Die schlechtesten Filme des Jahres

Ein filmischer Jahresrückblick

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© aerogondo - Fotolia.com
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Ganz unabhängig von der Bedrohung durch die Corona-Pandemie: Das Kino- und Streamingjahr 2020 hatte auch künstlerisch so manches Ärgernis zu bieten. Ein persönlicher Rückblick auf die Flop 10 des Jahres.

Platz 10: Mank

Die Entstehungsgeschichte hinter einem der besten Filme aller Zeiten in einem der schlechtesten Filme des Jahres. Kultregisseur David Fincher („Fight Club“) erzählt in „Mank„, wie Herman J. Mankiewicz am Drehbuch von „Citizen Kane“ schreibt und Zeuge des korrupten Hollywood-Systems in den 1930er Jahren wird. Soll in der Theorie ein Spannungsfeld zwischen Vergangenheit und (politischer) Gegenwart ergeben.

Am Ende sind es geschlagene 130 Minuten voller ausufernder Schwatzereien, die in alle Richtungen schießen, damit sich jeder sein Lieblingsthema herauspicken kann und sich am Ende in ihrer seelenlosen Retro-Inszenierung doch nur dem System anbiedern, das man kritisieren will. Ein überladenes, furchtbar zähes Unterfangen, dem es unter seinem Bombast an Rückgrat und Vision mangelt!

„Mank“ ist am 4. Dezember bei Netflix erschienen.

Platz 9: The Vast of Night

Ähnlich wie „Mank“ ist auch „The Vast of Night“ zum reinen Filmmuseum missraten. In nostalgischem 50er-Jahre-Flair (inklusive verwaschener Optik) schwelgt die Mystery-Erzählung in Erinnerung an Klassiker wie „Krieg der Welten“ oder die „Twilight Zone“. Letztendlich ist die Spurensuche zweier Jugendlicher nach einem außerirdischen Radiosignal ein frustrierendes Unterfangen.

„The Vast of Night“ könnte tatsächlich, wie in anderen Kritiken oft beschworen wurde, auch selbst ein Radiohörspiel sein. Ein gutes wäre es dennoch nicht. Dafür gibt es viel zu wenig zu erzählen. Ein verquer herbeigeredeter Determinismus rund um Aliens, die das Übel der Welt lenken, ist der Gipfel. Erklärt werden soll damit die amerikanische Paranoia des kalten Krieges. Nun, ein Glück sind die 50er aber vorbei! Ed Woods Trashfilm „Plan 9 aus dem Weltall“ aus dieser Zeit war da schon einmal interessanter.

„The Vast of Night“ ist seit dem 29. Mai bei Amazon Prime Video verfügbar.

Platz 8: Die fantastische Reise des Dr. Dolittle

Mögen die Tiere doch schweigen! Das Remake des Eddie Murphy – Kultstreifens ist ein Familienfilm, dem eine einzigartige Lustlosigkeit anhaftet, irgendetwas Mitreißendes zu erzählen. Robert Downey Jr. mimt in der Neuauflage nun den Arzt, der mit Tieren sprechen kann. Verlagert wurde die Prämisse in das England des 19. Jahrhunderts, wo Dolittle mit einigen Tieren auf große Reise geht, um ein Heilmittel für die kranke Königin zu finden.

Zu sehen gibt es unterwegs vor allem schwer erträgliche CGI-Bilder und allerhand Furz- und Klöten-Witze. Fantastisch ist an dieser Reise leider recht wenig. Kein Kind der Welt hat es verdient, mit diesem neuen Dr. Dolittle aufzuwachsen!

„Die fantastische Reise des Dr. Dolittle“ ist am 30. Januar in den Kinos gestartet.

Platz 7: Mulan

Es ist doch immer wieder das alte Lied, das man singen kann, wenn Disney beschließt, einen alten Klassiker neu aufzulegen. Was mit Tim Burtons „Dumbo“-Neuverfilmung durchaus noch gelang, erreicht in „Mulan“ nicht einmal ansatzweise den Geist des originalen Zeichentrickfilms. Die sterilen, fahlen Bilder lassen jeglichen Charme der farbenfrohen Vorlage vermissen. Die gut gemeinte Emanzipationsgeschichte steckt indes voller Militarismus und Fremdheitsängsten.

