Kommentar: Löst Videokonsum à la Youtube das Fernsehen ab?

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Seit Youtube vor heute genau 15 Jahren an den Start ging, hat es sich vor allem in den nachkommenden, jüngeren Generationen breit gemacht. Kann der Einfluss, den das soziale Video-Netzwerk auf die Konsumgewohnheiten hat, mittelfristig das Ende für das klassische Fernsehen bedeuten?

Als erstes musste das Musikfernsehen dran glauben. Die Parallele zwischen dem Aussterben der Musik-Fernsehsender und dem Aufkommen von Youtube kommt nicht von ungefähr. Der schwarze Peter ist aber nicht allein dem am 15. Februar 2005 gestarteten Videoportal zuzuschieben. Viacom, die Betreiber von MTV und Viva, verspielten zuvor schon Kredit beim geneigten Publikum, indem das (Tages-)Programm immer mehr „vollgemüllt“ wurde mit Reality- und ähnlichen Trash-Formaten. Zwar kamen dabei auch beliebte Sendungen wie „Jackass“ zum Vorschein, der Erfolg dieser Strategie mündete jedoch in einer Abkehr vom Musikprogramm und bereitete so in gewisser Weise auch den rapiden Aufstieg von Youtube vor.

Zwar war das erste dort gepostete Video dort ein Besuch des Mitbegründers Jawed Karim im Zoo von San Diego, allein mit derartigen Home-Videos wäre die Erfolgskurve von Youtube jedoch sicherlich weniger steil verlaufen. Die Ära der Youtuber steckte ja noch in den Kinderschuhen. Musikvideos machten in den frühen Jahren vielmehr das Gros der aufgerufenen Clips aus.

Google erkannte das Potenzial früh und kaufte das Portal bereits rund anderthalb Jahr nach dem Start von Youtube für 1,31 Milliarden Euro. Der angesprochene Karim und seine Gründer-Kollegen Chad Hurley und Steve Chen hatten eindrucksvoll demonstriert, wie das viel beschworene Zauberwort dieser Tage – „Web 2.0“ – funktionieren kann und sie wurden dafür fürstlich von dem Suchmaschinen-Giganten der ersten Internet-Generation entlohnt. Einverleibt in dessen Netz innovativer Projekte konnte imgrunde nichts mehr schief gehen für Youtube. Binnen nicht einmal 20 Monaten war man wie Phönix aus der Asche aufgestiegen in die Beletage des Internets.

Hierzulande wurde anno 2009 der Faktor „Musik“ aus der Erflogsgleichung herausgestrichen, weil eine Lizenzvereinbarung zwischen Google und der GEMA nicht verlängert wurde, was zu einer sieben Jahre währenden Abstinenz der beliebtesten Hits führen sollte.

Trendsetter Youtube

Dessen ungeachtet setzte Youtube seinen Erfolgskurs fort. Die Influencer traten auf den Plan und begeisterten Jung-Fans gleichermaßen, wie sie erwachsene Konsumenten verstörten. Das verpönte Teleshopping funktionierte im Netz noch viel besser als die Oma-Telefon-Masche im Fernsehen. Spätestens da wurden auch klassische Fernsehsender wahrscheinlich hellhörig. Denn mittlerweile donnerte der man-weiß-nicht-wie-vielte Internet-Zug an ihnen vorbei Richtung Zukunft.

Mittlerweile ist jeder, der was auf sich hält, bei Youtube aktiv – Sender, Stars, Musiklabels, Filmstudios, Influencer/Youtuber und solche, die es noch werden wollen. Was aber sagt das über den Status Quo auf dem audiovisuellen Sektor aus?

Fernsehsender gibt es noch und sie beschwören nicht zu knapp, dass sie noch lange weiter existieren (wollen). Fernseh-Gewohnheiten haben sich seit dem Start von Youtube 2005 aber nicht zuletzt durch den aufkommenden Streamingmarkt und eben die Plattform selbst grundlegend geändert – Stichwort: In der Kürze liegt die Würze.

Im Gegensatz zu anderen Netzwerken up-to-date

Es sei auch erwähnt, dass sich eigentlich kein soziales Netzwerk so nachhaltig am Markt positioniert hat, wie Youtube. Auf Facebook und Whatsapp tummeln sich vorwiegend nur noch alte Leute – ein Umstand, den man von Googles Video-Spielplatz in der Form nicht behaupten kann. Und das obwohl letzteres Netzwerk sogar um einiges jünger ist. Das Erstgenannte ist nur wenig älter, aber eben aktuell viel weniger in Mode. Auch die Streaminganbieter konnten der Plattform bisher nicht in dem Maße das Wasser abgraben, wie sie es durchaus erfolgreich am TV-Markt vorgemacht hatten.

