Das Publikum respektieren: Viggo Mortensen über sein Regiedebüt „Falling“

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Lance Henriksen und Viggo Mortensen am Set von "Falling"
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Hollywood-Star Viggo Mortensen präsentiert mit „Falling“ sein Debüt als Regisseur. Der Film erzählt anhand einer zerrissenen Familie von den Gräben in der amerikanischen Gesellschaft.

Der US-Wahlsieg Joe Bidens im Jahr 2020 wirkte für viele Menschen wie das ultimative Happy End. Plötzlich war da wieder jemand, der offenbar auf Milde und Vernunft setzt, der sich für eine vielfältige, inklusive Gesellschaft einsetzen will. Die viel diskutierte Gefahr in Gestalt Donald Trumps war vermeintlich gebannt. Ein Trugschluss! Wie verheerend sich gesellschaftliche Spaltungen längst in Bevölkerung, Familien und letztlich Individuen eingeschrieben haben, selbst lange Zeit, nachdem sich bereits eine Streitmüdigkeit eingestellt hat, davon erzählt Viggo Mortensens „Falling“.

Mortensen präsentiert damit sein Debüt als Regisseur und Drehbuchautor, spielt zugleich eine der beiden Hauptrollen. Inzwischen gibt es wohl kaum ein Genre, in dem der Hollywood-Star noch nicht zu sehen war – von der „Herr der Ringe“-Trilogie über die Postapokalypse von „The Road“, die Tragikomödie „Captain Fantastic“ bis zum Oscar-gekrönten Historiendrama „Green Book“. Sein erster eigener Film ist einer, der sich in einem Schwellenraum abspielt, einer kaum enden wollenden, angespannten Übergangsphase.

Viggo Mortensen über Trump

Bereits im Herbst 2020 ist Viggo Mortensen in Berlin zu Gast, um seinen Film vorzustellen. Der Kinostart von „Falling“ wird kurz darauf verschoben, die Pandemie kommt einmal mehr dazwischen. In einer Gesprächsrunde erzählt er von der Entstehung seines Films. „Als ich anfing, die Geschichte zu schreiben, war Donald Trump bereits Präsidentschaftskandidat und man konnte schon da sehen, dass das jemand ist, der immer Aufmerksamkeit wollte, rund um die Uhr. Das ist ihm gelungen, auch wenn ihm sonst nicht wirklich etwas gelungen ist. Die Medien in den USA und auch in anderen Ländern sprechen rund um die Uhr über ihn. Ich dachte mir beim Schreiben: Egal, ob er Präsident wird oder nicht, er wird die Polarisierung vorantreiben“, so Mortensen.

Die Handlung seines Films lässt er dennoch nicht während Trumps Amtszeit spielen. Man hätte sonst nur über diese Vergleiche nachgedacht, erklärt der Regisseur. „Falling“ spielt stattdessen 2009, kurz nach der Wahl Barack Obamas. Mortensens Figur, ein homosexueller Pilot, holt gerade seinen demenzkranken Vater Willis zu sich nach Hause, wo er gemeinsam mit seinem Ehemann eine Adoptivtochter großzieht.

Für Willis wird es immer schwieriger, die alte Farm zu bewirtschaften, weshalb er nun seinen Alterswohnsitz widerwillig nach Kalifornien verlegen soll. Der Traum einer liberalen, weltoffenen Gesellschaft prallt mit den konservativen Vorurteilen und Wertvorstellungen früherer Generationen zusammen. Das Scheitern des Familienidylls und der Kommunikation verwebt sich mit der Spaltung der gesamten Gesellschaft. Über das Erinnern wird jenes Scheitern rekonstruiert.

Heilendes Gedächtnis

„Mit dem Erinnern daran, wie die Dinge früher einmal waren, was alles möglich war, dass es da Verbindungen gab seitens des Vaters und des Sohn – Das kann helfen, die Wunden der Gegenwart zu heilen und wieder zueinander zu finden“, fasst Viggo Mortensen den Film zusammen. Das klingt kitschiger, als er es letztendlich in seiner Erzählung anlegt. Tatsächlich liegt eine große Stärke von „Falling“ nämlich gerade im Unheilbaren. Sein dialogreiches Familiendrama schreitet behutsam voran. Es dauert ewig, bis es zu so etwas wie einer Eskalation kommt. Allzu lange versucht man, über die Attacken des beleidigenden, unflätigen Vaters – brillant anstrengend gespielt von Lance Henriksen („Terminator“) – hinwegzusehen. Selbst wenn dann einmal verbal zurückgeschossen wird, erscheint das weniger als Katharsis denn als auswegloser Kampf.