Repräsentation hin oder her, vom altbackenen und gefährlichen Gut-Böse-Schema will man sich leider nicht trennen, noch dazu überschattet vom kontrovers diskutierten Produktionsskandal. Die Verfilmung von 1989 war in einigen Punkten schon differenzierter!

„Mulan“ ist am 4. September bei Disney+ erschienen.

Platz 6: Dinner in America

Echte Provokationen sind im Kino eine Seltenheit geworden. Inzwischen gibt es vermeintlich kaum noch etwas, mit dem man das Publikum ernsthaft irritieren oder gar schocken kann. Am allerwenigsten mit pubertärer Bösartigkeit. Leider begeht die Satire „Dinner in America“ genau diesesn Fehler. Erzählt wird die Geschichte eines dauerfluchenden jungen Mannes, der auf der Flucht vor der Polizei bei einem gutbürgerlichen Mädchen Unterschlupf findet.

Sexismus und Diskriminierung werden als zarte Liebesbande zwischen beiden Figuren verkauft. Die Kritik am amerikanischen Bürgertum mit ihren scheinheiligen Ritualen verpufft in einer nicht enden wollenden, äußerst stumpfen Schimpftirade. Ein Film wie ein angetrunkener 16-Jähriger, der seinem Menschenhass freien Lauf lässt und sich besonders rebellisch wähnt.

„Dinner in America“ lief im September beim Fantasy Filmfest.

Platz 5: Hillbilly-Elegie

Ron Howard, einer der ganz großen Hollywood-Regisseure, hat in „Hillbilly-Elegie“ aus einem literarisch durchwachsenen Erfahrungsbericht von J.D. Vance aus dem US-amerikanischen Rostgürtel einen ärgerlichen Film gemacht. Amy Adams und Glenn Close dürfen groß aufspielen, wahrscheinlich bereits in Richtung Oscars schielend. Angesehene, hübsche Stars, die sich per Make Up in die „einfachen Leute“ aus Mittel- und Unterschichte verwandeln, das ist oft ein Preisgarant.

Die Buchvorlage wurde damals in den Himmel gehoben, sie würde dazu beitragen, den Wahlsieg Donald Trumps zu verstehen. Das kann man von der Verfilmung auf keinen Fall behaupten. Ja, sie verschärft sogar noch Ressentiments. „Hillbilly-Elegie“ ist gefühlskitschiges Leidenskino voller Fluchen, Schreien und Drogenmissbrauch bis zum Happyend. Gefeiert wird derjenige, der aus eigenen Kräften das armselige Dasein erkennt und sich getreu des American Dream daraus hervorarbeitet. Bekomme endlich dein Leben auf die Reihe, oder verende elendig, sagt dieser Film! Gesellschafts- und Systemanalyse? Fehlanzeige.

„Hillbilly Elegie“ ist am 24. November bei Netflix erschienen.

Platz 4: Die Hochzeit

Til Schweiger holt aus zum nächsten Schlag. In „Die Hochzeit“, einer Fortsetzung seiner Komödie „Klassentreffen 1.0“ verhandelt er unter anderem sein Verhältnis zur bösen Kritik. Seine Filmfigur lernt hier, endlich über den dummen, böswilligen Kritikern zu stehen, während er als Regisseur und Autor so ziemlich alle Fehler begeht, die ihm jemals angekreidet wurden. Wen Schweigers Verhältnis zur Kritik eigentlich interessiert? Man weiß es nicht so genau.

„Die Hochzeit“ ist daneben eine weitere Schweigersche Komödie, die sich in ihrer Kuschel-Deko-Optik am liebsten über Geschlechtsteile, hässliche Frauen, schwule Modeexperten, seltsame Dialekte und feminin aussehende Männer amüsiert. Alles wie immer…leider. Der Rest ist Gähnen.

