Christoph Maria Herbst begeistert in „Contra“ als Rassist

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© 2020 Constantin Film Verleih GmbH
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Gestern Abend wurde die 20. Filmkunstmesse in Leipzig eröffnet. Den Auftakt des Programms bildete „Contra“, der neue Film von Erfolgsregisseur Sönke Wortmann, in dem Christoph Maria Herbst einen rassistischen Juraprofessor spielt.

Es gibt viel zu diskutieren bei der Jubiläumsausgabe der alljährlich stattfindenden Filmkunstmesse. Zwar lässt das Kino mit diversen Festivals wieder erste Lebenszeichen vermelden, doch die Krise ist gefährlicher denn je. Wie die Branche wieder sichtbar machen? Programmkinos zurück ins Bewusstsein holen? Wie das gemeinsame Filmerlebnis im dunklen Saal wieder in ein reizvolles Event verwandeln? Nur einige Fragen, die es in den kommenden Tagen bei einem der größten deutschen Filmbranchentreffs zu diskutieren gilt.

Ganz von inhaltlichen Fragen abgesehen, die Corona-Krise bleibt keinesfalls alleiniger Brandherd. So diskutieren etwa am Mittwoch in Leipzig die Regisseure Burhan Qurbani („Berlin Alexanderplatz“) und Faraz Shariat („Futur Drei“) mit der Medienwissenschaftlerin Prof. Dr. Elizabeth Prommer über gesellschaftliche Diversität im Kino. Nur treffend, dass man sich dazu entschlossen hat, mit dem Film „Contra“ die Messe für die Öffentlichkeit zu eröffnen. Jetzt, da mehr denn je über Kulturpolitik, die Kunst und das gesamte Miteinander gesprochen werden muss, kommt ein Film über das Zuhören, das Debattieren und das gegenseitige Verstehen durchaus gelegen.

Remake eines französischen Erfolgsfilms

Regisseur Sönke Wortmann („Das Wunder von Bern“) hat nach „Der Vorname“ ein weiteres Mal eine französische Vorlage für den deutschen Markt adaptiert. Für „Contra“ stand die erfolgreiche Tragikomödie „Die brillante Mademoiselle Neïla“ Patin, die 2018 in Deutschland an den Kinokassen überraschend bescheiden ankam. Platz für künstlerischen Stil, für inszenatorische Wagnisse bleibt in dem Remake (erwartungsgemäß) nicht. Und doch muss man eingestehen: Die Weichen sind gestellt, dass Wortmann einen weiteren potentiellen Kassenschlager für das hiesige Publikum geschaffen hat. Die Anpassung an die deutsche Lebensrealität ist beachtlich gelungen, die politische Brisanz zeitlos.

Erzählt wird, wie in der Vorlage, die Geschichte einer jungen Frau mit Migrationshintergrund. Naima, so ihr Name im deutschen Remake, ist an der Frankfurter Goethe-Universität immatrikuliert. Sie träumt von einer Karriere als Anwältin. Doch für ihren Traumberuf muss sie zunächst an dem grantigen Professor Dr. Richard Pohl vorbei, der sie direkt in der ersten Vorlesung vor versammelter Mannschaft mit rassistischen Kommentaren bloßstellt. Die Quittung für ihn folgt prompt: Um sein Ansehen zu bewahren, soll Pohl die junge Studentin für einen Debattierwettbewerb trainieren.

Großes Schauspielkino

Was folgt, ist in erster Linie ein furioses Schauspielduell. Einerseits Christoph Maria Herbst, der groß aufspielen und dieses Mal in einer überraschend ernsten Rolle auftreten darf. Es ist eine Freude, dem Schauspiel-Schwergewicht zuzusehen. Nicht zu vergessen: die ebenfalls wunderbare Nilam Farooq in der Hauptrolle. Die „SOKO Leipzig“-Darstellerin weiß der „Stromberg“-Ikone in jeder Szene einiges entgegenzusetzen. Angreifbar macht sich der Film dabei aber durchaus. Man verfolgt „Contra“ lange Zeit mit knirschenden Zähnen. Zu stark verfällt der Film hier und da der Faszination des Bösen.

Man konnte im deutschen Mainstreamkino jüngst leider allzu oft erleben, wie Rassismus und Diskriminierung als Pointen verkauft werden. Der Erfolg von problematischen Filmen wie „Das Perfekte Geheimnis“ gab dem dann zu allem Übel auch noch recht. Den Spagat zwischen Entlarven und Bedienen von Klischees meistert auch „Contra“ nicht immer einwandfrei. Davon abgesehen, dass das Drama häufiger Gefahr läuft, es mit seiner Erzählung vom weißen, hassenswerten Erlöser, der der Unterdrückten zum Ankommen in der Gesellschaft verhilft, etwas zu übertreiben.

Düsterer als die Vorlage

In dieser Hinsicht muss man Sönke Wortmanns Film jedoch durchaus zugestehen, dass die Landung zum Schluss trotzdem glückt. Gerade deshalb, weil „Contra“ mit seinem Antagonisten differenzierter umgeht, als es in der Vorlage der Fall war. Auch die gefühlskitschigen Momente des französischen Films wurden hier weitgehend gestrichen. Generell ist Wortmanns Remake düsterer und rauer als das Original ausgefallen. Wenn der Film in den sozialen Brennpunkt schaut, bleibt das nicht ohne Klischee-Figuren. Dennoch sind die Beobachtungen über soziale Abstiegsängste, Aufstiegsprobleme, Habitus und gesellschaftliche Stigmata treffend. Leicht hat man es sich nicht gemacht. Die Botschaft vom Ziel einer gegenseitigen Annäherung sitzt. Trotz aller Weichspülungen und braven Belehrungen: Es bleiben genügend Grautöne übrig.

„Contra“ hat die Komplexität seiner Figuren verstanden. Er bleibt ambivalent in seinem Spiel aus Hass und Zuneigung, das nicht überwunden werden kann, aber zumindest zu einer gegenseitigen Bereicherung und Annäherung führt. „Ziel eines Konfliktes oder einer Auseinandersetzung soll nicht der Sieg, sondern der Fortschritt sein.“, wird anfangs der französische Moralist Joseph Joubert zitiert. Vielleicht fehlt diesem Prinzip die Utopie. Doch es ist zumindest eine Freude, diesem kleinen Fortschritt in „Contra“ beiwohnen zu können. Am 14. Januar will Constantin Film „Contra“ auch regulär in die Kinos bringen.

Der Trailer zur französischen Vorlage von „Contra“:

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