"Full HD 3D"? Prüfsiegel und (falsche) Werbeslogans hinterfragt

09.02.2012, 12:03 Uhr, ct

Das Prüfinstitut VDE garantiert maximale Transparenz und Verbrauchersicherheit. Im Falle der Full-HD-3D-Zertifizierung moderner Flachbildfernseher fühlen sich viele Konsumenten aber allein gelassen - aufgrund der irreführenden Werbung zahlreicher Hersteller, die Auflösung vorgaukelt, die gar nicht vorhanden ist, gut nachvollziehbar.

Die Full-HD-Zertifizierung für LGs Polfilterverfahren durch den VDE öffnete den Marketingtricks Tür und Tor. Aktuell können Verbraucher nicht mehr sicher sein, welche Auflösung im 3D-Modus tatsächlich geboten wird.
Bild: LG/VDE


Der Fall ist keineswegs neu: Bereits am 6. Juli 2011 stellte das Prüfinstitut VDE die begehrte Full-HD-3D-Zertifizierung für den Hersteller LG aus und sorgte damit für einen Eklat. Obwohl die Polfiltertechnik die Auflösung im 3D-Betrieb nachweislich halbiert, widerspricht der Verband VDE den technischen Fakten in seiner Prüfung und kommt zum Ergebnis: Trotz halbierter Zeilenauflösung für das linke und rechte Auge erreichen den Zuschauer 1080 Bildzeilen gleichzeitig – 540 für das linke und 540 für das rechte Auge. 
 
Wortwörtlich gesteht der VDE aber Defizite ein: "Full HD 3D Darstellung in Kombination beider Augen (540 Zeilen pro Auge) mit Einschränkungen." Was der VDE verschweigt: Die Bilder für das linke und rechte Auge sind nicht deckungsgleich, sondern zeigen minimal unterschiedliche Perspektiven, die den letztendlichen 3D-Eindruck erst ermöglichen. Somit gelangen zum Zuschauer zwei niedriger aufgelöste Bilder, die unmöglich zu einer Summe addiert werden können. 
 
Die Praxis widerspricht der VDE-Angabe ebenfalls: Stellen Sie auf einem LG-Polfilterfernseher ein 2D-Bild in Full HD dar und wechseln per Konvertierung in den 3D-Betrieb, ist der Auflösungsverlust klar erkennbar. Gleiches gilt für eine Blu-ray-3D-Darstellung, die deutlich weniger Details zeigt als eine 2D-Darstellung der gleichen Szene. Erschwerend kommt für die Polfiltertechnik hinzu, dass die ausgeblendeten Bildzeilen als schwarze Linien erkennbar sind und je nach Sitzabstand und Bildinhalt störend sichtbar sein können, zudem neigen diagonale Linien zu verstärkten Treppeneffekten. 

Full HD und die Frage der korrekten Definition


 
Für die 2D-Darstellung hat sich die Angabe Full HD als allgemeingültiges Qualitätskriterium etabliert, der Kunde kann somit sicher sein, dass 1920x1080 Bildpunkte verlustfrei dargestellt werden. Mit der Einführung von Full HD 3D durch die 3D-Pioniere Panasonic und Sony wurde dieser Qualitätsmaßstab in die dritte Dimension hinübergerettet: Beide Augen bekommen die volle Bildauflösung der Bildquelle zu sehen. Mit dem Eintritt von LGs Polfiltertechnik in den 3D-Markt galt diese Sicherheit für den Verbraucher nicht mehr. LGs Lösung: Statt die Technik zu verbessern, räumte man durch Marketingtricks und Prüfsiegel den Nachteil aus der Welt. 
 
Da beim Shutter-Verfahren immer ein Auge abgedunkelt wird und die Bilddarstellung im Wechsel erfolgt, müsse laut LG folgerichtig die Auflösung zu einem bestimmten Zeitpunkt gemessen werden. Sendet ein Fernseher ein Bild für ein Auge, so entspricht dies 1920x1080 Bildpunkten. Im Gegensatz zur Shutter-Technik vermindert das Polfilterverfahren zwar die Zeilenauflösung um 50 Prozent, doch dafür gelangen die Bilder für das linke und rechte Auge gleichzeitig zum Betrachter, ergo sind ebenfalls 1920x1080 Bildpunkte (2x 1920x540 Bildpunkte) zu einem Zeitpunkt sichtbar. 
 
Diese Theorie der Messung widerspricht aber der 3D-Darstellung in der Praxis, denn um überhaupt einen 3D-Effekt wahrzunehmen, müssen immer zwei unterschiedliche Bilder zum Betrachter gelangen und dies ist natürlich auch bei der Shutter-Technik der Fall. Auf Nachfrage der Redaktion der HD+TV bestätigte der Verband VDE, dass nach dieser Theorie entsprechende Shutter-Displays die doppelte Full-HD-Auflösung im 3D-Modus bieten. 