Das mag auch am Einbeziehen der Nutzer liegen. Wo im öffentlich-rechtlichen Fernsehen kläglich Tweets vorgelesen werden, wenn man modern erscheinen möchte, ist die Zündschnur zur Teilhabe bei Youtube wesentlich kürzer. Kommentare, Themenvorschläge und ähnliches sind nicht nur schmückendes Beiwerk, sondern essentieller Bestandteil vieler Youtube-Channels – natürlich auch, um auf kommerzielle Art und Weise den Algorithmus weiter zu füttern.

Aber für älteres Publikum teilweise unbekannte und zunächst zu hinterfragende Figuren wie LeFloid dürfen mittlerweile die Kanzlerin interviewen, oder berichten wie Thilo Jung regelmäßig für junge Zuschauer aus der Bundespressekonferenz. Kosmetik-Tutorial-Bashing hin oder her, Youtube hat eine internationale Relevanz wie kaum ein anderes Produkt auf dem audiovisuellen Markt.

Und selbst vom Fernsehen sozialisierte Menschen – wie der Autor dieser Zeilen selbst – können auf Googles Plattform Inhalte entdecken, die es mit dem „richtigen“ Fernsehen nicht nur aufnehmen, sondern es in Kombination mit der Streaming-Allianz aus Amazon, Netflix, Disney und Co. in Zukunft gegebenenfalls auch weiter ad absurdum führen können.

Ein „Fernsehmarkt“ über klassisches TV hinaus

Eins ist sicher: Der nächste Millionen-Euro-teure Spielfilm von ARD und ZDF wird nicht lange auf sich warten lassen, er wird auch von vielen (alten) Menschen geschaut werden und die Verantwortlichen weiter in der Sicherheit wiegen, die sie dazu veranlasst hat, Trend um Trend zu verschlafen (oder bspw. gleichnamige Schmonzetten innerhalb eines relativ kurzen Abstand zueinander zu planen).

Die Online-Konkurrenz trabt währenddessen mit Siebenmeilenstiefeln heran. Auch Youtube selbst positioniert sich an dem sich wandelnden Markt neu. Sei es mit einer werbefreien Premium-Variante inklusive eigener Serien-Produktionen, oder wie erst kürzlich bekannt wurde, mit dem Versuch Amazons Prime-Channel-Model zu kopieren.

Das lineare Fernsehen im Alleingang abschaffen wird Youtube jedoch nicht, das zeigt schon allein der Blick in die nun 15 Jahre lange Historie. Die Faustpfänder ebendieser Epoche, das Vormachen, wie eine Videoplattform funktioniert; Einfluss nehmen auf Konsumgewohnheiten und im Gegensatz zu vielen Mitstreitern dank bewiesenermaßen anpassungsfähiger Strukturen in eine relativ sichere Zukunft blicken, die wird Youtube aber bestimmt weiter gut auszuspielen wissen.

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74 Kommentare im Forum

  1. Ich bin Mitte 40 und bei mir hat youtube (und andere Streamingdienste) das lineare Fernsehen schon vor zwei bis drei Jahren abgelöst. Selbst Verbrauchermagazine oder Dokus der TV-Sender schau ich mittlerweile fast nur noch auf youtube. Eigentlich könnte ich meinen Kabel-TV-Anschluss auch kündigen, fällt mir gerade ein. Internet ist ja separat über Glasfaser. Hmm... :sneaky:
  2. Das klassische lineare Fernsehen wird es noch sehr lange geben, egal wie oft versucht wird es durch bescheuerte Umfragen, Studien und Kommentatoren totzureden. Jeder der jetzt behauptet er sähe kein lineares TV mehr, lügt sich doch selber was vor. Eigentlich mal wieder die typische DF-Hass- und Hetze gegen die Öffis (und gegen ältere Zuschauer). Warum spielen die großen Privatsender wie RTL , ProSieben & Co. in dem Kommentar keine Rolle? Fazit: In meinen Augen ein *** Kommentar.
  3. DF weiß ganz genau, dass sie mit solchen Themen immer wieder viele Klickse erzeugen können, deshalb wird es ohne Unterlass so weitergehen.
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