„Dark“ ist ein Meilenstein des Deutschen Serien-TV – nur eine Sache nervt noch

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Bild: © Julia Terjung/Netflix
Bild: © Julia Terjung/Netflix
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Die weltweit gefeierte mystische Science Fiction hat sich sprichwörtlich unendlich viel vorgenommen – und nun in ihrem dritten und finalen Zyklus auch einiges abgeliefert. Doch gemeckert werden darf natürlich trotzdem, wenngleich auch auf erfreulich hohem Niveau.

„Was wir wissen ist ein Tropfen, was wir nicht wissen ein Ozean“ – dieser verschwörerische Aphorismus fällt in Baran Bo Odars hochkomplexer Hit-Serie „Dark“ des öfteren an entscheidenden Stellen. In diesem Sinne sei hier kurz gewarnt: Der folgende Artikel enthält milde Spoiler und vage Hinweise auf den Verlauf der Serienhandlung. Gerade Netflix-Abonnenten, die mit „Dark“ noch gar nicht erst begonnen haben, sollten also lieber zunächst ihre Versäumnisse nachholen – und erstmal nicht weiterlesen.

„Das Ende ist der Anfang, der Anfang ist das Ende“ – so beschreibt sich das Dilemma der Zeitreisenden, die in „Dark“ zwischen Kleinstadt-Beziehungskisten und Apokalypse einen Partisanenkrieg gegen sich selbst führen. Und auch für die Zuschauer trifft der enigmatische Spruch um die zyklische Natur der Dinge ins Schwarze: Wer den finalen Durchlauf der Netflix-Hitserie gerade standesgemäß auf Ex durchgezogen hat, muss eigentlich wieder von vorne beginnen. Zumindest wenn auch nur im Geringsten der Anspruch besteht, den stetig weiter angeschwollenen Knoten aus Zeitebenen, Dimensionen, Lebensgeschichten und Figuren zu entwirren.

Denn ob das schlussendliche Verknüpfen sämtlicher roter Fäden tatsächlich gelungen ist, wird wohl noch speziell ausgerichtete Master-Studiengänge in ferner Zukunft beschäftigen – ist dabei aber eigentlich fast egal. Denn Paradoxes und Logiklöcher sind im Kontext von Zeitreisen- und Paralleldimension-Plots nicht zwingend Fehler, sondern gehören auch zum wesentlichen Instrumentarium der Erzähldisziplin. Dass dann Zuschauerhirne ebenso konfus verknotet dazuliegen scheinen wie die Zeitschleifen und Handlungsstränge, ist da nicht etwa ein notwendiges Übel, sondern durchaus die von den Schöpfern der Fiktion beabsichtigte Wirkung.

Doch nicht nur das manisch-verknotete Handlungsnetz zieht Zuschauer weltweit in den Bann der deutschen Serie: Auch die emotionale Intensität zwischen den Protagonisten Jonas und Martha stimmt nicht nur, sondern ist so überraschend intensiv, dass man fast meint, Freddie Mercury aus dem Jahre 1986 „Who wants to live forever“ schmettern zu hören. Damals war es der „Highlander“ aus dem gleichnamigen Fantasy-Film, der seine große Liebe sterben sehen musste, machtlos etwas zu ändern. Letzteres könnten die verzweifelten Zeitreisenden aus „Dark“ indes durchaus bewirken – und das nicht nur in ihrer fiktiven Heimatstadt Winden, sondern für das gesamte deutsche Serien-Fernsehen.

Ein Signal für mehr clevere Fiktion im TV

Der große Erfolg von „Dark“ beruht nämlich nicht unwesentlich auf der Rücksichtslosigkeit seiner Umsetzung – dergleichen fehlte größeren Science Fiction-Formaten in den vergangenen Jahren trotz großer Namen wie „Star Trek“ oder George R.R. Martin im Rücken stets. Nicht so bei der Geschichte aus der Feder von Baran Bo Odar und Jantje Friese: In all ihrer Verschlungenheit ist die deutsche Mystery-Serie nämlich durchaus geradlinig. Wer nicht aufpasst, ist halt raus. Und selbst wer aufpasst, kommt beizeiten gehörig durcheinander und erwischt sich dabei, wie er die Übersicht im dimensionsübergreifende Beziehungschaos der vier Kernfamilien der Erzählung verliert. So wirklich scheint es aber keinen zu stören – bei „Tatort“-Drehbüchern blickt schließlich oft auch niemand so ganz durch, was da aber eher an verblüffend miserablen Autorenleistungen liegt. So werden dort schließlich banale und lineare Whodunnit-Plots von der Stange so peinlich vergeigt, dass man über Agatha Christies Achsenrotation in ihrer letzten Ruhestätte eine Zeitmaschine mit Energie versorgen könnte.

Das Autoren-Team von „Dark“ geht andere Wege und schert sich, schon fast in David Lynch-Manier, wenig darum, ob es manchem Zuschauer zu kompliziert werden könnte. Prädikat: Zukunftsweisend – schließlich lässt sich am Welterfolg der Serie bemessen, wie massentauglich auch eine anspruchsvolle Geschichte sein kann, wenn sie entsprechend atmosphärisch ausgestaltet wird. Das ist „Dark“ wirklich außerordentlich gut gelungen – und doch gibt es eine Sache, die beizeiten wirklich störend sein kann. Zumindest für manche.

Dialogzeilen steif wie ein Gipsarm

Von einem besonders nervigen Phlegma deutscher Produktionen, das gerade TV-Filmen und Krimis der Öffentlich-Rechtlichen stark zueigen ist, konnte sich „Dark“ nämlich noch nicht befreien: Der stellenweise unsäglich steifen Sprache der Dialoge. Sämtlicher Produktionsaufwand, die gute Musikauswahl, die starke Atmosphäre und stetige Spannung – all das wird immer wieder durch unerhört künstlich klingende Dialogzeilen entzaubert und man fragt sich: Muss das wirklich so sein? Müssen alle deutschen Schauspieler stets so steif und überdeutlich sprechen, als würden sie verzweifelt versuchen, einem Computer von 1998 Stimmerkennung beizubringen?

Bei den Krimis im Abendprogramm der Öffentlich-Rechtlichen sind solch hölzerne Sprechstile durchaus noch mit der Tatsache zu rechtfertigen, dass ein Großteil des Stammpublikums vielleicht nicht mehr so gut hört. Bei all dem Mut und der Verwegenheit, mit der die Macher von „Dark“ mit den lähmenden Konventionen deutscher Produktionen gebrochen haben, ist der seltsam ungelenke Sprachfluss der Akteure jedoch definitiv ein Restärgernis. So gibt es weiterhin Luft nach oben und die nächste große deutsche Hit-Serie lässt vielleicht die Darsteller zuvor einen Kurs im kultivierten Nuscheln bei Jeff Bridges absolvieren.

Bis dahin darf „Dark“ trotz seiner sprachlichen Steifheit auch durchaus nochmal angesehen werden – es gibt schließlich genug clevere Referenzen und Easter Eggs zu entdecken.

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Bildquelle:

  • Dark-Netflix: © Julia Terjung/Netflix
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