Marketingschachzug mit VDE-Zertifikat


 
Der VDE spricht auf der eigenen Website von Mehrwert und Orientierung für Verbraucher: "Mit der Marke "VDE Quality Tested" gehen Sie als Hersteller oder Verantwortlicher im Handel auf Nummer sicher". Im Falle der Full-HD-3D-Zertifizierung fühlen sich aber viele Verbraucher im Stich gelassen, denn weder stellen Hersteller wie LG die Fakten nachvollziehbar dar, noch bietet die Zertifizierung "Full HD in 3D" die notwendige Transparenz. Einzig LG profitierte vom Prüfsiegel und bewarb das Polfilter-3D-Verfahren in den Printanzeigen mit den Worten: "Auch wenn anders behauptet – der Zuschauer sieht letzten Endes das 3D-Bild in Full HD." 
 
Dank der VDE-Zertifizierung konnte LG alle Anfragen abwehren, auch wenn diese Aussage grundlegend falsch ist und mit einfachsten Methoden widerlegt werden kann. Das Kuriose: Andere Hersteller, die ebenfalls Polfilterfernseher mit LG-Technik anbieten, bleiben bei der Wahrheit und stellen für den Konsumenten klar heraus, dass die Shutter-Technik eine bessere Bildauflösung liefert – wenn sie richtig angewendet wird.
 
Im Zuge der Markterfolge von LGs Polfiltertechnik und dem geschickten Marketingschachzug mittels VDE-Zertifizierung, begann sich die Preisspirale nach unten zu drehen. Während die meisten TV-Anbieter für Hochpreismodelle weiterhin die Shutter-Technik einsetzten, um echtes Full-HD-3D zu ermöglichen, etablierte sich das Polfilterverfahren in den unteren Preisklassen. Insbesondere für Samsung war diese Entwicklung alles andere als erfreulich, denn nicht nur hierzulande zog LG alle Marketingregister: Das Polfilterverfahren sollte sich auch in den USA und Korea schnell großer Beliebtheit erfreuen – für den Konsumenten war der Auflösungsverlust bald kein Thema mehr. 

Bleiben Sie kritisch - nicht jedes Schnäppchen ist auch eins!


 
Nachdem die Empörung über LGs Gebaren abebbte, sorgte Samsungs D6500-Serie für Aufsehen: Trotz Shutter-Technik konnte die Bildauflösung im 3D-Modus nicht mit der 2D-Darstellung konkurrieren, sondern es traten, vergleichbar zu LGs Polfiltertechnik, sichtbare Auflösungsdefizite auf. Um im Niedrigpreissegment zu punkten, reduzierte Samsung den Berechnungsaufwand und lieferte statt Full-HD-3D-Auflösung eine geringere Qualität ab. Die Testredaktion der HD+TV ermittelte nicht nur Detailverluste von über 50 Prozent, sondern konnte die verringerte Auflösung im 3D-Modus auch bei weiteren Einstiegsserien unterschiedlicher Hersteller nachweisen. 

Samsung reagierte, anders als LG, nicht mittels Marketingstricks, sondern krempelte die Bildverarbeitung um. Aktuell ist eine interne Softwareversion 002000 im Umlauf, die als Maßstab für eine erneute Prüfung durch den Verband VDE diente. Hierbei spricht das Prüfinstitut nicht nur von Full HD 3D, sondern auch von "1080p Zeilen" für jedes Auge. Auf der Prüfplakette ist der Vermerk 1080p ebenfalls sichtbar, bei LGs Polfiltertechnik ist einzig von Full HD die Rede, nicht aber von 1080p. Laut Samsung werde die Software auf Nachfrage all jenen zur Verfügung gestellt, die mit der 3D-Auflösung der D6500-Serie unzufrieden sind. Fortan werde die echte Full-HD-3D-Qualität mit der Version 002000 und ausgeschalteter Einstellung "Motion Plus" ermöglicht. 

Im Gegensatz zu LG zeigt Samsung somit echte Lösungsansätze, die fehlerhaften Angaben seitens der Hersteller und die undurchsichtigen Prüfergebnisse des VDE hinterlassen aber dennoch einen faden Beigeschmack, der auch allen zukünftigen Technologien anhaften wird. Deshalb unser Rat: Sollten Sie sich allein durch Herstellerangaben oder Datenblätter informieren und eine große Preisdifferenz zwischen unterschiedlichen Serien feststellen, obwohl die Daten scheinbar identisch sind, bleiben Sie kritisch und kaufen Sie nicht blind das vermeintliche Schnäppchen! 
 
 
Die Prüfdokumente des VDE als Download

  •  drucken 
  • Flattr digitalfernsehen.de
  • Gefällt mir