„Night Sky“: Prime Video entreißt Netflix die Mystery-Krone

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Night Sky bei Amazon Prime Video: Irene und Frankling durchschreiten das Portal
Bild: Amazon Studios
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Das Mystery-Drama „Night Sky“ bei Amazon-Streamingdienst Prime Video zeigt, wie man einen langen Spannungsbogen ohne hohle Stopfmasse aufspannt. Dahingehend sollte sich Konkurrent Netflix wieder auf alte Stärken besinnen.

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Prime Video legt nach der übersinnlichen Country-Geschichte „Outer Range“ mit „Night Sky“ die nächste hochkarätige Mysteryproduktion hin. Nebenbei macht Gemischtwarenhändler Amazon dem Serien-Primus Netflix ein weiteres mal gekonnt vor, dass es kein sündhaft teures und gnadenlos überfrachtetes „Stranger Things“ braucht: „Night Sky“ punktet mit einer vergleichbar subtilen Inszenierung, Raum für gute Darsteller und Dialoge sowie einem guten Schuss lakonischer Poesie.

Darum geht es in „Night Sky“ bei Prime Video

Das ältere Ehepaar Irene und Franklin York hat ein Geheimnis. So ziehen sich die beiden Alten nämlich abends nicht zum Fernsehen auf die Couch zurück, sondern durchschreiten ein mysteriöses Portal unter ihrem Gartenschuppen und genießen im mondänen Wintergarten dahinter die Aussicht auf einen fremden Planeten.

A Room with a View: Das Rentnerehepaar Irene und Franklin York verbringt seine Abende statt vor dem Fernseher lieber in einem intergalaktischen Wintergarten.

Moment mal: Alte Leute auf Wanderschaft durch Dimensionsportale gab es doch kürzlich erst in „Outer Range“ bei Amazon Prime Video zu sehen. Und auch der nächste Handlungsschritt in „Night Sky“ ähnelt der Country-Mystery mit Josh Brolin verdächtig. Schließlich müssen sich auch die Yorks plötzlich mit einem unerwarteten Gast auf ihrem Grundstück befassen.

You know nothing, Jon Snow: Der mit Gedächtnisschwund geschlagene „Besucher“ Jude wirbelt das Altenteil der Yorks ordentlich durcheinander. Während die lebensmüde Irene plötzlich wieder neue Energie verspürt, traut der misstrauische alte Franklin dem Fremden nicht über den Weg.

Doch trotz dieser zunächst unverschämt wirkenden Überschneidung der Plots ist „Night Sky“ ein völlig anderes Paar Schuhe als „Outer Range“ – und mindestens genauso sehenswert. Zwar geht es auch in beiden Serien um ältere Menschen in verzwickten Familienkonstellationen, doch das macht im Grunde gar nichts. Wichtig ist nämlich, dass die Geschichte der neuen Streaming-Serie von ihren starken Darstellern und einer wunderbar mulmigen Atmosphäre in würdevoller Langsamkeit nahezu virtuos getragen wird.

Die Kreativabteilung bei Internet-Riese Amazon scheint es begriffen zu haben: Man muss eben nicht das Rad neu erfinden, um gute Geschichten zu erzählen. Sie gut zu erzählen ist tatsächlich die Hauptsache.

Netflix hergeschaut: So erzeugt man Atmosphäre

Streamingpionier Netflix hat vor einigen Jahren mit der deutschen Produktion „Dark“ die beste Mysteryserie seit „Twin Peaks“ vorgelegt – und leider seitdem keinen würdigen Nachschub geliefert. Dabei hatte das verzwickte und unerhört dicht erzählte Zeitreisen-Drama „Dark“ eigentlich alles, um die perfekte Blaupause für zukünftige Mystery-Produktionen des Streaminganbieters zu sein.

Stattdessen arbeitet sich Netflix kostenintensiv an Mammutprojekten wie der enorm geschwätzigen und effektüberladenen Staffel 4 von „Stranger Things“ ab. Dabei würde es dem Streaminganbieter gut tun, in Zeiten bunter Disney-Konkurrenz sein Profil diametral bei der Erwachsenenunterhaltung zu stärken. Und damit ist nicht immer nur blutige Eskalation gemeint wie in der zugegebenermaßen grandiosen 3. Staffel von „Love, Death & Robots“.

Die Ehe zwischen den Irene und Frankling York ist der Dreh- und Angelpunkt von „Night Sky“. Und das unerklärliche Phänomen im Gartenschuppen der Rentner eine wunderschöne und in keinem Moment kitschig aufgezogene Allegorie zu den Phänomenen endlicher Existenzen: Weltflucht, Lebensmüdigkeit, Rückzug von der Gesellschaft an der Oberfläche – und die finalen Schritte zurück ins Ungewisse.

Es sind in „Night Sky“ nämlich die wunderbar dargestellten zwischenmenschlichen Momente, die den langen Spannungsbogen der Haupthandlung tragen, ohne ihn jemals künstlich in die länge zu ziehen. Momente der Ehe zwischen dem treusorgenden und misstrauischen alten Tischler Franklin und seiner gebrechlichen und lebensmüden Frau Irene, das sich Anstemmen gegen die immer kleiner werdende Welt im Lebensabend, die auch nach Jahrzehnten noch unruhigen Narben familiärer Schicksalsschläge und eine Begegnung, die letztere schmerzvoll aufreisst: So gibt man Schauspielern Raum, den Zauber ihres Handwerks zu entfalten. Nicht durch tollwütige Kamerafahrten in überkandidelten Sets, wie es die neue „Star Trek“-Serie „Strange New Worlds“ versucht.

Da macht der Nachbar Augen: Dass der alte Franklin seinen Nachbarn Byron und dessen Anbahnungsversuche einer generationenübergreifenden Freundschaft knurrig auf Distanz hält, hat seinen Grund. Und der besteht nicht nur darin, dass die Yorks das mystische Portal unter ihrem Schuppen geheim halten wollen.

Sonnenstrahlen, die in das dunkle Haus der Yorks fallen und das gehemmte Bedürfnis, über den Tod zu sprechen: Die ruhig erzählte Geschichte von „Night Sky“ zeigt, dass nicht jede Langsamkeit in der Haupthandlung einer Serie Ausdruck von Ideenlosigkeit ist. Ein unverschämtes Beispiel geistloser Handlungsverwässerung mit stocksteifen Dialogen ist die Paramount-Serie „Star Trek: Picard“ – und selbst diese findet ihre wenigen Höhepunkte, wenn sich handwerklich brillante Oldies wie Sir Patrick Stewart und John D. Lancie im existenziellen Zwiegespräch befinden.

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Bildquelle:

  • nightsky2: Amazon Studios
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2 Kommentare im Forum

  1. Netflix ist auf einem absteigenden Ast, Qualität runter / Preise rauf funktioniert nunmal nicht. Lieber Klasse statt Masse.
  2. "Night Sky" langer Spannungsbogen und ohne hohle Stopfmasse? Habe ich eine andere Serie gesehen? Selten so einen langweiligen Plot gesehen. Bis auf 5 Minuten pro Folge kann man die in die Tonne stecken. Von der Idee her gut gedacht, aber es endet - Vorsicht Spoiler - wieder nur in der Verfolgung angeblich Gut gegen angeblich Böse in einer Art Zeitmaschine. So gesehen hat Netfilx alles richtig gemacht.
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