Nach WDR-Eklat: Raus mit den TV-Fossilien

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Gottschalk und Konsorten empören im WDR-Talk
Bild: WDR/Max Kohr
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Im deutschen Fernsehen wurde mal wieder von Rassismus gesprochen – und eine Blamage mit Ansage trug sich zu. Spätestens jetzt müssen sich die Redaktionen von Talkshows wirklich fragen, warum sie eigentlich immer noch Leute wie Thomas Gottschalk einladen.

Wenn der Großvater von nebenan das Gendern nicht mehr lernt, wird unsere Gesellschaft ihm das wohl nachsehen können – seine Gedanken sind grau wie der Strickpullunder und er wird den Weg in die Zukunft nicht mehr weit mitgehen. Es ist sein gutes Recht, von den Debatten um die notwendigen Veränderungen unserer Soziokultur Abstand und seine Unverbesserlichkeiten mit ins Grab zu nehmen. Auf dem Weg zurück in den Nebel der Nichtexistenz dürfen Fünf gerade bleiben – und die grauen Herren noch ein paar sorglose Jahre im Schoß von Horst Lichter ruhen. Einfach mal „Bares für Rares“ so laut aufdrehen, dass es die ganze Mietskaserne hören kann und auf der Zielgerade noch einmal so richtig das Leben genießen.

„Die letzte Instanz“: Grotten-Talk mit Gottschalk

Geradezu gefährlich wird es jedoch, wenn sich zu viele Auslaufmodelle der obigen Beschreibung in Talkshows tummeln, in denen über gesellschaftliche Entwicklung gesprochen wird. Den längst nicht mehr nötigen Beweis dafür erbrachte zuletzt wieder TV-Veteran Thomas Gottschalk, der auch in jüngeren Jahren schon eher ein Zeremonienmeister der abendfüllenden Steifheit war als ein Entertainer. So führte der mit angestaubtem Herrenwitz bewaffnete Alt-Filou eine Fraktion der Peinlichen an, die jüngst in der WDR-Talkshow „Die letzte Instanz“ unter anderem über Rassismus diskutierte.

Das Ergebnis: Ein nach Stammtisch miefendes Phrasenbingo, das nie so hätte stattfinden müssen – wenn die Wahl der Gäste nicht so offensichtlich unbedacht gewesen wäre. So setzte sich die Teilnehmerrunde ausschließlich aus Menschen zusammen, die als biodeutscher Einheitsblock ihre peinlich-naiven Ansichten zu Alltagsrassismus und diskriminierenden Vokabeln im Sprachgebrauch kundgaben. So wurde zum Beispiel die „Zigeunersoße“ ein weiteres mal zum bedrohten Kulturgut erklärt, als wäre der Begriff ein Grundpfeiler des gepflegten Sprachgebrauchs. Ob die Promi-Junta in den Studiosesseln ihrer Unbedarftheit so exhibitionistisch die Blöße gegeben hätte, wenn auch Deutsche mit Migrationshintergrund und lebendiger Diskriminierungserfahrung zugegen gewesen wären? Vermutlich nicht – schließlich ruderten die an dem Talk-Fiasko beteiligten TV-Persönlichkeiten Janine Kunze und Micky Beisenherz später hastig zurück, als ihnen ein Shitstorm mit Windstärke 13 um die Ohren flog.

Ist der WDR nun wirklich schlauer?

Auch beim WDR gab man sich einsichtig und konstatierte: „rückblickend ist uns klar: Bei so einem sensiblen Thema hätten unbedingt auch Menschen mitdiskutieren sollen, die andere Perspektiven mitbringen und/oder direkt davon betroffen sind. Wir lernen daraus und werden das besser machen.“ Im Zweifel für den Angeklagten, aber dann bitte zukünftig diverser besetzte Gesprächsrunden mit mehr Podium für die Erfahrungen Betroffener – wenn aber dann immer noch um die Zigeunersoße diskutiert werden muss schleicht sich die üble Vermutung ein, dass Deutschland im Hinblick auf Debattenkultur ähnlich ins Hintertreffen geraten ist wie beim Netzausbau.

Aber wie kann man ernsthaft noch eine Sendung planen, in der über Rassismus gesprochen werden soll – und keine (in Zahlen: 0) Menschen einladen, die in ihrem Leben mit Alltagsrassismus und Diskriminierung zu kämpfen haben? Warum muss da Thomas Gottschalk sitzen und darauf beharren, dass er sich für nichts und niemanden mehr ändert? Wie oft muss die Twitter-Öffentlichkeit auf die Barrikaden gehen, um Lippenbekenntnisse von TV-Promis zu erzwingen, die zuallererst um ihre Karriere fürchten? Hoffentlich nicht mehr allzu oft. Beim einen oder anderen Eierlauf bei den Privatsendern dürfte auch für Thomas Gottschalk noch Platz sein, aber Talkshows mit gesellschaftlich relevantem Inhalt sollten tunlichst auf frischeres, diverseres Klientel umschwenken.

