaktionären Wunschideal nachtrauert, das am ehesten der Fantasie entspringt und die Augen vor der Wirklichkeit verschließt.

Dieses Ideal drängt in Form von Rückblenden in die Handlung von „Falling“, in kleinen Erinnerungsfetzen, ausgelöst durch verschiedenste Triggermomente. Der Zerfall der Familie im Kleinen verbindet sich mit einer erschütternden Polarisierung der Gesellschaft im Großen. Fortwährend stellt sich in Mortensens Familiendrama die Frage, ob jene Traumbilder vom Heute zerstört werden, das anders als in der Vorstellung verläuft, oder ob sie nicht vielmehr selbst für das gegenwärtige Scheitern verantwortlich sind.

Mortensen erweist sich bei alldem als wortgewandter Dialogschreiber und feinfühliger Beobachter in dieser zaghaften Annäherung zwischen Vater und Sohn, die nur in ihrem unabwendbaren Scheitern begriffen kann. Während der Vater als Dämon den Alltag durcheinanderbringt, bleiben nur noch zaghafte Versuche einer Rückbesinnung auf das einstige Miteinander.

Schade, dass sich „Falling“ selbst etwas in diesem gesellschaftlichen Graben verliert, den es hier zu überwinden gilt, ringend um einen eigenen Stil und eine eigene Stimme. Je aussichtsloser der Dialog zwischen den beiden Zeitebenen und Generationen scheint, desto hilfloser verhält sich der Film selbst zu diesem verzwickten Familienstück. Unzählige Worte verliert dieser Film, obwohl er schon nach wenigen Minuten verstanden hat, dass sie doch nichts nützen.

Was Viggo Mortensen im Interview über die Entstehung von „Falling“ sagt, gibt es hier zum Nachlesen.

Nahschuss

Was bewegt einen Menschen dazu, mit einem Unrechtsstaat zusammenzuarbeiten? Die Antwort, die Regisseurin Franziska Stünkel in ihrem Film „Nahschuss“ findet, ist ebenso banal wie erschütternd. Da ist zunächst schlichtweg die Aussicht auf den eigenen Wohlstand, auf eine Zukunft. Franz Walter (Lars Eidinger) hat gerade an der Berliner Humboldt-Universität promoviert, als ihn der Auslandsnachrichtendienst der DDR anheuert und eine erfolgreiche Karriere verspricht. Gemeinsam mit seiner Freundin Corina (Luise Heye) genießt er die Vorzüge, die die neue Stelle mit sich bringt. Beide können verhältnismäßig in Luxus leben. Doch das beschauliche Leben hat seinen Preis. Schon bald hadert Walter bei den immer übergriffigeren Spionageeinsätze mit seinem Gewissen.

Bis es zu diesem Wendepunkt kommt, gelingt Franziska Stünkel ein äußerst mitreißender Thriller, der gekonnt die Täterperspektive einnimmt, um nach deren Ambivalenzen zu fragen und die monströsen Methoden des diktatorischen Regimes aufzudecken. Wie sich die Agenten des Systems in den Alltag ihrer Opfer einschleichen, das zeigt dieser Film mit aller Härte. Was letztendlich folgt – der Fall des Protagonisten, der selbst in die Mühlen des Regimes gerät – das windet sich allerdings durch eher vertraute Bilder und Aufbereitungsmuster.

„Nahschuss“ erzählt die Geschichte des letzten Hinrichtungsopfers der DDR als weitere Seite eines deutschen Kino-Geschichtslehrbuchs, dessen Handschriften meist wenig Herausstechendes erkennen lassen. Was Stünkels Regiearbeit von anderen, ähnlichen Filmen positiv abhebt, ist hingegen die erstaunliche Schwere und Widerspenstigkeit, die sie heraufbeschwört. Über „Nahschuss“ liegt meist eine beklemmende Stille. Die Kamera verharrt bohrend auf den Figuren, die sich verzweifelt ihren Rollen fügen müssen. Aus ihnen scheint es so wenig Ausbruch zu geben wie für das Publikum aus den teils schmerzhaft langen Einstellungen.

