Filmkritik „Semper Fi“: Die Krisen des Mannes

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Ein heikles Thema in diesen Tagen: In „Semper Fi“ setzt sich ein US-Cop über die Rechtssprechung hinweg, um seinen Bruder aus dem Knast zu befreien. Seit dieser Woche läuft das Thrillerdrama in den deutschen Kinos.

Trägst du etwa Parfum? Eine Duftwolke im Auto von Callahans Clique gibt Anlass für Seitenhiebe und Sticheleien. Ausgerechnet auf dem Weg zur Kaserne! Wie das unter Männern so ist. Oder besser gesagt: Wie es in das Bild passt, das uns Hollywood gern von Männlichkeit verkaufen will. Der Mann hat in diesem Film offenbar zu stinken, um weiter dazuzuhören. „Semper Fidelis“, der Leitspruch der US-Marines, prangt (titelgebend) als Tattoo auf Callahans Unterarm. Übersetzt: immer treu. Callahan, „Cal“ genannt, ist Polizist im Bundesstaat New York, der streng seinen eigenen Prinzipien nachgeht.

Zwischen Beruf und Familie

Im Jahr 2005 trainieren seine Freunde für einen Kriegseinsatz im Irak. Währenddessen hat Cal mit einem ganz anderen Problem zu kämpfen. Sein jüngerer Bruder Oyster wird in eine Schlägerei verwickelt, bei der einer der Angreifer aus Versehen zu Tode kommt. Ein Fluchtversuch wird vereitelt und zwar ausgerechnet von Cal. Sein kleiner Bruder wird festgenommen und soll eine langjährige Strafe im Gefängnis absitzen. Cal gerät immer mehr in einen Gewissenskonflikt, ob es richtig war, Oyster ans Messer zu liefern. Schließlich plant er, ihn mit einer waghalsigen Aktion aus dem Gefängnis zu befreien.

Von Herrentoiletten und Kriegsverletzungen

Was in der Theorie so klar durchkonstruiert scheint, wirkt in der Umsetzung völlig wirr. „Semper Fi“ zerfällt permanent in kleinteilige Szenen, ein Erzählbogen wird dabei selten sichtbar. Vielmehr drängt sich der Verdacht einer Männlichkeitsstudie im Allgmeinen auf. Es gibt da durchaus interessante kleine Beobachtungen anzustellen! So geschieht der tödliche Unfall etwa in einer Toilette. Kein Zufall! Man kann allein diese Örtlichkeit ausufernd durchdenken. Aus diversen Aufsätzen von Gender-Theoretikern wissen wir: Die Herrentoilette ist insgeheim auch immer ein Ort der sexuellen Blicke und der Zurschaustellung männlicher Dominanz. Oyster zieht sich im Film für seine Notdurft in eine Kabine zurück und entzieht sich damit diesem Prinzip. Die gewalttätige Quittung folgt direkt!

Eine andere Figur wird später ins Unglück gestürzt, nachdem sie im Krieg ihr Bein verliert. Es kommt symbolisch einer Kastration gleich. Der makellose Hollywood-Männerkörper kann plötzlich nicht mehr seine Pflicht für Vaterland und Kameraden erfüllen. Worst-Case-Szenario! Männlichkeit heißt hier: Machen, Kämpfen, Verteidigen, Zusammenhalten. Die Männerfreundschaft in diesem testosterongeschwängerten Film steht über allem. Frauen finden fast gar keinen Platz. Man hofft schon insgeheim, dass sich die „ganzen Kerle“ wenigstens endlich küssen mögen. Wäre zumindest ein interessanter Twist gewesen. Doch gelebte Homosexualität ist in dieser machistischen Filmwelt dann doch nicht denkbar.

Thriller ohne Thrill

Man kann ewige Studien zu diesem altbackenen Männerbild anstellen. Und man wünscht sich, der Film würde sich selbst etwas weniger ernst dabei nehmen. Es hätte sich ja bestens angeboten, starre Blut-und-Schweiß-Ideologien rund um Männlichkeit, wahnhafte Prinzipientreue und Hurra-Patriotismus in den amerikanischen Rust Belts zu durchleuchten. Sie offenzulegen ist die eine Sache, doch „Semper Fi“ verfällt genau diesen Ideologien. Er reproduziert sie schlichtweg, clever und differenziert ist da wenig. Da nützt auch das Mindestmaß an ästhetischem Gespür bei der Inszenierung nicht, das da ab und an durchscheint.

Man muss sich diesem ratlos machenden Stoff nicht einmal auf theoretischer Ebene nähern wollen, um festzustellen, dass dies kein guter Film geworden ist. Das schmerzt umso mehr, wo doch gerade jetzt das Kino starke Filme mehr denn je braucht. Viel zu besprechen gibt es in „Semper Fi“ ohnehin nicht. Der zentrale Konflikt zwischen Familie, Beruf und Selbstjustiz dauert, gefühlt, keine 10 Minuten, bis die Karten auf dem Tisch liegen. Kein Platz für Ambivalenzen. Dem Thriller gelingt mit seiner Ausbruchs-Geschichte ja nicht einmal bloßes Entertainment. Dafür rauscht alles viel zu schnell vorbei. Mal unfreiwillig komisch, mal nett anzusehen, in anderen Momenten einfach nur peinlich. Gutes Spannungskino geht anders!

„Semper Fi“ läuft seit dem 9. Juli in den deutschen Kinos.

Bildquelle:

  • semperfi: Kinostar

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