„Falling“ gelingt dabei mitunter durchaus eindrucksvoll, besagte Erinnerungen einzuflechten. Ein Geräusch, ein Gegenstand, eine Bemerkung reichen aus, um diese früheren Bilder wieder ins Gedächtnis zu rufen. „Falling“ hat vielleicht am Ende mehr mit Marcel Proust gemeinsam als mit Eugene O’Neill. Das Puzzle, das sich da zusammensetzt, speist auch aus persönlichen Erfahrungen, wie Viggo Mortensen im Interview erklärt.

„Als wären wir eine große Familie“

„Ich habe sehr viele Fotografien im Make-up-Wagen aufgehängt. Die waren eine Art Inspiration für mich, auch wenn es sich um eine fiktionale Geschichte handelt. Da hingen Fotos von meiner Mutter unterschiedlichen Alters, von meinem Vater, meinen Brüdern – Familienfotos eben. Und die anderen Schauspieler haben wiederum ihre Fotos mitgebracht. Es war irgendwann so, als wären wir eine große Familie, und da gab es Verbindungen.“

Cast und Crew seien zu ihm gekommen und hätten ungefragt Geschichten erzählt, rekapituliert der Schauspieler und Regisseur gegenüber DIGITAL FERNSEHEN. „Das erinnert mich an meinen Onkel oder meine Großeltern…Dort ist einmal das und das passiert…Demenz, Streitigkeiten, ungelöste Probleme in der Familiengeschichte. Das war toll! Obwohl wir eine spezifische, fiktionale Geschichte erzählen, hat sie offenbar sehr universelle Anknüpfungspunkte innerhalb des Teams. Und beim Publikum in verschiedenen Ländern scheint dieselbe Verbindung zu bestehen. Als ob da etwas Wahrhaftiges für das Publikum in der Geschichte drinstecken würde, auch wenn sie erfunden ist. Das freut mich natürlich.“

Unerfüllte Utopien

In erster Linie sind das Willis‘ Erinnerungen, die in „Falling“ immer wieder aufblitzen: reaktionäre Traumbilder der patriarchalen Herrschaft über das eigene Himmelreich der Farm. ‚Realitätsverweigerungen‘ könnte man es auch nennen. Ihre Brüche offenbart die Gegenperspektive des Sohnes. Zwei konkurrierende Utopien und ihr Scheitern, wenn man es so nimmt. Der misslingende Dialog zwischen Gegenwart und Vergangenheit lässt undeutlicher werden, ob und für wen das Heute jene unerfüllbaren Traumbilder zerschlägt oder ob diese nicht vielmehr für das gegenwärtige Leid verantwortlich sind.

In der Zwischenzeit ringt Viggo Mortensen spürbar um einen eigenen Stil, eine Stimme, wie dieser Konflikt zu überwinden ist oder was das Kino überhaupt in ihm leisten kann. Eindrucksvoll geschriebene, feinfühlige Dialoge wechseln sich ab mit eher vertrauten Erzählkonventionen. Der Generationenkonflikt in „Falling“ kreist ziellos um sich selbst. Allzu viele Worte verliert dieser Film, obwohl er schon nach wenigen Minuten verstanden hat, dass sie doch nichts nützen. Am Ende reproduziert er die Hilflosigkeit seiner Figur. Ein großes Fragezeichen schwebt über diesem Debüt. Wie weitermachen? Das ist eine zunehmend frustrierende Seherfahrung, aber zugleich auch eine konsequente Ausführung, die mehrere Enden offen lässt.

„Ich will das Publikum respektieren. So, wie ich auch als Zuschauer respektiert werden will. Also sage ich ihm nicht einfach, was es zu denken und zu fühlen hat. Ich gebe ihm nicht einmal alle Informationen über die Familiendynamik, aber genug, damit man daran teilhaben und die Geschichte zusammensetzen kann, wenn man interessiert ist. Solche Filme mag ich“, sagt Mortensen über sein Drehbuch. „Ich habe einen Film gedreht, den ich selbst gern im Kino sehen würde.“

„Falling“ läuft ab dem 12. August 2021 in den deutschen Kinos. Weitere Infos sowie einen Kinofinder gibt es auf der offiziellen Website.

Bildquelle:

  • viggomortensen: 2020 Prokino

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