21. Filmkunstmesse startet: Der Kino-Neustart nach der Corona-Krise

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Hendrike Bake (Filmprogramm), Felix Bruder (Geschäftsführer AG Kino-Gilde e.V.), Kristin Klemann (Passage Kinos Leipzig) Foto: Wild Bunch Germany
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Zum 21. Mal trifft sich ab heute die Kinobranche in Leipzig zur alljährlichen Filmkunstmesse. Abseits des Filmprogramms will man über gegenwärtige Herausforderungen rund um Diversität, Nachhaltigkeit und den Neustart nach der Pandemie diskutieren.

In diesem Jahr soll alles besser werden. Als 2020 bei der Leipziger Filmkunstmesse zahlreiche Film-Highlights für den Kino-Winter vorgestellt wurden, stand der nächste Lockdown bereits vor der Tür. Einige der Titel, darunter etwa die Tragikomödie „Contra“ mit Christoph Maria Herbst, sind bis heute nicht regulär in den Kinos gestartet. Für das aktuelle Jahr verlässt man sich hingegen auf die 3G (oder inzwischen mitunter 2G) Regeln, unter denen auch die 21. Filmkunstmesse stattfinden wird, um erneuten Schließungen zu entgehen. Das war bereits einer Pressekonferenz der Veranstalter im August zu entnehmen. „Innovation, Professionalisierung und Vernetzung“, so lauten die großen Stichworte, die sich die Messe für das aktuelle Jahr vorgenommen hat.

Über 70 Filme werden bis zum 24. September in Leipzig beim größten deutschen Treff der Programmkino-Branche gezeigt. 26 Stück davon macht man auch der Öffentlichkeit zugänglich. Dazu zählen etwa Philipp Stölzls Literaturverfilmung „Schachnovelle“ mit Oliver Masucci, die Historienromanze „Ammonite“ mit Kate Winslet oder auch der neue Woody Allen Film „Rifkins Festival“. Letzterer wird in einer 35mm-Vorführung gezeigt. Als besonderes Highlight präsentiert man im Rahmen eines Mitternachtsscreenings den kontrovers diskutierten Genrefilm „Titane„, der 2021 bei den Filmfestspielen in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde.

Albrecht Schuch spielt Thomas Brasch in „Lieber Thomas“

Starker Auftakt mit Film über Thomas Brasch

Während Branche und Fachpublikum mit Wes Andersons neuer Komödie „The French Dispatch“ in die Festivalwoche starten, beginnt das öffentliche Programm mit „Lieber Thomas“. Es hätte kaum einen spannenderen Auftakt geben können! Andreas Kleinert hat darin die Lebensgeschichte des provokativen DDR-Schriftstellers Thomas Brasch verfilmt, grandios verkörpert von Hauptdarsteller Albrecht Schuch („Systemsprenger“). Wenn „Lieber Thomas“ in seinen, zugegeben, recht exzessiven zweieinhalb Stunden Laufzeit eines beweist, dann ist es, dass Biographie-Filme keinesfalls in schnödes Nacherzählen einzelner Lebensstationen verfallen müssen. Regisseur Andreas Kleinert und Drehbuchautor Thomas Wendrich vermengen die Lebensgeschichte Braschs mit den Stimmungsbildern seiner literarischen Werke.

In den mitreißendsten Momenten verschwimmen schriftstellerische Fantasie und filmische Realität, bricht der bedrückende DDR-Alltag Braschs in mitunter albtraumhaften Visionen zwischen Erotik, Tod und Drogentrip zusammen. Ein rebellischer Film für einen rebellischen Schriftsteller! Ein Hauch Nouvelle Vague weht durch diesen aufregenden deutschen Film. Selbst Andrej Tarkowskis „Der Spiegel“ blitzt da stilistisch kurzzeitig durch, wenn sich Braschs Lebensgeschichte am Beginn als Zeitkapsel voller assoziativer Eindrücke öffnet. Vor allem zeigt „Lieber Thomas“ in seiner subjektiven Erzählweise eine DDR der Quälenden, Trunksüchtigen und Verkommenen, wie man sie im Kino noch nicht gesehen hat. Es bleibt zu hoffen, dass nach der Premiere beim Filmfest München der Auftritt bei der Leipziger Filmkunstmesse den Startschuss für einen großen Publikumserfolg bietet. Am 11. November wird der Film auch regulär in den Kinos starten.

Zukunft der Kinos

Generell ist „Lieber Thomas“ ein Werk, das die deutschen Programmkinos als Paukenschlag gut gebrauchen können, um im Herbst vielleicht auch ein Stück weit von „Dune„, „Eternals“ oder James Bond ablenken zu können. Immer wieder wurde während der Corona-Krise diskutiert, welche Formen von Kino und Filmkunst in Zukunft überhaupt noch öffentlichen Bestand haben würden. Eine Konkurrenz zwischen Programmkinofilmen und kommerziellen Blockbustern wurde da immer wieder heraufbeschworen. Welche Rolle spielt Kino überhaupt noch als Ort der Filmwahrnehmung? Wie haben sich Sehgewohnheiten zuletzt verändert?

Auch das sind Fragen, die man im Rahmen der diesjährigen Filmkunstmesse in Leipzig diskutieren will. Mehrere Panel-Diskussionen und Workshops drehen sich dabei unter anderem um digitale Kampagnen, Diversität oder auch die Rolle von Kinos in der Stadtentwicklung. Der Ex-Berlinale-Chef Dieter Kosslick wird über „Grünes Kino“ und Nachhaltigkeit sprechen. Am Mittwoch sollen zudem die aktuellen FFA-Zahlen zeigen, wie die Kinos durch die Corona-Krise gekommen sind.

Glamourös wird es derweil am vorletzten Abend der Messe. Am Donnerstag werden in Leipzig zum 44. Mal die Gilde-Filmpreise sowie der Publikumspreis der Filmkunstmesse für den besten Film verliehen.

Weitere Informationen sowie das gesamte Film- und Rahmenprogramm der 21. Leipziger Filmkunstmesse findet man auf der offiziellen Website.

Bildquelle:

  • filmkunstmesse: Wild Bunch Germany

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