Ein Kommentar von Richard W. Schaber

Bildquelle:

  • dieletzteinstanz: WDR/Max Kohr

107 Kommentare im Forum

  1. Ich hab die Sendung nicht gesehen und werde sie mir auch nicht in der Mediathek anschauen. Das ist meine Meinung dazu und ich muss mir auch nicht anhören, was Herr Gottschalk und andere dort zum Besten gegeben haben. Realer Alltagsrassismus ist nicht zu akzeptieren. Machen mir Menschen Sorgen, die ein Zigeunerschnitzel bestellen? NEIN! Mir machen Rassisten Sorgen, die ein Schnitzel mit Paprika-Sauce bestellen. Mir machen Menschen Sorgen, die von anderen Menschen möglicherweise Dinge erwarten, die sie selbst nicht leisten können. Mir machen Menschen Sorgen, die von Hass getrieben mit Gewalt und Tod drohen, am besten noch in sozialen Medien, öffentlich, aber trotzdem vermeintlich anonym, weil andere Menschen nicht ihrer Meinung sind. Wir müssen eine Balance finden. Natürlich müssen Menschen aufpassen, dass sie durch Worte und Taten Niemanden kränken, beleidigen und verletzen, also diskriminieren, obwohl sie dies oft gar nicht wollen. Auf der anderen Seite denke ich, tun wir alle gut daran mehr darüber nachzudenken, was unser Gegenüber eigentlich mitzuteilen hat. Das Wort muss nicht über dem Herzen stehen, aber wenn das Herz nicht rein ist, hilft auch kein Dialog. Menschen müssen sich wieder verstehen lernen, egal woher sie kommen, oder welche Unterschiede es gibt. Ich will mal etwas in den Raum werfen: Neue Hülle für mehr Inklusion Kann ein Ausweis wirklich bescheinigen, ob ein Mensch schwer in Ordnung ist, oder liegt die Wahrheit nicht in einem selbst? Man kann die Sprache nicht an jeder Stelle des Lebens verändern, nur weil die Realität weh tut... Die Realität auf dieses Beispiel heißt eben, dass ein Mensch ist wie er ist, aber er ist trotzdem ein Mensch.
  2. Das einzige was passieren wird ist eine gewissene verdrossenheit . Irgendwann sind die Leute einfach nur noch genervt ähnlich wie bei der Me too Bewegung . Man erreicht genau das Gegenteil von dem was man erreichen will . Die Medien und Social Networks schlachten jedes Thema so aus das es irgendwann nur noch belächelt wird. Für die Amis sind wir immer noch die Krauts und für die Österreicher sind wir weiterhin ein piefke . So ist das nun mal ,und nicht jede Beleidigung ist gleich Rassistisch gemeint . Deutschland macht sich nur lächerlich.
  3. Also mal ehrlich Thomas Gottschalk hat mehr für das deutsche Fernsehen getan, als die ganze Redaktion zusammen von DF je tun wird. Insofern erwarte ich von der DF-Redaktion gegenüber Gottschalk den Respekt, den ihr ja für die Minderheiten fordert. Die Diskutanten bei dieser Sendung haben lediglich ihre Meinung gesagt. Man kann ihnen zustimmen oder auch nicht, aber zu fordern, das sie sie öffentlich nicht mehr ihre Meinung sagen dürfen oder das Gottschalk nicht mehr eingeladen werden darf, geht gar nicht. Aber anscheinend darf man in Deutschland nicht mehr frei seine Meinung öffentlich äußern. Denn wenn man eine Meinung hat die gewissen Leuten nicht genehm ist, muss man berufliche Nachteile fürchten oder man wird bösartig angefeindet. Das ist traurig. Gottschalk hat nun wirklich nichts schlimmes gesagt. Ihr solltet euch mal hinterfragen, warum man bei so einer Hetze mitmacht. Doch nur weil es gerade chic ist. Und warum sollen irgendwelche linksradikalen Spinner auf Twitter jetzt das Recht haben zu entscheiden, was man noch sagen darf und was nicht? Wieso haben die Twitterspinner jetzt plötzlich mehr Niveau? Und wer war eigentlich der Autor dieses geistigen Dünnschisses, das sich Artikel nennt?
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