„Nahschuss“ ist in der Vorauswahl für den Deutschen Filmpreis. Die Regisseurin befindet sich derzeit auf Kinotour mit dem Film. Hier findet man alle Termine.

Die Welt wird eine andere sein

In „Nahschuss“ muss die von Luise Heye gespielte Corina die meiste Zeit hilflos im Hintergrund zusehen, wie ihr Mann zum Täter wird. „Die Welt wird eine andere sein“ von Anne Zohra Berrached könnte in seiner Konstruktion das erzählerische Gegenstück sein. In ihrem Film geht es um genau diese Wahrnehmungsposition. Um die Frage, inwiefern unmittelbare Angehörige das Schlimmste womöglich verhindern können. Um die Erschütterung, die die Erkenntnis hervorruft, das Gegenüber vielleicht weniger gekannt zu haben, als man ursprünglich angenommen hat.

Hier ist es die junge Asli, die Mitte der 1990er ihren späteren Mann Saeed kennenlernt. Das beginnt als eine Art Romeo-und-Julia-Geschichte, kreist um die kulturellen Konflikte der Elterngeneration, um das Gefängnis Familie, das Ressentiments auf die Nachkommen ablädt. Anne Zohra Berrached ist eine Meisterin des Sozialrealismus. Wie sie Millieus erkundet, menschliches Miteinander, Intimität, psychologische Krisensituationen – das ist meist mit einer enormen Intensität und Nahbarkeit inszeniert. Am eindrucksvollsten war das bislang in ihrem Abtreibungsdrama „24 Wochen“ zu erleben.

In „Die Welt wird eine andere sein“ will dieses Erfolgsrezept allerdings nur bedingt aufgehen. Ihre Melange aus Romanze und Kulturstudie mit alle ihren Konflikten wandelt sich zu einem psychologischen Thriller. Nach der Hochzeit verschwindet Saeed spurlos. Asli begiebt sich auf die Suche, kämpft um Nähe zu ihrem Mann, der ihr immer fremder wird und irgendetwas im Schilde zu führen scheint. Die Pointe, auf die der Film zusteuert, ist bitter, selbst wenn man sie bereits vorher ahnt. Zugleich stellt sich eine Ernüchterung ein, wenn offenbar wird, dass tatsächlich dieser Kollisionspunkt die Grundlage ist, auf die die Regisseurin zusteuert. Wo „Die Welt wird eine andere sein“ endet, wird es eigentlich erst interessant.

Wie die Welt für jemanden zusammenbricht, wenn eine angehörige Person Furchtbares über die Gesellschaft bringt, davon hat etwa der Film „We Need To Talk About Kevin“ mit Tilda Swinton meisterhaft erzählt. Dort lagen die Karten von Anfang an auf dem Tisch, es ging nur noch um das Rekonstruieren und vor allem um die Folgen und den sozialen Umgang mit ihnen. „Die Welt wird eine andere sein“ ist derweil zu viel mit Rätselraten beschäftigt, es dauert zu lang, bis dieser Ausgangspunkt erreicht ist. Er gelangt erst zu ihm, wenn bereits alles zu spät ist. Das Tragische erscheint als Wendung, obwohl es eigentlich von Anfang an festgeschrieben ist. An dieser Stelle verleiht die Regisseurin dem Gefühl ihrer Protagonistin radikal Ausdruck.

„Die Welt wird eine andere sein“ hatte Premiere im Rahmen der Berlinale. Die Regisseurin ist mit dem Film aktuell auf Kinotour. Hier findet man alle kommenden Termine.

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  • Wem gehört mein Dorf?
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  • Kunst kommt aus dem Schnabel wie er gewachsen ist

Bildquelle:

  • nahschuss: Alamode Film

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