„Die Hochzeit“ ist am 23. Januar in den Kinos gestartet.

Platz 3: Die Känguru-Chroniken

Kann das funktionieren, haben sich viele Fans der Texte von Marc-Uwe Kling gefragt. Eine Verfilmung der ohnehin eher episodischen „Känguru“-Erzählungen mit einem animierten Känguru auf der Leinwand? Nun ja, das animierte Känguru ist nicht das Problem. „Die Känguru-Chroniken“ ist aber deutsches Satirekino, das das Kino zum Kindergarten erklärt und seine literarische Vorlage unterwandert.

Wenn sich erwachsene Menschen im Kinosaal mal wieder auf der „richtigen Seite“ wähnen und kräftig über klischeehafteste Nazi-Karikaturen lachen dürfen, die dann auch noch so dumm sind, das Jahr 1933 als Code für ihren Safe zu benutzen, dann weiß man: Rette sich, wer kann! Rechtsruck, Extremismus, gesellschaftliche Spaltung, all das wird man mit diesem Film weder begreifen noch bekämpfen können. Im Gegenteil! Wenn überhaupt macht diese kindische Komödie alles nur noch schlimmer.

„Die Känguru-Chroniken“ ist am 5. März in den Kinos gestartet.

Platz 2: Artemis Fowl

Es war der vermutlich größte Flop des Jahres, an dem (berechtigt) kaum jemand ein gutes Haar lassen konnte. In 90 Minuten kann man erleben, wie in „Artemis Fowl“ eine beliebte Vorlage regelrecht verunglimpft wird. Nichts in dieser Fantasy-Welt fühlt sich irgendwie organisch oder verständlich an. Der gesamte Film ein einziges Werben für all das, was da in möglichen Fortsetzungen noch kommen könnte, aber vermutlich nie kommen wird.

Ein Kaleidoskop an Figuren, die niemand kennt. Künstliche Bilder zum Weglaufen. Nationalistische und agressive Tendenzen im Subtext. „Artemis Fowl“ ist eine einzige Exposition für eine Reihe, die nicht einmal als solche funktioniert. Disneys Romanadaption ist leider eine völlig gescheiterte Romanverfilmung!

„Artemis Fowl“ ist seit dem 14. Juni bei Disney+ verfügbar.

Platz 1: 365 Days

Netflix goes „Fifty Shades“. Während sich die erotische Romanverfilmung „365 Days“ lange an der Spitze der Netflix-Charts hielt, weil offenbar viele wissen wollten, wie unanständig das alles denn geworden ist, liefen vor allem Feministinnen und Feministen Sturm. Zum Glück, möchte man sagen! Immerhin scheint es noch genügend Menschen zu geben, die den verachtenswerten Kern dieser Missbrauchsfantasie erkannt haben.

Von Liebe und Erotik ist hier schon lange keine Spur mehr. Die übergriffige Sadomaso-Geschichte wühlt stattdessen in Künstlichkeit, Konsumterror und Luxusbildern, schlimmer als eine Folge von den „Geissens“. Man wünscht sich beinahe Mr. Grey und Edward, den „Twilight“-Vampir, zurück. „365 Days“ ist der schlechteste Film des Jahres 2020. Fortsetzung bereits in Arbeit.

„365 Days“ ist seit dem 8. Juni bei Netflix verfügbar.

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31 Kommentare im Forum

  1. Ich habe keinen der Filme gesehen, Glück gehabt. Der Trailer zu den Känguru-Chroniken war tatsächlich unterirdisch.
  2. Hab auch keinen der genannten Filme gesehen Aber persönlich würde ich noch "The Midnight Sky" auf die Liste setzen.
  3. Ganz ehrlich,Mulan war gut und gehört nicht auf die Liste. Sollte man halt nicht immer mit dem Drachen der fehlt in Verbindung bringen. Vorallem kommen ja trotzdem Fantasie Elemente vor.
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