Contra „Tenet“: Viel Lärm um Wenig

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Christopher Nolans neuer Science-Fiction-Streifen „Tenet“ wird bereits seit Wochen als Heiland gepriesen, der die Lichtspielhäuser nach Corona wieder füllen soll. Einen Tag nach Kinostart bleibt ein ernüchternder Eindruck.

Die Geheimniskrämerei war riesig um den langerwarteten neuen Film von Christopher Nolan („Inception“, „The Dark Knight“). Bekannt war nur, dass es um nichts anderes als die Rettung der Welt gehen soll und mal wieder um die Zeit, Nolans Lieblingsthema. Nun wird der Start des Films natürlich vielen Kinos eine dringend notwendige Finanzspritze bringen. Schließlich gehört Nolan neben vielleicht einem Quentin Tarantino zu den wenigen populären Regisseuren, die auch diejenigen Leute ins Kino ziehen, die dort ansonsten vielleicht nur ein bis zwei Mal im Jahr ein Ticket lösen.

Nun ist es aber reichlich naiv, zu glauben, dass ein einzelner Kinostart die Kinos vor dem Aussterben retten oder von jetzt auf gleich die verheerenden finanziellen Einbrüche der vergangenen Monate wieder wettmachen kann. Bevor man also „Tenet“ als den Heilsbringer der Branche begreift, ist etwas Pessimismus leider durchaus angebracht. Ein Schritt nach dem anderen! Ein simpler Satz, den sich auch Christopher Nolan hätte zu Herzen nehmen sollen. Denn auch aus künstlerischer Sicht wirkt sein neuer Film arg überhastet und künstlich aufgeblasen.

Einmal durch die Zeit und wieder zurück

An wohltuender Gigantomanie mangelt es Nolan keinesfalls. Es handelt sich immer noch um einen Regisseur, der es versteht, eigentlich simple Blockbuster-Erzählfetzen mit viel Geschick und All-Star-Besetzung so zu arrangieren und zu verdrehen, dass sie in neuem Glanz erstrahlen und die Hirne des Publikums einmal durcheinanderwirbeln können. Dass Nolan dabei weniger am Charakterdrama, sondern vielmehr an der ganz großen Technik, am Überbordenden interessiert ist, wird allein dadurch deutlich, dass seine Hauptfigur, gespielt von John David Washington, dieses Mal nicht einmal einen Namen erhält.

Der „Protagonist“ arbeitet für eine ominöse Organisation, die einen Weltkrieg und die einhergehende Vernichtung der Welt verhindern will. In einem Labor erklärt ihm eine Wissenschaftlerin, dass man immer häufiger Gegenstände auf der Welt findet, die mit einer neuartigen Technik invertiert wurden, sie sich also rückwärts durch die Zeit bewegen. Was das für Gegenstände sind? „Die Trümmer eines kommenden Krieges“, heißt es.

©Melinda Sue Gordon/ Warner Bros. Entertainment

Grandiose Action

Und damit sind die Weichen gestellt für ein neues Verwirrspiel des Regisseurs, der sein Publikum einmal mehr zu einer äußerst komplizierten Physik-Lehrstunde lädt. Spätestens in der zweiten Filmhälfte fällt es schwer, nicht irgendwann geistig auszusteigen, wenn sich vorwärts- und rückwärtsgerichtete Zeitebenen immer wilder ineinander verschränken. Gar keine Frage: Nolan hat mit „Tenet“ einen vor Bombast strotzenden Film geschaffen. Die Actionszenen sind beeindruckend choreographiert. So spektakulär in Szene gesetzt und mit der donnernden Musik von Komponist Ludwig Göransson so brachial untermalt, dass man schon genau suchen muss, wenn man aus den vergangenen Jahren Besseres finden will.

Indem Nolan größtenteils auf digitale Effekte verzichtet, erhalten seine Kämpfe und Verfolgungsjagden eine Physis und Theatralität, die diese Welt zu greifbarer Lebendigkeit erwecken können. Wenn sich hier einstürzende Gebäude auf Schlachtfeldern plötzlich wieder zusammensetzen, wenn Figuren ihrem eigenen Ich begegnen: Man hat derartige Szenen in solchen Ausmaßen noch nie auf der Leinwand sehen können. „Tenet“ ist ein Film, der für ein Erlebnis im Kinosaal konzipiert wurde und alles aus seinem Medium herausholt.

Wie eine Schulstunde

Dennoch bleibt ein fader Gesamteindruck. Nolans neustes Werk fühlt sich erzählerisch an wie ein Schnellschuss, trotz jahrelanger Arbeit. Der Film rast von Schauplatz zu Schauplatz, Szene zu Szene. Figuren ergänzen sich in abstrusen Dialogen gegenseitig mit Faktenwissen, das irgendwie als notwendig erachtet wird, um die zahlreichen Regeln zu etablieren. In wiederum anderen wird ärgerlich darüber gewitzelt, dass man das Spiel mit der Inversion ja sowieso nicht verstehen könne. Naja, wenn man schon einen 150 Minuten langen Film dreht, von dem 100, gefühlt, nur aus Erklärungen bestehen, schießt das vielleicht etwas am Ziel vorbei! Und wozu das alles? Man ist danach nur mäßig schlauer. Die Bedrohung aus der Zukunft, das Ende der Welt, das alles fühlt sich in „Tenet“ mehr wie eine unverständliche Behauptung an.

Es fehlt die Fallhöhe, es fehlen die Schicksalsschläge und Wendungen, die Nolan etwa in „Interstellar“ kreiert hat. Dort ging es ja auch schon um die Frage, inwiefern sich für die Rettung der Menschheit Zukunft und Vergangenheit gegenseitig manipulieren können. In „Tenet“ fühlt sich das alles nur noch wie ein überkonstruiertes Gimmick an, um, zugegeben, gigantisches und immer wieder verblüffendes Blockbuster-Spektakel zu inszenieren, das sich aber mit fortschreitender Kompliziertheit innerlich aushöhlt. „Tenet“ hat insgesamt erschreckend wenig über uns zu sagen. Ist das Kino denn überhaupt rettenswert, wenn es, wie hier, mehr an bloßer Attraktion und Besserwisserei als am Erzählen, Durchleuchten und Eröffnen interessiert ist? Vielleicht bekommt das Bollwerk Christopher Nolan mit diesem Film einen deutlichen Riss. Schade! Seinen langjährigen Kritikern macht er es mit „Tenet“ leider allzu leicht, Salz in die Wunden zu streuen.

„Tenet“ läuft seit dem 26. August bundesweit in den deutschen Kinos.

Eine andere Meinung zum Nolan-Blockbuster „Tenet“ hatte indes HDTV-Chefredakteur Christian Trozinski.

Bildquelle:

  • df-tenet: Melinda Sue Gordon/ Warner Bros. Entertainment
  • tenet3: Warner Bros/ Melinda Sue Gordon

29 Kommentare im Forum

  1. Seltsamer Name. Ich verstehe immer "Telnet" und das klingt für mich nach einem Telekommunikationsunternehmen
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